Chris de Burgh

Chris de Burgh





"Ich bin nah am Wasser gebaut"

Chris de Burgh feiert in diesen Tagen gleich mehrere Jubiläen: Der 66-Jährige veröffentlichte mit "The Hands Of Man" kürzlich sein 20. Studioalbum und steht seit nunmehr 40 Jahren auf der Bühne. Im Frühjahr 2015 wird der "Lady In Red"-Sänger auf große Deutschlandtour kommen. Wie er selbst zu seinem größten Hit steht, welche magischen Kräfte menschliche Hände besitzen und wovon der irische Songwriter feuchte Augen bekommt, verriet er beim Interview in Hamburg.

teleschau: Mr. de Burgh, was bedeuten die Hände auf dem Cover Ihres neuen Albums?

Chris de Burgh: Das sind nicht nur Hände! Der wichtige Teil ist in der Mitte: Das, was man nicht sieht; die Herzform, die durch die Hände entsteht. Man bemerkt es nicht sofort, aber man fühlt es. Da ist etwas, dass in die Hände hineinfallen oder aufsteigen soll. Aber das überlasse ich Ihrer Fantasie.

teleschau: Angeblich soll das Albumcover als Symbol dafür stehen, was für magische Dinge Hände tun können.

de Burgh: Klar, denn es ist doch so: Wenn wir keine Daumen hätten, wäre die komplette Menschheitsgeschichte anders verlaufen. Daumen machten den Unterschied zwischen uns und anderen Säugern, eigentlich jeglichem anderen Leben auf dem Planeten. Ohne Daumen könnten wir nicht schreiben, keine Dinge öffnen, nicht essen, nicht Gitarre spielen, unsere Kreativität nicht ausdrücken und keine Kunst machen. Wir wären nicht in der Lage gewesen, Kathedralen zu erbauen oder Menschen zum Mond zu schicken. Mit den unglaublichen Dingen, die wir erreicht haben, beschäftige ich mich im Titelsong.

teleschau: Der Song spricht auch davon, dass Hände auch töten können.

de Burgh: Ja, das ist das Paradoxe an der Menschheit. Wir sind zwar ein außergewöhnlicher Haufen von Leuten, aber wir sind auch höchst selbstzerstörerisch. Wir könnten fabelhafte Dinge tun, wir können Leben retten, stattdessen erschaffen wir lieber chemische Waffen. Also wer sind wir? Warum sind wir so widersinnig als Rasse? Darauf wendet sich mein Blick.

teleschau: Sie selbst sollen ja mal behauptet haben, mit Ihren Händen heilen zu können ...

de Burgh: Es soll Leute geben, die nicht an derartige Heilung glauben, die es als Quatsch abtun. Aber wenn diese Menschen dann krank werden, Doktoren, Spezialisten, große Kliniken und die konventionelle Medizin ihnen nicht weiterhelfen können - geben sie dann einfach auf? Nein! Sie schauen sich um nach alternativer Medizin. Und da können Heiler helfen. Ich interessiere mich dafür schon seit geraumer Zeit.

teleschau: Haben Sie denn Probleme?

de Burgh: Nein, ich war einfach nur neugierig. Ich denke, dass jeder die Möglichkeit hat, andere Leute besser fühlen zu lassen. Speziell mit diesen außergewöhnlichen Dingern, die man Hände nennt. Und sei es nur durch eine Massage. (lacht)

teleschau: Was ist denn mit der heilenden Wirkung der Musik?

de Burgh: Die ist groß! Könnten Sie sich eine Welt ohne Musik vorstellen? Wenn man Musik auf sich wirken lässt, kann sie verändern, wie wir fühlen. Nicht nur bezüglich uns selbst, sondern auch über das Leben und Dinge aus unserem Umfeld. Es ist offensichtlich, dass Musik auch Wut erzeugen kann. Sie ist mächtig. Unser Leben wäre ohne Musik komplett anders. Deshalb lege ich Emotionen in meine Songs. Wenn etwas starke Gefühle in mir auslöst, wenn mich etwas wütend oder traurig macht und Bilder in meinem Kopf kreiert, versuche ich diese Gefühle in Musik und Wörter zu übertragen. Und das funktioniert: Denn ich verkaufe viele Platten in Ländern, in denen man kein Englisch spricht, aber sie fühlen etwas im Bezug auf die Melodien. Leute in China oder Russland lernen sogar Englisch durch mich.

