Edgar Selge und Franziska Walser

Edgar Selge und Franziska Walser





Gemeinsam einsam

Seit fast 30 Jahren sind die Schauspieler Edgar Selge und Franziska Walser miteinander verheiratet. Offenbar glücklich und erfüllt, sofern man das von außen einschätzen mag. Illusionen geben sich zwei hoch reflektierte Künstler wie diese beiden trotzdem nicht hin. "Die Grundeinsamkeit der Existenz lässt sich nicht wegdiskutieren", sagt Selge, 66, der für den verstörend guten ARD-Thriller "Nie mehr wie immer" nicht zum ersten Mal gemeinsam mit seiner vier Jahren jüngeren Frau in einem Film agiert. Ein solches Ehepaar wie dieses haben der aus Ostwestfalen stammende Sohn eines Gefängnisleiters und die Tochter des Schriftstellers Martin Walser allerdings noch nicht gespielt. Es geht um ein unterdrücktes Geheimnis aus der Vergangenheit, versteckte Begierden, fatale Obsessionen - woraus Selge beachtenswerte Parallelen zum Fall des Ex-Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy zieht. Im Ersten ist der Film am Mittwoch, 7. Januar, 20.15 Uhr, zu sehen. Wer die beiden auf der Bühne erleben will: Derzeit gehören sie zum Ensemble des Stuttgarter Schauspiels.

teleschau: Frau Walser, Herr Selge, Sie standen nun zum wiederholten Male gemeinsam vor der Kamera respektive auf der Bühne. Was macht das gemeinsame Arbeiten für Sie so reizvoll?

Edgar Selge: Ich spiele gerne mit Franziska, weil Spielen für mich Befreiung und Leben bedeutet. Wenn ich die Möglichkeit habe, das mit einem Menschen, den ich sehr schätze, zu teilen, ist das für mich als Lebenssituation fast nicht zu toppen. Warum soll ich das also nicht wollen?

teleschau: Vielleicht weil unter Ehepartnern die professionelle Distanz fehlt?

Franziska Walser: Das ist sicher ein Punkt. Aber Sie müssen wissen: Wir wohnen nicht zusammen, wenn wir gemeinsam arbeiten. Wir wohnen dann getrennt.

Selge: Wir tun das, damit dieses Gefühl der Enge, das sie beschreiben, nicht entsteht. Damit der Respekt und die Distanz vor dem anderen möglichst groß ist. Und auch die Überraschung! Meine Lebenserfahrung sagt mir: Ich kenne die Franziska keineswegs in- und auswendig.

teleschau: Und das nach fast 30 Jahren Ehe! Sicher ein spannender Zustand.

Walser: Das kann auch ein bedrohlicher Zustand sein. Es kommt darauf an, was man in einer Beziehung sucht. Wenn man an eine Sicherheit glauben möchte und ein unbegrenztes Vertrauen in jemanden setzen möchte, dann will man ihn auch durch und durch kennen. Ich glaube aber nicht, dass das funktioniert.

teleschau: Im Film "Nie mehr wie immer" wird so ein Vertrauen böse enttäuscht. Hat es Ängste in Ihnen ausgelöst, eine so schmerzlich scheiternde Ehe zu zeigen?

Walser: Natürlich! Es treibt die eigenen Ängste auf die Spitze, wenn ich mir vorstelle, dass das Vertrauen in den eigenen Partner schlagartig weg ist. Man hat 30 Jahre mit jemandem zusammen verbracht, den man doch nicht gekannt hat - und dann ist da nur noch ein Loch.

teleschau: Halten Sie es für realistisch, dass wie im Film eine Ehefrau vom dunklen Geheimnis ihres Mannes all die Jahre nichts mitbekommen hat?

Walser: Die Frau, die ich spiele, verschließt unbewusst die Augen vor etwas Schrecklichem, das in ihrem nächsten Umfeld passiert, und entwickelt daraus eine Krankheit, eine Lichtempfindlichkeit. Ich finde das nachvollziehbar. Jeder Mensch wünscht sich doch eine harmonische Beziehung. Niemand wünscht sich, sich fragen zu müssen, ob man die Bedingungen für die Verbindung wirklich akzeptieren kann. Sich diesen Fragen auszusetzen, ist äußerst schmerzhaft.

