Idil Üner

Idil Üner





Nützlich-doofes Türkenklischee

Idil Üner gehört zu den besten deutschen Schauspielerinnen ihrer Generation. Ihre türkische Herkunft empfindet die 43-Jährige als Fluch und Segen zugleich. In der neuen ZDF-Serie "Sibel & Max" (ab 03. Januar, samstags, 19.25 Uhr, ZDF) darf die Berliner Lokalpatriotin nun endlich eine Rolle spielen, die zwar einen türkischen Namen trägt, ansonsten aber ziemlich deutsch ist. Idil Üner und Marc Oliver Schulze verkörpern zwei allein erziehende Hamburger Ärzte um die 40, deren Teenagerkinder ungeplanten Nachwuchs zeugen. "Andere kriegen in unserem Alter erst Kinder - und wir werden jetzt Großeltern!" So lautet die Anfangsthese dieser überraschend frisch erzählten Vorabendserie, die es zudem vermeidet, in die üblichen Migrationsklischees zu tappen - findet Idil Üner.

Die Frau ist ein echter "Homie". So nennt sich die Steglitzerin, die im Berliner Südwesten beinahe ihr ganzes Leben verbrachte, jedenfalls selbst. 1966 kam ihre Mutter als Gastarbeiterin hierher. Der Vater, er wollte Schiffsbau studieren, folgte 1970. Weil Idil Üners Eltern politisch aktive Intellektuelle waren, sollten sich bald andere deutsch-türkische Karrierewege ergeben. Idil Üners Vater landete als Referent für ausländische Stipendiaten beim Senator für kulturelle Angelegenheiten. Und ihre Mutter organisierte Veranstaltungen, die anspruchsvolle türkische Kultur in Berlin präsentierten. Dazu war man im Kreuzberger "Tiyatrom" aktiv, das seit 1984 türkischen Theatergruppen eine Spielstätte liefert.

Hier spielte Idil Üner nach dem Gymnasium samt Theater AG sogar eine Weile im Ensemble. Für 1.200 D-Mark monatlich, wie sie stolz erzählt. Danach folgte trotzdem noch eine "richtige" Schauspielschule. Üner bestand die Aufnahmeprüfungen sowohl an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch", als auch an der Universität der Künste. "Mich hat der freie und experimentelle Ansatz der HdK sehr interessiert. Ernst Busch wäre mir als Wessi aber ohnehin zu weit weg gewesen", lacht sie. Kaum war sie dort als Studentin eingeschrieben, kam schon die erste große Fernsehrolle. Der Berliner Günter Lamprecht-"Tatort" mit dem Titel "Die Sache Baryschna" erzählte 1994 von libanesischen Flüchtlingen. Idil Üner kam zum ersten Mal ihr markant südländisches Aussehen zugute. Ein Umstand, der - neben ihrem offensichtlichen Talent - in den kommenden 20 Jahren für Beschäftigung sorgen würde, aber auch für Frust.

Ein Blick auf die Filmografie Idil Üners verrät, was gemeint ist. Einige Filme von Fatih Akin sind dabei, mit dem sie so eng ist, dass sie den Regiestar als Schauspieler für ihren 2001 mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichneten Kurzfilm "Die Liebenden vom Hotel Osman" gewinnen konnte. Üner spielte in den Akin-Filmen "Kurz und Schmerzlos" und "Im Juli". In "Gegen die Wand" trat sie als türkische Musikerin auf. Neben der ARD-Krimireihe "Mordkommisson Istanbul", wo Idil Üner die schöne Frau von Hauptdarsteller Erol Sander ist, was ihr laut eigener Einschätzung am meisten "Wiedererkennungswert" in der Öffentlichkeit verschafft, sah man die charismatische Darstellerin immer wieder in jenen typischen Rolle, die das Fernsehen für Deutsche mit ihrem Namen und Aussehen bereit hält: türkische Ehefrauen und Mädchen mit Migrationshintergrund.

Dabei spricht Idil Üner logischerweise akzentfreies Deutsch und musste ihr "damals schlechtes Türkisch" erst durch eifriges Üben aufpolieren, um den Job am türkischen Theater in Kreuzberg überhaupt glaubhaft ausüben zu können. Da tut es gut, dass mit der modernen Familienserie "Sibel & Max", in der das Türkische fast keinerlei Rolle spielt, sogar auf einstmals biederen Sendeplätzen wie dem Vorabend eine Art Umdenken stattfand. Haben sich die Türkenklischees im deutschen Fernsehen tatsächlich gewandelt? "Ich bin seit 1993 dabei", sagt Üner, "und kann das über die letzten 20 Jahre beurteilen. Es hat sich ein bisschen gewandelt, finde ich - aber viel zu langsam. 'Sibel und Max' ist klasse, weil die Serie eine Realität abbildet, die selbstverständlich ist. Es ist lange überfällig, dass der türkische Background einer Figur nicht immer zwangsläufig in einem Drehbuch thematisiert wird."

Mit ihrem Mann, dem Schauspieler Laurens Walther, und den beiden vier- und achtjährigen Töchtern, lebt die Schauspielerin, nach kurzen Ausflügen, wie sie sagt, wieder in Berlin-Steglitz. Idil Üner weiß jedoch, dass der türkische Hintergrund ihrer Karriere mehr genutzt als geschadet hat. "Klar", sagt sie, "es ist natürlich ein Bonus. Wenn es türkeistämmige Rollen gibt, existiert ein überschaubarer Pool an Schauspielerinnen, die das spielen können. Wenn es jedoch in einem Drehbuch um eine Stefanie Berger, die vielleicht ein Kind bekommen will und keins kriegt, kommen nur wenige auf die Idee, mich anzurufen." Manchmal, so Idil Üner, werde sie für Hörspielrollen angefragt. Diese Rollen hätten dann fast immer einen Migrationshintergrund, obwohl sie dort Hochdeutsch spricht, und ihr Gesicht gar nicht zu sehen ist. Es ist eine Mischung aus verzweifeltem Lachen und ungläubigem Staunen in Idil Üners Gesicht zu sehen, als sie diese in der Tat bemerkenswerte Geschichte erzählt.

Sollte die Serie "Sibel & Max", die im Hamburger Kiezbezirk "St. Georg" spielt, nach den zwölf Folgen der ersten Staffel fortgesetzt werden, will Idil Üner es irgendwie möglich machen, dass die Trennung von Töchtern und Mann nicht mehr so stark ins Gewicht fällt. Dann würde sie ihre Lieben gern nach Hamburg holen, verrät sie. Noch einmal möchte sie eine solch lange Trennung nicht mehr erleben. Davon abgesehen ist Idil Üner rundherum zufrieden mit ihrer Karriere und auch damit, dass sie nach wie vor ziemlich unerkannt durchs Leben schlendern darf. "Aufmerksamkeit will und brauche ich gar nicht so viel. Das, was ich bisher habe, reicht mir. Ich liebe die Ruhe und gehe gerne unerkannt in mein Stammcafé." Sollte sich dieser Umstand durch "Sibel & Max" ändern, ist diese starke Frau und Schauspielerin jedoch sicher professionell genug, auch diese Wendung ertragen zu können.

Quelle: teleschau - der mediendienst