Brad Pitt

Brad Pitt





Ex-Softie mit Freifahrtsschein

Früher, also in den seligen Neunziger- und Nuller-Jahren, schwärmten gefühlt alle Frauen für ihn und beneideten erst seine damalige Verlobte Gwyneth Paltrow, später seine Inzwischen-Ex-Ehefrau Jennifer Aniston: Brad Pitt - das stand synonym für "Sexsymbol". Das ist der zweimalige "Sexiest Man Alive" noch immer, nur dass sich heutzutage auch eine gestandene Schauspiellegende wie Ian McKellen nach Eigenaussage "wie ein kleiner Groupie" verhalten würde, träfe er auf den 51-Jährigen. Vom "Gandalf"-Darsteller mit derlei Lorbeeren bedacht zu werden, könnte den in Missouri aufgewachsenen Midwesterner, der ab 1. Januar im Kriegsdrama "Herz aus Stahl" zu sehen ist, einerseits freuen: Schließlich brauchte Pitt lange, vom Image des hübschgesichtigen Sunnyboys, der nur seines Aussehens wegen Erfolge feiert und in jeder Rolle sich selber spielt, wegzukommen. Andererseits scheut er als nunmehr ernstzunehmender Charakterdarsteller mit Süffisanz und Tiefe die mediale Aufmerksamkeit und den Trubel um seine Person in jeder Hinsicht: "Ruhm ist ein Miststück", sagte er schon 2001 in einem Magazin.

"Ruhm schafft es, dass du dich permanent wie eine junge Frau fühlst, die an Bauarbeitern vorbeiläuft", ist ein weiteres Zitat, dass Pitt oft zugeschrieben wird und illustriert, wie beängstigend er den Kult um sich findet. Ein Wunder ist das nicht: Schließlich brach bereits 1999 eine junge Frau in sein Appartement ein, verbrachte Stunden in seinen Privaträumen und kleidete sich gar mit den Klamotten ihres Idols ein. Seit er mit Angelina Jolie, die er 2014 nach zehn Jahren ehelichte, zusammenlebt und Kinder großzieht, kennt auch die Presse keine Tabus mehr. Bisweilen, so Pitt, fühle er sich von Paparazzi regelrecht gejagt.

Interviews gibt er kaum noch, kreisen doch die meisten Fragen der Reporter nur um seine Beziehung zu Angelina und ihre Kinderschar. Der studierte Journalist ist daher kein wirklicher Freund der Medien: "Ich verstehe die Zeitungen: Mit Angie und mir kann man viel Geld verdienen. Aber gerade wenn es um unsere Kinder geht, fehlt den Journalisten jegliche Distanz", verurteilte er einmal die Praktiken des Boulevards im Umgang mit dem Traumpaar. Dass im Zuge des Hackerangriffs auf Sony nun auch die private Telefonnummer Pitts geleakt sein worden soll, ist seiner Skepsis gegenüber der Öffentlichkeit wohl eher weniger abträglich.

Dabei hat es ja auch seine Gründe, warum alle Welt scharf ist auf den ewigen Schönling, der sich einst als Levis-Model verdingte und in den vergangenen Jahren zu einer Stilikone in Sachen Lässigkeit reifte. Ob mit wallendem blonden Haar, feschem Schnauzer oder Vollbart und Karohemd: Dass sich der 1,80-Mann aus dem Zentrum der Aufmerksamkeit nicht so schnell wird lösen können, scheint von Pitt wenigstens unbewusst zumindest ein wenig forciert. Beziehungsweise: Auch wenn es aussieht, als hätte er es nicht nötig - Pitt weiß sich zu vermarkten. Die Ideal-Typen, die er in der Öffentlichkeit darstellt, sind ebenso vielfältig, ambivalent und im besten Sinne geniale Erfindungen, wie die Phasen, die Pitt als Schauspieler durchlief.

Da wäre die schon erwähnte Jung-Phase, beginnend 1991 mit einer unbedeutenden Nebenrolle in "Thelma und Louise", die ihn plötzlich zum Teenie-Idol machte. Als aalglatter Schwiegermama-Typ gelang es Pitt, die softe Boy-Ästhetik der 90er-Soaps in Filme wie "Legenden der Leidenschaft" zu transportieren. Ein Bild, das ihm noch Jahre nachhängen sollte. Ablegen wollte es der Wahl-Kalifornier schon damals mit "Kalifornia", wirklich konsequent gelang ihm das aber erst in seiner Fincher-Phase Mitte der 90er-Jahre: In "Sieben" und "Fight Club" bekam man einen düsteren, kaputten, gewaltvollen Brad Pitt zu sehen. Seine erste Oscar-Nominierung erhielt der Verleihungsdauergast 1996 bezeichnenderweise für seine Rolle als scheinbar Geisteskranker in Terry Gilliams "12 Monkeys".

Die Nuller-Jahre waren dann geprägt von dem reifenden Schauspieler, aus dem vor allem in der "Oceans"-Reihe das Coolness-Ideal jener Zeit geradezu triefte. Was auch an seinem Filmpartner George Clooney gelegen haben mag, mit dem Pitt eng befreundet ist. Kumpel Clooney ist voll des Lobes: "Er ist größer als ich, größer als DiCaprio. Und ich bewundere, wie er damit umgeht. Es ist nicht leicht für ihn. Aber er versucht, die aufrichtigste Version von Brad Pitt zu sein, die er sein kann", sagte Clooney dem "Esquire"-Magazin.

Ab Ende des Jahrzehnts folgten für "Der seltsame Fall des Benjamin Button" (2009) und "Moneyball" (2012) nicht nur seine nächsten Oscar-Nominierungen. Beispiellos weitete Pitt auch sein schauspielerisches Repertoire aus, was wohl seinem Wissen um den Freifahrtsschein geschuldet sein dürfte, den er beim Publikum und in der Branche mittlerweile besitzt. Ob als naiver CIA-Erpresser in "Burn After Reading", als Nazijäger in "Inglourious Basterds", als strenger Mittelklasse-Vater im Texas der 50-er ("The Tree Of Life") oder inmitten einer Zombie-Apokalypse in "World War Z": Pitt kann es sich leisten, für die Großen von Tarantino bis zu den Coens zu spielen, was er mag. Dabei entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass der seit den Nuller-Jahren auch hinter den Filmkulissen Tätige seinen bislang einzigen Oscar 2014 jedoch als Produzent für "12 Years A Slave" erhielt.

Dem "Playboy" verkündete er allerdings kürzlich in einem seiner seltenen Interviews: "Ich spiele nicht mehr so viele ausgeflippte Charaktere - meine Kinder sollen sehen, dass ich ein reifer Mann bin". Ob er damit auch die Vorbereitung zu seinem aktuellen Kriegsfilms mit dem verfänglichen deutschen Titel "Herz aus Stahl" einschließt? Dafür habe er sich jeden Tag mit den Kollegen geprügelt, sagte der seit Kindertagen überzeugte Waffenfan im Gespräch mit dem Erotikmagazin: "Das war eine Idee unseres Regisseurs David Ayer. Er hat uns gegeneinander boxen lassen". Dieser habe geraten: "Wenn du wirklich etwas über jemanden erfahren willst, dann schlag ihm ins Gesicht". Dass Pitt damit kein Problem hat, zeigt, dass er sein markant-perfektes Gesicht schon lange nicht mehr als wichtigstes Kapital ansieht.

Quelle: teleschau - der mediendienst