Nadja Uhl

Nadja Uhl





Diese und jene Deutschen

Das ZDF-Großprojekt "Tannbach" erzählt nach wahren Vorbildern von der Teilung eines deutschen Dorfs nach dem Zweiten Weltkrieg. Nadja Uhl, einer der Stars des Dreiteilers (Sonntag, 4. Januar, Montag, 5. Januar, und Mittwoch, 7. Januar, jeweils 20.15 Uhr), ist selbst in einem Grenzort aufgewachsen. Im Interview spricht die 42-jährige Schauspielerin über Klischees und tatsächliche Auswirkungen der deutschen Trennung. Dabei wird deutlich: So absurd die Teilung in ihrer Durchführung war, ihre Effekte wirken noch lange nach. Was für Nadja Uhl trotzdem kein Grund ist, 25 Jahre nach dem Mauerfall immer noch auf alten Ost-West-Vorurteilen herumzureiten.

teleschau: Welche Klischees über die deutsche Teilung gehen Ihnen 25 Jahre nach dem Mauerfall so richtig auf den Keks?

Nadja Uhl: Am meisten nervt mich, dass diese Vorurteile immer noch geschürt werden. Ich habe diese Klischees West gegen Ost und Ost gegen West eigentlich nie erlebt. Ich sehe ein Miteinander, ein relativ normales Leben in Deutschland.

teleschau: Aber wer schürt solche Klischees, wenn sie der Realität gar nicht mehr entsprechen?

Uhl: Es gibt Menschen, die brauchen Reibung. Und es gibt welche, die brauchen sogar Mauern in ihren Köpfen. Das Gefühl der Teilung ist wichtig für sie, weil es ihrem Weltbild entspricht. Ich bin mir sicher, dass der weitaus größere Teil der Menschen in diesem Land längst im vereinten Deutschland angekommen ist. Natürlich sage ich auch mal, wenn ich irgendwo in der bayerischen Provinz bin: Ja, weißte - bei uns war das damals so. Aber das ist dann ein ganz normaler Austausch. Ein Gespräch über die Art und Weise, wie man groß geworden ist. Ansonsten denke ich: Der Drops ist gelutscht!

teleschau: "Tannbach" beginnt mit den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges in einem Dorf zwischen Bayern und Thüringen. Wirkt diese Zeit heute noch in uns fort?

Uhl: Grundsätzlich wirken Kriegsprozesse mindestens zwei, eher drei oder vier Generationen in den Menschen weiter. Es gibt auch UN-Studien, die das eindeutig belegen. Die Erkenntnis selbst ist aber bereits biblisch: "Bis ins dritte und vierte Glied", heißt es da. Wir sollten über diese Dinge einfach Bescheid wissen, wenn wir uns mit unseren Familienproblemen beschäftigen. Auch mit dem Schweigen in unseren Familien. Das Trauma des Kriegsendes, die Schuld, derer sich die Deutschen bewusst wurden, hat unsere Großelterngeneration und Elterngeneration geprägt - und somit auch uns.

teleschau: Kann man derlei Erkenntnisse in einem Historienfilm wie "Tannbach" transportieren?

Uhl: Nun, es geht hier um die Teilung und nicht so sehr um Schuldthemen. Aber im Grunde genommen: Ja, ich denke schon. Geschichte spielt sich immer konkret vor Ort, im Banalen ab. In einem kleinen Dorf wird eine Bretterwand gezogen, und plötzlich ist das die Teilung Deutschlands. In dem Moment war es Glückssache, ob man nun Ost- oder Westdeutscher wurde. Aber es stellte sich die Weiche für Generationen.

teleschau: Hat der Bretterzaun tatsächlich andere Menschen aus den Tannbachern gemacht? Je nachdem, auf welcher Seite sie lebten?

Uhl: Die Umstände, in denen der Mensch lebt, prägen ihn. Natürlich waren die gesellschaftlichen Umstände in Ost und West unterschiedlich. Im Westen konnte man selbst entscheiden, ob man bei dieser Idee eines Staates mitmachen will oder nicht. Sofern man sich weiträumig an die vereinbarten Regeln hielt, war alles okay. Im Osten war es anders. Da wurde man schnell in die Gesellschaft mit eingebunden - oder man hat Probleme gekriegt. Man kann es aber auch positiv formulieren: Das System im Osten baute viel mehr auf das Miteinander. Beide Wege prägten die Menschen allein schon in der Art und Weise, wie sie an ihre Lebensplanung herangingen.

teleschau: Also gibt es doch große Unterschiede zwischen Ost- und West. Zumindest in Sachen psychologische Prägung?

