Smashing Pumpkins

Smashing Pumpkins





"Musik war mein Feind"

Die Smashing Pumpkins waren eine der einflussreichsten Bands des 90er-Jahre-Alternative-Rock. Ihr Frontmann Billy Corgan galt dabei gemeinhin immer als exzentrischer, schwieriger Charakter. Und dass nicht erst, seit er 2000 die Smashing Pumpkins im Streit mit seinen Mitmusikern, gewagten Thesen und viel Frust über die Zukunft des Rock auflöste. Inzwischen existiert die Band wieder - mit dem 47-Jährigen als alleinigem Chef. Und Corgan ist mit sich und seiner Karriere im Reinen, wie er im Interview zum neuen Album "Monuments To An Elegy" deutlich macht.

teleschau: Jedes Ihrer Album war eine Sammlung von Momentaufnahmen. Welche Gefühle durchlebten Sie in den vergangenen Jahren?

Billy Corgan: Was "Monuments To An Elegy" anders als jedes Smashing-Pumpkins-Album macht, ist die Tatsache, dass ich diesmal weder vor- noch zurückblickte. Ich war es leid, immer wieder zu hören oder zu lesen, was ich tun oder lassen sollte. Ich kam mir schon vor, als würde ich meinen Kritikern heimlich folgen. Am Ende dachte ich: Okay, mache ich halt ein Album, einfach so, ganz direkt, ich überdenke es nicht, zwänge es in kein Konzept. Ein Freund fragte mich neulich, worum geht es in "Monuments To An Elegy" gehe. Ich konnte nur mit Achseln zucken.

teleschau: Auf "Adore" haben Sie einst sehr persönliche Texte geschrieben, vom Verlust Ihrer Mutter bis hin zu deprimierenden Beziehungsdramen. Worum geht es auf dem neuen Album?

Corgan: Ein Thema zieht sich schon eine ganze Weile durch meine Texte. Es gibt für mich diese interne Welt, in der du zu Hause mit deinem Partner streitest, wer den Hund füttert. Und dann gibt es die Außenwelt, mit dem Ebola-Virus, dem islamischen Terrorismus und der Frage, was du heute überhaupt noch glauben kannst. Ein unglaublicher Kontrast!

teleschau: War das früher anders?

Corgan: Naja, als ich jünger war, lebte ich in einer Welt voller Ideale wie in Zeiten des Art Déco, versuchte Nietzsches Philosophie des Übermenschen zu folgen und träumte von einer neuen, gerechten Gesellschaft. Ich war voller Fantastereien. Die Essenz heute lautet: Wenn du deine Ideale nicht mal zu Hause erreichen kannst, wirst du sie erst recht nicht in der Außenwelt erleben. Diese Lektion musste ich wie - viele andere - sehr schmerzhaft lernen.

teleschau: Ist "Momuments To An Elegy" ein Band- oder Soloalbum? Sie sind das letzte verbliebene Originalmitglied ...

Corgan: Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll. Nehmen wir unser erstes Album "Gish". Das waren auch nur Produzent Butch Vig, Schlagzeuger Jimmy Chamberlain und ich. Und das Meiste machte ich. War das ein Band-Album? Dennoch waren es die Smashing Pumpkins. Das ist also kein Kriterium. Wenn ich jetzt sage, dass es mir eigentlich auch scheißegal ist, klingt das sicherlich negativ. Aber es ist so.

teleschau: James Iha komponiert heute TV-Filmmusik, Jimmy Chamberlin leitet ein Musikstreaming-Unternehmen, nur D'Arcy Wretzky scheint massive Probleme zu haben, wenn man die erschreckenden Polizeifotos sieht, die unlängst veröffentlicht wurden. Sie musste sogar hinter Gitter. Was ist mit ihr los?

