Hans-Jochen Wagner

Hans-Jochen Wagner





Heraus aus der zweiten Reihe

Im Theater hatte Hans-Jochen Wagner schon einiges erreicht, als er 2003 die ersten Filme drehte. Am Wiener Burgtheater und dem Deutschen Theater in Berlin war der gebürtige Schwabe engagiert, ehe er von Regisseur Stefan Krohmer für zwei Hauptrollen in "Sie haben Knut" und "Familienkreise" engagiert wurde. Danach etablierte sich Wagner allerdings als gut gebuchter Nebendarsteller. Meistens für leicht schmierige oder spießige Typen. Doch selbst in der zweiten Reihe fiel sein großartiges Spiel fast immer auf, so dass der 46-Jährige nunmehr endlich in der Pole Position angekommen zu sein scheint. In der ZDF-Krimireihe "Kommissarin Heller" spielt Hans-Jochen Wagner neben Namensvetterin Lisa Wagner die zweite Hauptrolle. In der engagierten neuen RTL-Serie "Männer! Alles auf Anfang" ist der mit Regisseurin Nana Neul ("Stiller Sommer") verheiratete Schauspieler einer von drei Männern, die nach dem Feldverweis durch ihre Frauen ein neues Leben beginnen müssen.

teleschau: Was ist das Besondere an der Serie "Männer"?

Hans-Jochen Wagner: Dass drei Männer über eine längere Strecke facettenreich gezeichnet werden. Klar denkt man am Anfang, Andreas Pietschmann ist der Aufreißer, Christoph Letkowski der verklemmt Beau und ich der nette Familienpapi. Das Tolle ist, dass alle Charaktere sich entwickeln und das auf eine sehr ungewöhnliche Art. Eigentlich beginnt die Serie mit männlicher Orientierungslosigkeit und wird zu einer Art psychologischem Befreiungskampf (lacht).

teleschau: Was kann man dabei über Männer lernen?

Wagner: Dass man erwachsene Männer in einem Reife- oder Entwicklungsprozess begleitet, ist schon mal ungewöhnlich. Für deutsches Serienfernsehen allemal. Keiner dieser Männer erzählt ein Klischee - das finde ich super. Es ist ja so, dass sich Männer meist erst dann neu erfinden, wenn sie sich als schwach erleben und in eine Krise geraten sind. Was sie vorher gehalten hat, ist die Struktur. Eine Beziehung zum Beispiel, ihre Familie, der Job. Männer neigen dazu, es sich in solchen Strukturen bequem zu machen und ihr Leben auf Autopilot zu stellen. In der Serie fallen diese Strukturen nun weg. Nun kommt die Zeit, sich neu zu erfinden. Dabei schaue ich gerne zu.

teleschau: Warum machen es sich Männer denn so gerne in ihren Strukturen bequem?

Wagner: Das ist eine gute Frage. Ich denke, ein Grund dafür ist, dass viele Männer nicht gerne kommunizieren. Deshalb gibt es in ihrem Leben so viele Missverständnisse. Meine Serienfigur ist zum Beispiel völlig überrascht darüber, dass seine Frau ihm sagt: 'Du gehst mir seit 16 Jahren tierisch auf den Senkel.' Natürlich könnte man da fragen: 'Aber warum hast du mir das nie gesagt?' Da würde eine Frau antworten: 'Ich habe dir das gesagt, aber mit anderen oder ohne Worte - aber du hast nie zugehört.'

teleschau: Tun sich Männer schwerer mit Neustarts als Frauen?