Selge: Ich halte das für realistisch, und im Film funktioniert dieses Unwissen der Frau vor allem als Provokation, die meine Fantasie in Gang setzt. Darüber hinaus spielt der Film mit dem Tabu, dass der Mann seine sexuellen Obsessionen nicht ausleben kann. Dieses Thema spielt in unserer Gesellschaft eine große Rolle, wenn Sie zum Beispiel an den Fall Sebastian Edathy denken. Edathy erfährt in den Medien und in der Öffentlichkeit nur schärfste Ablehnung. Niemand denkt darüber nach: Gibt's bei mir vielleicht auch Obsessionen, die in meiner Beziehung keinen Raum haben?

teleschau: Sie wünschen sich mehr Toleranz für pädophil veranlagte Menschen?

Selge: Ich versuche erst einmal ernst zu nehmen, dass so jemand ein Riesenproblem hat. Und viele Menschen haben sexuelle Wünsche, die einhergehen mit nicht wegzudiskutierenden Schuldgefühlen. So entstehen Parallelwelten, und darum geht es in dem Film. Es kann für die Zuschauer sehr hilfreich sein, dass sie sehen: Über diese Probleme denken andere Menschen auch nach, es geht nicht nur mir so.

Walser: Wobei man sagen muss: Der Missbrauch ist ein extremes Beispiel, das der Film aufwirft. Aber eben auch nur ein Beispiel. Ich würde mir wünschen, dass die Zuschauer die Übertragung mitgehen und begreifen: Das konkrete Geheimnis des Paares könnte auch ein anderes sein. Wichtiger ist: Welche allgemeingültigen Fragen tauchen auf?

teleschau: Woran scheitert die Beziehung denn allgemein gesprochen, wenn nicht am konkreten Umstand einer unterdrückten sexuellen Obsession?

Selge: Ich glaube, dass jeder Mensch, der in eine Zweierbeziehung geht, auf bewusste oder unbewusste Art einen Teil der eigenen Wünsche zurücklässt. Langjährige Beziehungen, um das Wort Ehe mal zu vermeiden, sind auch Fluchtburgen. Es gibt in jeder langjährigen Beziehung eine Schattenseite, die dadurch gekennzeichnet ist, dass man in die Beziehung hinein geflüchtet ist, um etwas anderes nicht leben zu müssen.

Walser: Zum Beispiel, um sich den eigenen Lebensproblemen nicht stellen zu müssen.

Selge: Und das ist auch berechtigt! Es ist legitim zu sagen: "Ich habe solche Probleme im Leben, ich möchte jetzt in einer Beziehung Festigkeit suchen." Das kann sich allerdings als verhängnisvoll erweisen, wenn das, was man zurückgelassen hat, sehr vehement danach schreit, ausgelebt zu werden.

teleschau: Dann haben auch Sie etwas zurückgelassen in Ihrem Leben?

Selge: Natürlich. Aber wir haben durch den Schauspielberuf den großen Vorteil, dass wir diejenigen Bedürfnisse, die wir nicht in unsere Beziehung einbringen können oder wollen, spielerisch ausleben können. Das tun wir mit jeder Rolle.

teleschau: Wie behelfen sich Menschen mit anderen Berufen?

Walser: Wir alle müssten unsere Schattenseiten zunächst mal schätzen lernen. Wir müssen uns überwinden, sie anzunehmen. Und natürlich darf die Kommunikation mit dem Partner darüber nicht abreißen.

Selge: Dennoch: Die Grundeinsamkeit der Existenz lässt sich nicht wegdiskutieren. Unsere Hoffnung auf Harmonie in unseren Beziehungen bleibt eine - schöne - Utopie.

teleschau: Das werden viele Menschen nicht gerne hören.

Selge: Ich glaube doch, dass das eine versöhnliche Botschaft ist. Wenn man immer denkt, man muss die perfekte Beziehung leben, ist das furchtbar anstrengend. Deshalb schaut man doch Filme, deshalb liest man Bücher: um über Schattenseiten und Unvollkommenes informiert zu werden. Ich empfinde das als erlösend.

teleschau: Im Film sagt Ihre Figur, Herr Selge, dass er sich sein Leben am Beginn seiner Ehe genau so vorgestellt hat, wie es gekommen ist. Würden Sie das für sich unterschreiben?

Selge: Ach, ich habe mir gar nichts vorgestellt ...

Walser: Ich schon! Bloß so schön habe ich's mir nicht vorgestellt. Viel langweiliger habe ich's mir vorgestellt.

Quelle: teleschau - der mediendienst