Corgan: Ich habe nicht die geringste Ahnung. Wir haben seit 1999 keinen Kontakt mehr. Ich liebe D'Arcy, obwohl unsere Freundschaft nie so toll war, wie ich es lange Zeit hoffte. D'Arcys Beitrag zur Band wurde immer kritisch gesehen, und sie selbst hatte eine sehr kritische Haltung gegenüber der Band. Sie war im Herzen keine echte Musikerin, aber sie liebt Musik auf ihre eigene Art. Als sie unseren Kokon verließ - und das geht vielen Musikern so - bekam sie Schwierigkeiten, ihr eigenes Leben zu führen. Aber ich möchte mich nicht in ihr Leben einmischen. D'Arcy ist ein sehr intelligenter Mensch und ein echter Freigeist. Aber unabhängig von all unseren Meinungsverschiedenheiten bis hin zu ihren Klagen gegen mich verlor ich nie den Respekt vor ihr.

teleschau: Am Schlagzeug sitzt heute heute Mötley-Crüe-Drummer Tommy Lee. Warum gerade er? Immerhin waren Sie vor gut 15 Jahren in völlig verfeindeten musikalischen Lagern ...

Corgan: Für mich stellt sich nur die Frage: Ist er ein guter Musiker oder nicht? Und wenn du ihn spielen hörst, weißt du: Er versteht Musik. Er weiß, was er tut. Und du merkst, was er drauf hat.

teleschau: Courtney Love sagte neulich, sie sei der wahre Grund für den Erfolg der Smashing Pumpkins. Sie hätten die besten Songs über sie geschrieben, nach ihrer kurzen Beziehung Anfang der 90-er ...

Corgan: Was soll ich darauf sagen? Jeder lebt in seinem eigenen Film. Und das ist Courtney Loves Film. Ich habe meinen.

teleschau: Loves Statement klingt jedenfalls ganz schön unverschämt.

Corgan: Wissen sie, Courtney spielte mal eine gewisse Rolle in meinem Leben. Sie forderte mich heraus, ein besserer Künstler zu werden und mehr Verantwortung in der Band zu übernehmen. Zu behaupten, sie sei verantwortlich für unseren Erfolg, ist eine Sache. Zu sagen, sie sei die Inspiration gewesen, wäre eine andere.

teleschau: Aber Ihre letzten Alben waren tatsächlich veritable Flops. Hat Sie die Abstrafung des Publikums und Kritiker berührt?

Corgan: Ich hatte mich zurückgezogen. Ich hatte nicht mehr dieses Gefühl der Unbefangenheit, wenn ich Musik machte. Die Musik war mein Feind geworden. Ich verlor meine innere Verbindung zur ihr. Ich verstand die Musikwelt nicht mehr. Früher war ich mittendrin, dann komplett draußen. Das letzte Album war ein vorsichtiger Neubeginn. Es brachte mich wieder dorthin, wo ich heute stehe: Ich bin sehr konzentriert, sehr klar und der Musik verbunden.

teleschau: Sie genießen den Ruf zynisch, unnahbar und exzentrisch zu sein. Auf der anderen Seite treffen Sie sich mit den Fans. Alles nur Image?

Corgan: Der Rock'n'Roll beruht auf Schwindel und Betrug. Wenn du aufwächst, diesen Schwindel glaubst und dann selbst plötzlich Erfolg hast, ist es unglaublich schwer zu akzeptieren, dass du plötzlich selbst ein Betrüger sein könntest. Dann gibt es die Presse und die Kritiker auf der anderen Seite und für die bist du der Feind. Ich hasste es, dass ich Journalisten brauchte, um mit den Fans zu reden. Der Grund, warum ich heute viel entspannter bin, liegt daran, dass es neue Kanäle gibt, auf denen ich direkt mit den Fans kommunizieren kann. Und wer mag, kann das lesen oder auch nicht.

teleschau: Sie schreiben gerade an Ihrer Biografie. Was erfahren wir da?

Corgan: Ich bin sicherlich kein sehr ehrlicher Mensch, aber ein ehrlicher Künstler. Welche Rolle auch immer ich spielte: In der jeweiligen Rolle war ich total ehrlich. Wenn ich aufrichtig war, war ich es aus tiefstem Herzen. Wenn ich den unterkühlten, hochnäsigen und reservierten Scheißkerl spielte, dann ebenfalls von ganzem Herzen.

Quelle: teleschau - der mediendienst