Lorenzo Richelmy

Lorenzo Richelmy





Auf zu neuen Ufern

Nach "House of Cards" legt Netflix eine neue, sündteure Eigenproduktion vor. Für das Historien-Epos "Marco Polo", das im chinesischen Kaiserreich des 13. Jahrhunderts spielt, griff der Streaming-Anbieter tief in die Tasche. Die Produktionskosten der zehnteiligen ersten Staffel belaufen sich auf rund 90 Millionen Dollar, was "Marco Polo" zu einer der bislang teuersten Serien überhaupt macht. In der Hauptrolle der im hochauflösenden 4K-Format gedrehten Serie: der bis dato unbekannte Italiener Lorenzo Richelmy. Vor den Dreharbeiten beherrschte der charismatische 24-Jährige mit den türkisfarbenen Augen weder Schwertkampf und Bogenschießen noch die englische Sprache - genau wie der venezianische Entdecker zu Beginn seiner Abenteuer.

teleschau: Herr Richelmy, wie war Ihre erste Reaktion, als Sie erfuhren, dass Sie die Hauptrolle in "Marco Polo" spielen würden?

Lorenzo Richelmy: (ahmt Atemnot nach)

teleschau: Es war schon kühn von Ihnen, sich für eine Hauptrolle in einer Serie zu bewerben, die auf Englisch gedreht wird, obwohl Sie zum damaligen Zeitpunkt praktisch gar kein Englisch sprachen.

Richelmy: Das stimmt, aber ich dachte mir: Es geht um einen Italiener, es ist eine italienische Ko-Produktion - wenn sie mutig sind, besetzen sie die Hauptrolle auch mit einem Italiener. Bevor ich die Chance tatsächlich bekam, musste ich aber erst überzeugen: Eine Woche lang hatte ich zwei Stunden täglich Sprachtraining und musste danach zeigen, ob ich mich genug verbessert hatte.

teleschau: Dieser Englischunterricht fand also unter Hochdruck statt?

Richelmy: Das kann man laut sagen. Bei Drehbeginn war mein Englisch zwar immer noch holprig, aber das fügt sich sehr gut in die Handlung ein, denn wir drehten chronologisch. Meine anfängliche Sprachbarriere entspricht also der von Marco Polo, als er sich am chinesischen Kaiserhof zurechtfinden musste. Insofern waren meine Englischkenntnisse anfangs eine Schwäche, wurden im Zusammenhang mit der Geschichte aber zum Vorteil.

teleschau: Sind Sie stolz, einen Ihrer bekanntesten Landsmänner der Geschichte zu verkörpern?

Richelmy: Und wie! In erster Linie bin ich stolz, dass Netflix den Mut hatte, die Hauptrolle in einer so groß angelegten Serie mit einem unbekannten Gesicht zu besetzen. Aber natürlich bin ich ebenso stolz, Marco Polo zu spielen. Wir Italiener machen heutzutage mit negativen Dingen von uns reden. Zur Zeit Marco Polos war das anders, das war so etwas wie das Goldene Zeitalter Italiens.

teleschau: Ist Marco Polo ein Held für Sie?

Richelmy: Nein. Er ging nicht als Held in die Geschichtsbücher ein - zumindest nicht in die europäischen. Im Grunde war er nicht einmal ein großer Händler: Er war 20 Jahre unterwegs und kam mit Nudeln und ein paar Gewürzen zurück. Na toll! Das Faszinierende an seiner Person sind vielmehr die Aufzeichnungen und Erzählungen, die er mit nach Hause brachte. Und natürlich auch die Frage, warum er von europäischen Historikern lange Zeit als Geschichtenerzähler abgetan wurde, während er beispielsweise in China durchaus als Held und großer Vermittler zwischen den Kulturen angesehen wird.

teleschau: Woher kommt die unterschiedliche Wahrnehmung seiner Person?

Richelmy: Das, was er auf seinen Reisen gesehen und erlebt hatte, stellte die Überlegenheit der westlichen Zivilisation infrage. Natürlich machte er sich damit nach seiner Rückkehr nicht besonders beliebt. Für seine Zeitgenossen waren seine Erfahrungsberichte ohnhin so unfassbar, dass es leicht war, ihn als Lügner abzustempeln.

teleschau: Heute sind sich Historiker einig, dass seine Berichte nicht nur erfunden sind.

