Der große Trip - Wild

Der große Trip - Wild





Schmerzlicher Weg zu sich selbst

Cheryl Strayed (Reese Witherspoon) erwischt nur den Anrufbeantworter. Aber sie sagt trotzdem, was sie auf dem Herzen hat: Es tue ihr leid und sie bitte um Verzeihung. Die junge Frau benutzt dabei ein Münztelefon an einer Station mitten in der Wildnis, irgendwo zwischen Südkalifornien und Oregon. Doch das eigentlich Ungewöhnliche an dieser Szene ist, dass "Der große Trip - Wild" klar demonstriert, was er sein will: ein "Oscar"-Film. Denn die, so eine Faustregel amerikanischer Journalisten, erkennt man am Drang, zum Telefon zu greifen und zu sagen, dass es einem leid tut. Für ihr Abenteuer-Drama hat Hauptdarstellerin und Mitproduzentin Reese Witherspoon derartige Erfolgsrezepte offenkundig gründlich studiert.

Was den Europäern ihr Jakobsweg ist, scheint für die Amerikaner der Pacific Crest Trail zu sein, der von der Grenze zu Mexiko bis hinauf nach Oregon und Kanada führt. Der Zweck der Wanderung ist wohl ähnlich: Mit sich selbst ins Reine kommen. Das hat die von Reese Witherspoon verkörperte Cheryl Strayed jedenfalls vor. Auf ihrem 2000-Kilometer-Marsch hat die ebenso zierliche wie energische Blondine nicht nur einen monströsen Rucksack mit Zelt, Kochgeschirr und Notfallutensilien zu schleppen, sondern natürlich auch am unverarbeiteten Krebstod ihrer Mutter Bobbi (Laura Dern), an der gescheiterten Ehe mit Paul (Thomas Sadoski), an einer überwundenen Heroinsucht und eventuell an einer Abtreibung schwer zu tragen.

Ganz genau weiß man das nicht. Denn was ihr zugestoßen ist, erfährt man nur fragmentarisch und etappenweise. In einem besonders kritischen Moment der Wanderung, als die völlig erschöpfte Cheryl gerade Zehennägel und Stiefel verliert, lässt der Film die Vergangenheit der Heldin in Bruchstücken vorüberrauschen. Sie wird ihre eigene Geschichte im Kopf wälzen und zu ordnen versuchen, während sie beim Durchqueren der größtenteils unberührten Natur in der Mojave-Wüste gegen den Durst kämpft, in Schneegebieten der Kälte standhalten muss und sich zwingt, weiterhin einen Schritt vor den anderen zu setzen.

Dass die Tage des dreimonatigen Marsches gezählt und die Entfernungen aufgezeigt werden, sorgt für Empathie, Interesse und sogar Vorfreude auf Cheryls Herausforderungen. Dafür quält sich Reese Witherspoon, zeigt sich verschmutzt, verängstigt, verzweifelt, durchquert alle Täler der Entbehrung. Das ist sehr redlich - erscheint nach einer Weile aber ernüchternd programmgemäß.

Von Farah Fawcett, einem der originalen "Drei Engel für Charlie", stammt das böse Wort, man werde als Schauspielerin in Hollywood nur in Rollen ernst genommen, bei denen man im Dreck versinkt oder Opfer von Gewalt und Unterdrückung wird. Für einige weibliche Stars - Jane Fonda, Kim Basinger, Charlize Theron, Anne Hathaway - war das schon der Weg zum Oscar. Auch "Der große Trip" peilt dieses Ziel an.

Trauer und Verlust, Drogenabhängigkeit und Promiskuität, physischer Schmerz und seelische Pein - mit Ringen unter den Augen absolviert Reese Witherspoon den Pfad der Tränen, den die höchste Schauspielerehrung so gern honoriert. Beim Oscar für "Walk The Line" stand Reese Witherspoon im Schatten des gleichfalls ausgezeichneten Joaquin Phoenix. Dank der frühen Sicherung der Filmrechte an den Memoiren der echten Cheryl Strayed und der Verpflichtung des Regisseurs Jean-Marc Vallée, dessen grandioser "Dallas Buyers Club" letztes Jahr Matthew McConaughey den Oscar brachte, könnte sie nun die ganze Aufmerksamkeit genießen.

Quelle: teleschau - der mediendienst