teleschau: Über "Lady In Red" wird gern gesagt, dass Sie es übertreiben mit den Emotionen ...

de Burgh: Ja, ja, "Lady In Red". Lustigerweise sehe ich manchmal Ehemänner bei meinen Konzerten, die nur widerwillig von ihren Frauen mitgeschleppt wurden. Und die sitzen dann da so nach dem Motto: "Los, beeindrucke mich!" "Lady In Red" ist der leiseste Song in meinem Programm, der Rest gleicht einem Rockkonzert inklusive Lichtshow, Bild- und Filmprojektionen. Es ist also ganz einfach: Als Zuschauer erlaubst du so viel oder so wenig Emotionen, wie du aufnehmen willst. Ich weiß, dass "Lady In Red" mein berühmtester Song ist, aber ich sehe "Don't Pay The Ferryman" oder "High On Emotion", eben jene getriebenen Rocksongs, viel eher als Aushängeschild für mein Werk. Doch natürlich bin ich froh darüber, dass "Lady In Red" zum unsterblichen Song geworden ist.

teleschau: Aber Sie haben eine ambivalente Einstellung zu dem Lied?

de Burgh: Eher meine Frau! Vor 25 Jahren sagte sie mir, dass sie nun nie wieder etwas Rotes anziehen könne, weil es alle anderen tun. Aber der Song als solches ist nicht nur ein kitschiges Liebeslied, ich schreibe ja auch Filmmusik, und dieses Lied ist wie ein Film.

teleschau: Wie geht der?

de Burgh: Ein Paar macht sich schick für den Abend, und sie braucht ein bisschen länger, weil sie eine echte Lady ist. Er sagt: "Nun beeil dich, wir kommen zu spät zur Party!" Sie steigen ins Auto, er ist sauer. Bei der Party trinkt er lieber Bier mit seinen Freunden. Und eine Stunde später sieht er den Rücken einer Frau im roten Kleid, umringt von Männern, die offensichtlich mit ihr flirten, weil sie so unglaublich toll aussieht. Es braucht einen Moment bis er realisiert, dass es seine Frau ist! Und das ist der Moment, wo es romantisch wird, weil er plötzlich merkt, dass er ihr nicht die Aufmerksamkeit entgegenbringt, die er ihr entgegenbringen sollte. Er entschuldigt sich, obwohl Männer darin sehr schlecht sind. Und er tanzt mit ihr.

teleschau: Es ist also ein Song darüber, wie wichtig es ist, dem Partner Aufmerksamkeit zu schenken?

de Burgh: Genau! Leute fragen mich immer, was mein Geheimnis für meine langjährige Ehe ist. Und ich antworte: sich Raum zu geben und Respekt voreinander zu haben. Und natürlich Humor!

teleschau: Sie sind also aufmerksam?

de Burgh: Oh ja!

teleschau: Sie erklärten bereits vorab, dass sie auf "The Hands Of Man" Themen behandeln, die Ihnen wichtig sind. Welche sind das?

de Burgh: Jede Frau sollte ein Recht auf Bildung haben, auf Selbstbestimmung, auf Respekt und die Freiheit, was sie anziehen darf - ohne dass sie einen Mann um Erlaubnis fragen muss. Darum geht's in "The Keeper Of The Keys". Ich will nicht eingreifen in die Gewohnheiten und religiösen Einstellungen von Ländern, die das anders handhaben. Aber für mich sind wir alle gleich auf diesem Planeten. Die Dominanz von Männern über Frauen, die zur Legitimation ihrer Handlungen behaupten, es wäre so in einem antiken Buch vorgegeben, kann ich nicht gutheißen. Malala, das damals 15-jährige Mädchen aus Pakistan, wurde ins Gesicht geschossen, nur weil sie in die Schule gehen wollte! So was macht mich krank.

teleschau: Sie haben auch früher schon politische Songs geschrieben, etwa über den Nord-Irland-Konflikt. Die meisten Leute scheinen das aber über "Lady In Red" vergessen zu haben ...

de Burgh: Ich weiß! Manche glauben, "Lady In Red" sei der einzige Song, den ich jemals geschrieben habe, und ich verdiene Millionen damit.