Uhl: Es gibt Unterschiede, ja. Aber es gibt noch anderen Faktoren, die einen vielleicht noch mehr prägen: regionale Identitäten zum Beispiel, die nichts mit der politischen Teilung zu tun haben. Natürlich die Familie, der Charakter und viele andere Dinge. Die Prägung der Deutschen, die noch in der DDR oder der BRD aufwuchsen, wird mir ein bisschen überbewertet.

teleschau: Haben Sie noch Erinnerungen an die Grenze?

Uhl: Ja, Kindheitserinnerungen. Ich erinnere mich an Ausflüge zum Brandenburger Tor, "Unter den Linden". Von dort sah man die Menschen im Westen auf diesen Aussichtsplattformen stehen. Die guckten zu uns rüber, während wir noch nicht einmal an die Grenze heran durften. Auch ich bin in einem Grenzort aufgewachsen. In Hohen Neuendorf, das liegt im Norden von Berlin, hörte in einer bestimmten Straße am Grenzgebiet für uns Kinder die Welt auf. Das war ein ganz merkwürdiges Gefühl.

teleschau: Und später, als Sie besser verstehen konnte, was Grenze bedeutet?

Uhl: Da erinnere ich mich an ein Gefühl, das kam, wenn ich Postkarten aus Frankreich bekam. Oder wenn Verwandte aus dem Westen zu Besuch waren und von Spanien oder Italien erzählten. Ich war da vielleicht 13 oder so und erinnere mich an ein ganz trauriges Gefühl. Weil mir damals klar wurde: Das alles wirst du niemals sehen. Oder wenn doch, dann nur als alte Frau.

teleschau: Gab es in Ihrer Familie eine Sehnsucht nach dem Westen? Wurde darüber gesprochen?

Uhl: Es gab keine Sehnsucht nach dem Westen, weil es uns zu gut ging. Wir haben doch unser Leben dort gehabt, unsere Freunde. Unter dem ganzen Politischen steckt ja immer das normale Leben. In jedem Land der Erde versuchen Menschen, Normalität im Kleinen zu leben. Wir hatten keine existenziellen Nöte, keinen Hunger. Erst wenn man sich jenseits der vom Staat eng gesteckten Normen bewegte, tat sich ein Abgrund auf. Wenn sich ein Sicherheitsdienst Gedanken darüber macht, ob er Handtücher in Wohnungen umhängt, um die Leute wahnsinnig zu machen, dann ist das vielleicht nicht mehr mein Land. Und wenn in diesem Land Menschen in Bautzen oder Hoheneck gefoltert werden, dann erst recht nicht mehr. Dann denkt man sich als DDR-Kind: Schade, ich habe dieses Land geliebt. Denn ich hatte es gut hier.

teleschau: Das klingt nach einer sehr ambivalente Form der Heimatliebe.

Uhl: Ja, aber mit diesem Schmerz und dieser Wut sind wir groß geworden, sicher und behütet.

teleschau: Weil Ihnen damals schon bewusst war, wie das System DDR funktioniert?

Uhl: Als jungem, denkendem Menschen war einem das bewusst. Man konnte sich entscheiden: Wollte man zu denen gehören, die nichts sehen, hören und sagen? Oder zu denen, die sich eine kritische Meinung leisteten. Natürlich sahen wir das meiste im Spiegel der Erwachsenen, denn ich war für eigene Erfahrungen zu jung. Aber ich erinnere mich an viele Erwachsene, die sich klar positioniert haben. Da waren viele mutige Menschen. Sie sind ihrer Meinung treu geblieben, im Alltag, in normalen Gesprächen.

teleschau: 70 Jahre nach Kriegsende sieht man in Deutschland viele Filme, die sich mit diesem Ereignis beschäftigen. Gibt es eine Sache, die Ihnen in diesem Zusammenhang besonders wichtig ist?

Uhl: Es gibt so viele Aspekte, die man über die Beschäftigung mit Geschichte lernen kann. Wir müssen uns einfach immer wieder klar machen, dass uns all diese Dinge geprägt haben. Nicht nur genetische, auch erworbene Information wird von Generation zu Generation weitergegeben. Es spielt eine Rolle, ob unser Großvater getötet hat oder ob unsere Großmutter vergewaltigt wurde. Insofern bin ich für jede Rolle dankbar, die mir die Chance gibt, mich mit unserer Vergangenheit zu beschäftigen. Max Reinhardt sagte einmal, dass wir Schauspieler durch so viele Welten wandern und so viele Rollen spielen, um uns am Ende selbst zu finden. Das ist tatsächlich das Schöne an diesem Beruf: Man wird immer wieder auf sich geworfen und setzt sich damit auseinander, wie es bei einem selbst oder der eigenen Familie gewesen wäre, wenn bestimmte Sachen geschehen wären. Es ist schön, das Leben auf diese Art erfahren zu dürfen.

Quelle: teleschau - der mediendienst