Wild Tales - Jeder dreht mal durch!

Wild Tales - Jeder dreht mal durch!





Wenn das Fass überläuft

Schon der Einstieg in diesen Film ist ein Knaller. In einem Flugzeug stellen immer mehr Gäste fest, dass sie einen gemeinsamen Bekannten haben, einen gewissen Herrn Pasternak. Als ihnen dämmert, dass das kein Zufall sein kann, meldet sich der in irgendeiner Weise von ihnen im Leben Gedemütigte über Funk - als der Pilot des Fliegers, der nun endlich mal am längeren Hebel sitzt. Der argentinische Regisseur Damián Szifrón schafft es in seinem Episodenfilm "Wild Tales - Jeder dreht mal durch!" das oft in Filmen durchgekaute Thema "Rache" auf eine Ebene zu heben, die viele anspricht. Dabei denkt er mit schwarzem Humor zu Ende, was denn wäre, wenn sich die Provozierten, Betrogenen und übers Ohr gehauenen dieser Welt einfach mal zur Wehr setzen würden.

Die Gemeinsamkeit der sechs Geschichten, die Damián Szifrón erzählt, ist das "Jetzt reicht's"-Gefühl. Die Auslöser zum Durchdrehen seiner Protagonisten sind die universellen Widrigkeiten des Alltags, aber auch das Gefühl, in ein gesellschaftliches Korsett gepresst zu werden, das nicht passt. Jetzt darf die Wut raus. Einmal entfesselt, entwickeln die Figuren eine wahre Lust daran, die Kontrolle zu verlieren.

In "Bombita" etwa muss Sprengstoffexperte Simon (Ricardo Darín) wiederholt sein korrekt geparktes, aber trotzdem abgeschlepptes Auto von der städtischen Verwahrstelle abholen. Dadurch gerät sein ganzer Tagesablauf so durcheinander, dass es großen Ärger mit der Ehefrau gibt. Als er dann beschließt, zurückzuschlagen und die Willkür der Behörden nicht länger hinzunehmen, erhält er innerlich Beifall vom Zuschauer und auch auf der Leinwand wird er zum Helden. Inspirationen für Geschichten wie diese gäbe es sicher nicht nur in dem von Korruption im großen Stil betroffenen Heimatland des Regisseurs.

Denn auch die lieben Mitmenschen können einen zum Durchdrehen bringen: In der Episode "Straße zur Hölle" beispielsweise eskaliert der Streit zwischen zwei Autofahrern. Das Fahrvergnügen des jungen Geschäftsmanns Diego (Leonardo Sbaraglia) in seinem neuen Audi hat ein Ende, als er mehrmals vergeblich versucht, eine langsam fahrende Schrottkiste auf der Landstraße zu überholen. Der Prolet (Walter Donado) am Steuer vor ihm will ihn offensichtlich nicht vorbeilassen. Als das Überholmanöver doch gelingt, zeigt ihm Diego im Vorbeifahren den Mittelfinger. Doch man sieht sich oft zweimal im Leben. Später wird die Polizei vermuten, dass hier ein Verbrechen aus "Leidenschaft" vorliegt - schöner hätte das ein Quentin Tarantino auch nicht erzählen können. Nicht immer enden die Geschichten so krass, aber immer findet der Regisseur und Autor eine überraschende Wendung

Damián Szifrón belebt so mit Bravour den etwas in Vergessenheit geratenen Episodenfilm und zeigt dessen Möglichkeiten, sich einem Thema von den unterschiedlichsten Seiten zu widmen. Der Titel "Wild Tales" bezieht sich dabei auf kleine Einspieler über Vertreter aus der Tierwelt, die jeder Geschichte vorangestellt werden und einen witzigen Kommentar zum Kommenden darstellen. Wo die Maske des Zivilisierten fällt und der Mensch seinen niedrigen Instinkten nachgibt, ist der Weg zum Biest nicht mehr weit.

Dieses sehenswerte und überraschende Schelmenstück aus Argentinien wurde von den Brüdern Almodóvar mitproduziert, deren Einflüsse bei der Bildgestaltung und dem Stil zu spüren sind. Möge der alltägliche Wahnsinn seinen Lauf nehmen - wenn er so unterhaltsam und bitterböse zugleich inszeniert ist wie in diesem Werk.

Quelle: teleschau - der mediendienst