Wagner: Sicher ist, dass sie heute viel öfter Neustarts bewältigen müssen als früher. In alten Zeiten hieß es: Hinter jedem Mann steht eine Frau, die ihm den Rücken freihält. Frauen sorgten für Stabilität. Die Männer konnten draußen walten, vielleicht ein bisschen Halligalli machen und dann in den sicheren Schoß der Familie zurückkehren. Das sind natürlich Relikte aus den letzten Jahrhunderten. Heute gibt es diese Stabilität nicht mehr. Frauen verlassen ihre Männer, wenn sie keine Lust mehr auf die Beziehung haben. Männer sind in Sachen Neustart auf jeden Fall weniger geübt als Frauen und finden Veränderungen generell bedrohlicher als Frauen.

teleschau: Nun leben die Männer Ihrer Serie zu dritt in einer Verlassenen-WG. Schreit das nicht nach dem alten Buddy-Klischee, also Saufen und dem anderen auf die Schulter klopfen?

Wagner: Die Serie spielt zwar mit diesem Klischee, erfüllt es aber nicht. Es ist eher so, dass die beiden anderen Männer einem immer wieder den Spiegel vorhalten und man sich an diesem Bild reibt und streitet. Ich kritisiere zum Beispiel meinen Mitbewohner, weil er nach der Trennung mit anderen Frauen schläft. Bis ich kapiere, dass da in mir eine große Sehnsucht ist, weil ich so nie gelebt habe und das Gefühl hochkommt, etwas im Leben verpasst zu haben. Die Serie geht überhaupt nicht in jene "Männerhort"-Richtung, die uns erzählen will: Alles, was Männer heimlich wollen, ist Bier saufen, Fernsehen gucken und ungestört miteinander abhängen. Das tun wir zwischendurch auch, aber da ist dann immer auch ein Konflikt. Man wird immer in Frage gestellt durch die beiden anderen.

teleschau: Wie können sich Männer am besten gegenseitig durch eine Krise helfen?

Wagner: Auf jeden Fall nicht, indem sie sich in weinerlichem Selbstmitleid gegen die Frauen verbünden. Natürlich muss das auch mal sein, aber man darf nicht an diesem Punkt stehen bleiben. Wir Männer können uns durchaus an dem orientieren, was in der Frauenbewegung jahrzehntelang entwickelt wurde (lacht): reden, Gefühle zeigen, Identitäten finden.

teleschau: Repräsentieren Filme wie "Männerhort" oder die "Hangover"-Reihe also das Pfeifen der Männer im dunklen Wald? Weil man eigentlich weiß: Saufen und feiern ist auf Dauer auch keine Lösung?

Wagner: Deshalb wachen die Männer in "Hangover" ja auch immer ziemlich verkatert auf. Das traditionelle Männerbild behauptet ja, dass Alkoholexzesse beim Lösen von Problemen helfen. Nach dem Motto: Wir haben uns mal richtig locker gemacht. Stattdessen passiert aber etwas anderes: Alkohol ist ein Katalysator, der Gefühle von innen nach außen trägt. Ich habe es selbst erlebt, dass man sich betrunken in den Armen liegt, gemeinsam weint und so weiter. Das ist auch durchaus legitim. Entscheidend ist, was am Tag danach passiert. Dann muss man reden, nachdenken und verstehen lernen.

teleschau: Verändert sich das Männerbild in unserer Gesellschaft gerade massiv? Ständig ließt man irgendwelche Leitartikel über Männer, es gibt Filme und nun eine Serie über Männer und ihre Rolle ...

Wagner: Ich glaube, das Männerbild verändert sich tatsächlich gerade. Ist ja auch logisch, schauen Sie doch mal, was in kurzer Zeit alles passiert ist. Mein Vater war Beamter, er machte sein Leben lang einen Job, baute sein Haus und wusste, was auf ihn zukam. Das gab ihm Stabilität, die hat er uns zu Hause auch vermittelt. Mein Vater war ein typischer Mann seiner Zeit. Aber wo gibt es die heute noch? Dieses traditionelle Versorgertum hatte sicher seine Vorteile. Ich sehe es auch nicht als Angriff auf die Frau. Doch diese Strukturen existieren heute nicht mehr. Alles ist unsicher, Mann und Frau müssen beide arbeiten und so weiter. Dass sich das Männerbild gerade stark verändert, kann einen doch kaum wundern.

teleschau: Stützt diese Entwicklung die Familie als Lebensform oder schadet sie ihr?

