Hendrik Duryn

Hendrik Duryn





"Wie geil ist das denn?"

Er ist häufig zu sehen im deutschen TV und dennoch schwer zu fassen: Hendrik Duryn hat als Schauspieler viele Gesichter. Er war knallharter Autobahnpolizist bei RTL und verführerischer Frauenschwarm im ZDF-Herzkino, und auch auf der Leinwand reüssiert der 47-Jährige immer häufiger, zuletzt im Thriller "Wir waren Könige". Gerade den jüngeren Zuschauern dürfte er vor allem als Stefan Vollmer bekannt sein, der lässige und gutmütige Pädagoge aus der RTL-Comedyserie "Der Lehrer". Die mit dem Deutschen Comedypreis ausgezeichnete Serie startet am 8. Januar, 20.15 Uhr, mit einer Doppelfolge in eine dritte Staffel. Im Interview verrät Duryn unter anderem, was für ihn einen coolen Lehrer ausmacht und wie er als Student in Leipzig die Wiedervereinigung erlebte.

teleschau: Im Oktober 2014 hat "Der Lehrer" den Deutschen Comedypreis gewonnen. War das ein Ansporn für Sie, mit der Serie weiterzumachen?

Hendrik Duryn: Es ist für uns ein schönes Gefühl gewesen, dass unsere Arbeit honoriert wurde. Das ist für eine Serie wie "Der Lehrer", die anfangs auch von den Kritikern sehr stiefmütterlich behandelt wurde, schon top!

teleschau: Bevor "Der Lehrer" 2009 erstmals bei RTL ausgestrahlt wurde, lag die Serie jahrelang in der Schublade...

Duryn: Ja, wenn man bedenkt, dass wir schon 2006 den ersten Pilotfilm drehten, ist "Der Lehrer" eine der am längsten laufenden Serien im deutschen Fernsehen! (lacht) Wenn man dann bei einer Preisverleihung auch noch die Konkurrenz sieht, wie etwa "Der Tatortreiniger", dann ist das eine umso größere Ehrung. Man denkt sich: "Wie geil ist das denn?"

teleschau: Sie drehen zurzeit die letzten Folgen für die dritte Staffel zu "Der Lehrer". Wird es eine vierte Staffel geben?

Duryn: Wir gehen davon aus, dass wir eine vierte Staffel machen können, weil "Der Lehrer" einfach gut ist. Die Serie ist zeitrelevant, humorvoll, hat mit jungen Leuten und ihren Geschichten zu tun und ist dadurch auch ernsthaft. An Büchern arbeiten wir schon!

teleschau: Ihre Serienfigur, der Lehrer Stefan Vollmer, ist ein ziemlich lässiger Kerl. Kann es coole Lehrer nur im Fernsehen geben?

Duryn: Heute wird einem im Fernsehen und Kino vorgelebt, was cool sein soll: lässige Macho-Sprüche und Arschloch-Verhalten. Das ist ein Zeichen der Zeit. Wir leben relativ medial und glauben deswegen, dass das cool sein muss. Der Lehrer, den wir seit 2006 zeichnen, nimmt die Themen und Probleme der Schüler ernst, behandelt sie aber auf eine andere Art und Weise, nicht mit einer falsch verstandenen Moral oder einem falschen Ethikgefühl. Er verhält sich direkt. Er sagt: "Da ist ein Problem, und das muss man lösen, man kann nicht einfach nur zuschauen." Das macht seine Coolness aus.

teleschau: In der zweiten Folge der neuen Staffel geht Vollmer auf ein Treffen seines Abi-Jahrgangs. Wann waren sie das letzte Mal auf einem Klassentreffen?

Duryn: Ich war ein einziges Mal auf einem Klassentreffen, vor knapp zehn Jahren. Und es war katastrophal.

teleschau: Warum das?

Duryn: Bei Klassentreffen verfällt man sofort wieder zurück in dieses Schüler-System. Das Verhalten von damals und die Beziehungen untereinander, das ist alles schlagartig wieder da, als hätte sich nichts verändert. Der Unterschied ist nur, dass die Leute um einen herum alle graue Haare bekommen haben!

teleschau: Und Sie sind immer noch der Frauenschwarm ...