teleschau: Das mit den Millionen stimmt aber, oder?

de Burgh: Vermutlich ja. (lacht) Aber ich habe 280 Lieder geschrieben! Und "The Keeper Of The Keys" ist ein gutes Beispiel dafür, weil ich auch hier meinen eigenen Film zum Thema aufgeschrieben habe: Ich stehe vor einem Gefängnis, und ich höre die Frau, die drinnen nach Hilfe ruft. Und dann wende ich mich an die Männer, die sie dort gefangen halten und die Angst haben, dass sie wieder in Freiheit kommt, weil das bedeuten würde, dass ihre Macht schwindet. Und das ist es ja, worum es dabei ausschließlich geht: Kontrolle und Macht zu haben! Es tut übrigens gut, in Interviews über so was zu reden, das ist wie Therapie für mich.

teleschau: Weinen Sie auch, während Sie Ihre Songs aufnehmen?

de Burgh: Das passiert in der Tat ab und zu.

teleschau: Auch bei der Hochzeit Ihrer Tochter Rosanna sollen Sie Tränen geflossen sein ...

de Burgh: Oh, ja, ich bin generell nah am Wasser gebaut. Aber ich habe nicht geweint, während ich für sie gesungen habe. Als ich meine wunderschöne Tochter bei der Hochzeitszeremonie ihrem zukünftigen Mann übergeben sollte, alle uns anstarrten und die Musik einsetze, da kullerten mir die Tränen runter. Es war ein Moment der Realität, sie nun loslassen zu müssen. Einige junge Mädchen unter den Gästen kamen später zu mir und sagten, ich hätte ihnen ihr Augen-Make-up versaut. Aber es ist doch gesund, solche Gefühle herauszulassen. Es ist ja nicht so, dass ich voll von Übel und Schmerz wäre.

teleschau: Wie leben Sie eigentlich heutzutage? Immer noch in dem Schloss, in dem Sie aufwuchsen?

de Burgh: Es ist immer noch im Besitz unserer Familie. Meine Mutter wohnt dort. Als ich jung war, machte ich für die Hotelgäste dort Musik. So fing es an. Heute lebe ich in der Nähe von Dublin, in einem großen, wundervollen Haus. Es ist wirklich riesig, aber jetzt, wo die Kinder flügge sind, überlegen meine Frau und ich uns etwas Kleineres zuzulegen.

teleschau: Im Song "Big City Sundays" erzählen Sie von Ihren Anfangsjahren als Musiker in London.

de Burgh: Oh ja, es war so hart, in das Business hineinzukommen. Es dauerte Jahre, einen Fuß in die Tür zu bekommen. Und ich hatte furchtbare Nebenjobs, die mir das Leben in London finanzierten.

teleschau: Welcher war der schlimmste?

de Burgh: Auf dem Markt Schweinehälften und toten Truthahn zu schleppen!

teleschau: Mittlerweile hat Ihre Tochter Sie sogar zum Veganer gemacht, oder?

de Burgh: Nicht ganz. Aber meine Tochter ist ausgebildete Ernährungswissenschaftlerin und berät mich seit Jahren - auch was die Fitness für die Bühne angeht. Ich versuche, Fleisch, Weizen und Milchprodukte weitestgehend zu vermeiden. Sie haben also gerade einen ziemlich gesunden Mann vor sich sitzen! (lacht)

21.04.2015, Hannover, Kuppelsaal im HCC

22.04.2015, Bremen, Musical Theater

24.04.2015, Halle/Saale, Georg-Friedrich-Händel-Halle

25.04.2015, Leipzig, Haus Auensee

27.04.2015, Stuttgart, Liederhalle Beethovensaal

28.04.2015, Stuttgart, Liederhalle Beethovensaal

01.05.2015, Münster, Messe-Congress Centrum Halle Münsterland

02.05.2015, Lemgo, Lipperlandhalle

04.05.2015, Flensburg, Deutsches Haus

18.05.2015, Hamburg, CCH

19.05.2015, Berlin, Tempodrom

24.05.2015, München, Philharmonie im Gasteig

26.05.2015, Mannheim, Rosengarten Mozartsaal

28.05.2015, Siegen, Siegerlandhalle

29.05.2015, Frankfurt/Main, Alte Oper

Quelle: teleschau - der mediendienst