Wagner: Das Absurde ist, dass die Konservativen heute noch die Familie als Keimzelle der Gesellschaft betrachten. Andererseits zerstört der von ihnen ja durchaus propagierte Kapitalismus diese Keimzelle, weil sich alle in der Familie ständig irgendwo anders hin entwickeln müssen. Kontinuität ist das, was eine Familie braucht, was unsere Zeit aber kaum noch bietet. Insofern wundert es mich nicht, dass die Familie als Lebensform unter Mitgliederschwund leidet.

teleschau: Kommen wir doch mal zu Ihrer Kontinuität als Schauspieler. Sie waren lange Jahre der klassische Nebendarsteller, sind aber nun mit "Kommissarin Heller" oder auch dieser Serie bei den Hauptrollen angekommen. War das abzusehen?

Wagner: Es gibt im deutschen Fernsehen eine Struktur, in der sehr frauenaffin erzählt wird. Da hatte ich oft den Part des gütigen Ehemannes zu spielen. Nach dem Motto: Frau hat eine Affäre, kommt nach Hause, beichtet und ich sage: "Ist wieder alles okay, Gabi" (lacht). Solche Rollen habe ich einige Male gespielt und mich dann irgendwann dagegen entschieden. Ich hoffe, dass die Entwicklung Ergebnis meiner kontinuierlichen guten Arbeit als Schauspieler ist (lacht). Ich kann es aber nicht mit Bestimmtheit sagen. Dazu kenne ich zu viele Kollegen, die super sind und die ich für total etabliert hielt - und plötzlich haben sie keine Rollen mehr bekommen. Ich bin ein eher skeptischer Mensch und warte eigentlich immer darauf, dass morgen gar nichts mehr funktioniert (lacht).

teleschau: Haben Sie sich in Ihrem Leben schon viele Sorgen um Ihre Karriere gemacht?

Wagner: Nein, eigentlich nie. Ich habe immer gewusst, dass ich ans Theater zurückgehen und dort arbeiten kann. Ich hatte allerdings immer einen ziemlich niedrigen Lebensstandard. Keine Eigentumswohnung, die ich abbezahlen muss oder dergleichen. Jetzt habe ich ausnahmsweise gerade mal ein Auto, was ich aber eigentlich gar nicht brauche. Wenn ich mal Geld hatte, habe ich es schwachsinnigerweise rausgehauen. Ich lebte von der Hand in den Mund. Seit einem Jahr bin ich nun allerdings verheiratet, da kommt dieses traditionelle Versorgergefühl in mir hoch (lacht). Ich bin auf dem Weg, mich diesbezüglich zu verändern. Seit zwei Jahren tue ich solche Dinge wie Geld zurückzulegen. Verrückt!

teleschau: Nehmen Sie schon mal Rollen allein wegen des Geldes an?

Wagner: Ich hatte diesbezüglich immer einen hohen eigenen Qualitätsanspruch. Aber eben auch wenig finanzielle Ansprüche. Momentan spiele ich Rollen, die ich interessant finde, da tut sich dieser Konflikt nicht auf.

teleschau: Träumen Sie von einem Filmprojekt, das Sie gerne verwirklichen würden?

Wagner: Ja, da gibt es etwas. Ich denke seit Langem über einen schwäbischen Kinofilm nach. Einer, der das Besondere der schwäbischen Seele erforscht und auch ihren revolutionären Kern. Den gibt es nämlich, auch wenn der Schwabe gern als Spießer hingestellt wird. Diese bayerischen Filme sind mittlerweile recht etabliert. Ich würde so etwas gern auf Schwäbisch machen. Die Idee ist in meinem Kopf, und ich habe ja auch gewisse Strukturen, meine Frau ist Regisseurin. Aber das Ganze wird bestimmt kein "luschtiger" Schwabenfilm, sondern eher etwas Hartes. Mal sehen, ob wir das hinkriegen ...

Quelle: teleschau - der mediendienst