Duryn: Das glaube ich nicht. Ich habe zwar eine Fangemeinde, aber wenn ich mich mit Fans unterhalte, dann werde ich nicht darauf reduziert, dass ich angeblich so ein geiler Kerl bin. Dann redet man über ganz normale Themen!

teleschau: Verglichen mit anderen Schauspielern sind Sie auch selten in der Klatschpresse vertreten. Ist das Absicht?

Duryn: Ich versuche immer, für das Produkt zu werben und nicht für mich selbst. Ich mache "Der Lehrer", weil ich finde, dass die Serie ins Fernsehen gehört. Die Themen, die angesprochen werden, sind relevant. Natürlich ist meine Performance wichtig - aber es geht nicht primär um mich. Es geht um das, was wir als Team schaffen. Als ich bei der Verleihung des Comedypreises war, stand vor uns auf dem Roten Teppich Daniela Katzenberger, und die Fotografen riefen ihr zu, sie solle mehr von ihrem Dekolleté zeigen. Da habe ich gemerkt: Es geht oft leider nicht um Inhalte, sondern um die richtige Oberweite!

teleschau: Gut, also sprechen wir über Inhalte. Stichwort Bildungspolitik: Deutsche Schüler schneiden bei PISA und Co. nicht so gut ab, wie sich Bildungspolitiker das wünschen würden. Wer ist schuld daran?

Duryn: Da muss man schon bei der Fragestellung relativieren. Was sind das eigentlich für Tests? Was wird da auf den Prüfstand gestellt? Was wird da eigentlich verglichen? Ich war einmal mit unserer Kultusministerin in Sachsen unterwegs, um zu sehen, wo die eigentlichen Probleme liegen, was guten Unterricht behindert. Und ich habe dabei auch gemerkt, wie viele engagierte Lehrer es gibt, die sich den Arsch aufreißen, um guten Unterricht zu machen und die Schüler da abzuholen, wo sie sind. Viele Lehrer versuchen, Wissen zu vermitteln, weil sie Interesse an den Kindern haben.

teleschau: Sie sind in Leipzig geboren und leben noch immer dort, sind Ihrer Heimat also treu geblieben.

Duryn: Ja, bis auf eine Periode von zehn Jahren, als ich an verschiedenen Theatern gespielt habe, lebe ich in Leipzig. Leipzig ist eine tolle Stadt, deswegen bin mit meiner Familie hierher zurückgekehrt.

teleschau: Was gefällt Ihnen an Leipzig?

Duryn: Die Stadt ist schön langsam gewachsen, sie ist nicht so explodiert, alles ging Stück für Stück. Es gibt in Leipzig eine tolle Studentenkultur und wieder Industrie, es wird wieder richtig gearbeitet. Als ich noch ein Kind war, war überall Chemie und Kohledreck, jetzt gibt es Naherholungsgebiete, wo man Surfen und Schwimmen und sich an den Sandstrand legen kann. Das ist der absolute Wahnsinn!

teleschau: Nach Berlin hat es Sie nie gezogen?

Duryn: Vor vielen Jahren habe ich das einmal kurz überlegt, mich dann aber entschieden, meine Karriere langsam anzugehen und meiner Familie den Vorrang zu gewähren.

teleschau: Dennoch haben Sie Familie und Karriere vereinbaren können.

Duryn: Ich denke schon.

teleschau: Wie haben Sie als Leipziger die Wiedervereinigung vor 25 Jahren erlebt?

Duryn: Ich war 1989 noch Student. Damals bin ich mit meinen Kommilitonen bei den Montags-Demonstrationen mitgelaufen, und wir haben Politprogramme gemacht, die sich beispielsweise mit Solschenizyns "Archipel Gulag" beschäftigten. Aber wir waren auch sehr naiv. Unsere Dozenten haben uns damals gesagt, wir sollen unsere Aktionen heimlich machen, sie würden uns zwar unterstützen, aber wir sollten ihnen nichts davon sagen. Wir waren mitten im Geschehen und hatten verrückterweise überhaupt keine Angst!

teleschau: Kam die Wende für Sie dann überraschend?

Duryn: Ja, es war total überraschend, vor allem, dass es so schnell ging, angegliedert zu werden. Wir hatten immer von einem Dritten Weg geträumt, von einer Alternative zum rauschhaften Konsumverhalten, das sich dann plötzlich einstellte. Dass auf einmal alle nach Ibiza fliegen, Marlboro rauchen und Golf GTI fahren wollten, hätten wir nie gedacht.

teleschau: Das wollten die meisten?

