National Gallery

National Gallery





Umgeben von Meistern

Der Eintritt ist frei, die Sammlung gehört der Allgemeinheit, nirgendwo sonst kann das Publikum so viele Alte Meister sehen: Die National Gallery in London gehört zu den größten und beliebtesten Museen der Welt. In einem faszinierenden Dokumentarfilm schaut Filmemacher Frederick Wiseman hinter die Kulissen des Hauses am Trafalgar Square, beobachtet die Besucher im Dialog mit den Gemälden, analysiert die Strukturen des Museumsbetriebs - mit staunender Neugier und unstillbarem Wissensdurst. Fast drei Stunden dauert der Museumsbesuch des 85-jährigen Regisseurs. Und jede der 181 Minuten seines meisterlichen Dokumentarfilms "National Gallery" ist ein absoluter Gewinn - für Kunstliebhaber und Kinofans gleichermaßen.

Jeder Pinselstrich ist ein Wort, jede Farbkomposition ein Kapitel: Bilder sind wie Romane, sie erzählen epische Geschichten, haben Protagonisten und Nebenfiguren. Der Erkenntnisgewinn ist bei Wiseman ein einzigartiges Vergnügen. Sein Film ist genauso detailreich wie die Bilder von Hans Holbein, Leonardo Da Vinci, Pieter Bruegel, Hieronymus Bosch, Peter Paul Rubens, Johannes Vermeer, Albrecht Dürer und all den anderen Meistern. Er ist genauso überraschend und lädt zu Entdeckungen ein, zum Schwelgen, zum Träumen. Und zum Nachdenken natürlich auch. Aber vor allem lässt er Raum für eigene Beobachtungen und die eigene Fantasie.

"National Gallery" ist ein liebevoll verwobenes Hin und Her, ein intensiver Gedanken- und Gefühlsaustausch zwischen Besuchern, Gemälden, Mitarbeitern und den Alten Meistern. Wiseman gibt einen Überblick, und er richtet den Blick auf Details, die ihn interessieren. Er erlaubt sich immer wieder neue Perspektiven. Immer aber geht es ihm um die Beziehung zwischen Bild und Betrachter, um die unterschiedlichen Wirkungen, die ein Gemälde bei verschiedenen Menschen auslöst.

Keine Musik lenkt ab, kein Interview, keine Inszenierung: Frederick Wiseman, der Pionier des analytischen Dokumentarfilms, beobachtet den Museumsbetrieb mit nüchternem Blick. Er schaut hin, ohne zu kommentieren, zeigt staunende Kinderaugen, präzise Pinselstriche der Restauratoren, endlose Strategiemeetings in den Büros der Mitarbeiter. Wiseman geht es um mehr als die Kunst, ihm geht es um die Menschen, die für die Kunst leben und für die Kunst gemacht wird. Sein Film ist ein Film für das Publikum. Denn "Kunst würde ohne Publikum gar nicht existieren", wie eine Museumsführerin im Film beiläufig bemerkt.

"National Gallery" ist eine Verbeugung vor der Kunst und mehr noch vor den Menschen, die alles dafür geben, damit die Kunst erhalten bleibt und weitervermittelt wird. Was den Film und seine Protagonisten gleichermaßen auszeichnet ist die absolute Hingabe an die Kunst, in der die Essenz der Menschlichkeit bewahrt wird.

Quelle: teleschau - der mediendienst