Richelmy: Man geht heute davon aus, dass 85 Prozent seiner Aufzeichnungen zutreffend sind, weil sie mit denen anderer, unabhängiger Zeitgenossen übereinstimmen.

teleschau: Und die restlichen 15 Prozent ...

Richelmy: ... bieten uns den nötigen Spielraum, um eine faszinierende, schillernde Geschichte zu erzählen.

teleschau: Spielten Authentizität und Faktentreue beim Dreh trotzdem eine Rolle?

Richelmy: Oh ja! Die Produzenten (Serien-Spezialist Dan Minahan und "Crouching Tiger, Hidden Dragon"-Autor John Fusco, d. Red.) investierten eine Menge Recherche und Liebe zum Detail in die Vorarbeiten. Jeder der Hauptcharaktere ist einer realen Person nachempfunden, jeder Knopf an den Kostümen hat seine Berechtigung. Im Endeffekt ist die Serie fiktiv, aber die Geschichte, die wir erzählen, beruht durchaus auf Tatsachen.

teleschau: In Ihren eigenen Worten: Worum geht es in "Marco Polo"?

Richelmy: Im Grunde geht es gar nicht um die Person Marco Polo, vielmehr um das Aufeinanderprallen verschiedener Welten und kultureller Systeme. Einerseits war die Großmacht China im 13. Jahrhundert gespalten wie nie zuvor und befand sich in einem erbitterten Machtkampf mit dem Mongolischen Reich. Gleichzeitig prallten der Westen und der Osten durch den Ausbau der Handelsbeziehungen aufeinander. Dieses geschichtliche und kulturelle Spannungsfeld ist das eigentliche Thema. Die Person Marco Polo ist lediglich der rote Faden, ein Typ mit einer außergewöhnlichen Beobachtungsgabe, der spektakuläre Dinge erlebt.

teleschau: Martial Arts spielen eine wichtige Rolle. Wie haben Sie das Kampftraining erlebt?

Richelmy: Das war ein harter, intensiver Prozess, der insgesamt etwa sieben Monate in Anspruch nahm. Mitten am Set gab es ein Zelt, in dem in beinahe jeder drehfreien Minute das Training stattfand. Da gab es Chinesen, die uns Wushu beibrachten, und Japaner, von denen wir Schwertkampf lernten. Und dann gab es da noch das Mongolische Ringen. Das war wirklich wie in der Armee.

teleschau: Auch Formate wie "Borgia", "Tudors" oder jüngst die BBC-Produktion "The Musketeers" setzen auf Abenteuer, Sex und ein historisches Setting. Worin unterscheidet sich "Marco Polo" von anderen Serien derselben Machart?

Richelmy: Zunächst einmal in der Plattform. Netflix ist die Zukunft, das wissen wir alle. (lacht)

teleschau: Das müssen Sie ja jetzt sagen.

Richelmy: Nein, im Ernst: Wer ist denn heute noch bereit, sich seine Lieblingsserie von Werbeblöcken zerstückeln zu lassen oder eine geschlagene Woche auf die neue Folge zu warten? Nicht nur für die Zuschauer, auch für Filmschaffende bietet Video-on-Demand ganz neue Möglichkeiten.

teleschau: Inwiefern?

Richelmy: Zum einen filmisch. "Marco Polo" wurde wie ein Kinofilm gedreht, mit Panorama-Einstellungen, weiten Kamerafahrten und Rundumschwenks. Zum anderen erzählerisch. Die Geschichte ist groß angelegt, wie ein zehnstündiger Film. Sie wird flüssig erzählt, ohne Wiederholungen, die die Zuschauer daran erinnern müssten, was in der letzten Episode passierte. Wir Schauspieler können die Charaktere dadurch viel intensiver und organischer entfalten, was sehr reizvoll ist.

teleschau: Empfinden Sie die Tatsache, dass "Marco Polo" auf wahren Begebenheiten basiert, eher als Einschränkung oder als Chance?

Richelmy: Ich bin ein großer "Game of Thrones"-Fan. Im Fantasy-Genre hat man natürlich endlos viele Möglichkeiten, kann Monster und einbauen und muss nicht unbedingt den Gesetzen der Logik folgen. Wenn man eine historische Geschichte wie "Borgia" erzählt, kann man dagegen in Details schwelgen und im besten Fall auch ein wenig Bildung vermitteln. Bei "Marco Polo" machen wir beides. Wir zeigen, dass die Realität manchmal unwerfender sein kann als unsere wildesten Träume.

Quelle: teleschau - der mediendienst