Duryn: Ja, aber das haben wir nicht gecheckt. Wir dachten, wir steuern auf etwas Neues zu, auf eine Alternative zu den beiden Systemen. Es kann nicht sein, dass man ein Verhalten des Nichtkonsums - weil keine Güter da sind - eintauscht gegen ein Verhalten des sinnlosen Kaufrauschs! Nicht mal mehr der Sonntag ist heute noch heilig!

teleschau: Sind Sie eigentlich ein gläubiger Mensch?

Duryn: Obwohl ich nicht in die Kirche gehe und nicht getauft bin, bin ich im Prinzip, was die Zehn Gebote betrifft, ein gläubiger Mensch. Aber ich bin kein praktizierender Christ. Ich finde viele grundsätzlichen Ideen einfach großartig, und wenn man die praktisch anwenden würde, wäre das hervorragend.

teleschau: Wie wäre Ihre Karriere gelaufen, wenn Deutschland nicht wiedervereint worden wäre?

Duryn: Dann hätte ich am Theater groß Karriere machen können. Ich habe nach der Wende nämlich erst mal nicht gewusst, was ich jetzt noch am Theater soll. Es gab zu viel und gleichzeitig gar nichts zu erzählen. Ich habe mir nach der Wende sehr viel Theater angeschaut und mich gefragt, was die da auf der Bühne wollten. Die erzählten witzige Geschichten, waren total unterhaltsam und spektakulär - aber die Auseinandersetzung mit dem, was gerade gesellschaftlich relevant war, fand gar nicht statt. Es gab nach der Wende nichts zu sagen, weil alle nur einkaufen gehen wollten. Es war total sinnlos.

teleschau: Spielen Sie heute wieder Theater?

Duryn: Ab und zu, wenn ich die Gelegenheit habe. Aber das ist momentan selten, da ich mit anderen Projekten sehr beschäftigt bin, da bleibt kaum noch Zeit für Theater. Und wenn man Theater macht, ist man schnell raus aus dem Filmgeschäft. Es sei denn, man hat einen großen Namen und wird als bekannter Schauspieler beim Theater angefragt, um mehr Zuschauer anzulocken. So weit bin ich noch nicht, aber da würde ich gerne hinkommen.

teleschau: Sie haben zu Beginn Ihrer Karriere nicht nur Theater gespielt, sondern auch bei "Verbotene Liebe" mitgewirkt ...

Duryn: Ja, ganz am Anfang, parallel zu meinem Engagement am Neuen Theater in Halle. Dafür hat mir mein Intendant extra freigegeben, weil er meinte, ich würde bei "Verbotene Liebe" lernen, wie Film funktioniert und wie man mit Kameras umgeht. Aber er sagte auch, ich solle es nicht länger als ein viertel Jahr machen.

teleschau: Warum nicht?

Duryn: Wäre ich länger bei "Verbotene Liebe" geblieben, hätte mein Schauspiel darunter gelitten. Bei Seifenopern muss man ja doch sehr oberflächlich spielen, da geht es nicht um Tiefe. Wenn man zu lange in einer Soap spielt, tut man sich irgendwann mit anspruchsvolleren Rollen schwer.

teleschau: Seriendarsteller haben ja auch das Problem, zu sehr auf ihre Rolle festgelegt zu sein. Droht Ihnen das mit "Der Lehrer"?

Duryn: Das glaube ich nicht. Als "Der Lehrer" werde ich noch nicht abgestempelt.

teleschau: Also werden sie auf der Straße auch nicht als "Der Lehrer" erkannt?

Duryn: Das ist total unterschiedlich. Viele Leute sprechen mich auf die Fernsehfilme an, die ich mache, aber auch auf "Der letzte Bulle" bei SAT.1. Da ich aber sehr variabel bin und viele verschiedene Rollen spiele, ist es für viele schwer, mich überhaupt einzuordnen. Mal bin ich Zuhälter, mal ein gestresster Ehemann der zum Mörder wird, mal ein durchgeknallter Vollidiot, mal ein Action-Held ...

Quelle: teleschau - der mediendienst