Forest Whitaker

Forest Whitaker





In der Ruhe liegt die Kraft

Mit "96 Hours - Taken 3" geht das beliebte Action-Franchise um den ehemaligen Geheimagenten Bryan Mills, gespielt von Liam Neeson, am 8. Januar in die alles entscheidende letzte Runde. Und wie es sich für ein würdiges Finale einer solchen Trilogie gehört, wird Neeson ein hochkarätiger Schauspielkollege zur Seite gestellt: Oscarpreisträger Forest Whitaker. Eine Begegnung mit dem 53-Jährigen in Berlin.

Gemütlich, lieb und sanftmütig - so gemeinhin der Tenor, wenn man Leute nach ihrer Einschätzung zu Schauspieler Forest Whitaker fragt. Und das ist fast ein wenig verwunderlich, immerhin ist dessen bekannteste Rolle die des brutalen ugandischen Gewaltherrschers Idi Amin im Film "Der letzte König von Schottland", für dessen Darstellung er vielfach ausgezeichnet wurde - unter anderem mit dem Oscar als bester Hauptdarsteller. Aber selbst Kevin MacDonald, der Regisseur des auf wahren Begebenheiten beruhenden Politthrillers, konnte sich Whitaker ursprünglich nicht in der Rolle des "Schlächters von Uganda" vorstellen. Er schien ihm einfach zu, nun ja, gemütlich, lieb und sanftmütig. Erst ein beeindruckendes Vorsprechen, das MacDonald regelrecht vor Angst erstarren ließ, verhalf Forest Whitaker letztlich zu besagter Rolle - und damit zum Oscar-Gewinn.

Aber wie schafft man es, erfolgreich gegen den allgemeinen Eindruck der Gemütlich- und Sanftmütigkeit anzuspielen? "In jeder noch so schrecklichen Figur steckt zumindest ein klitzekleines Molekül deiner selbst. Dieses Molekül musst du nur finden, verstärken und aufblasen wie einen Ballon, bis er deinen ganzen Körper ausfüllt und du zu dieser Figur wirst", erklärt Whitaker beim Interview anlässlich des Starts seines neuen Films "96 Hours - Taken 3", in dem er an der Seite von Liam Neeson einen Cop spielt.

Und selbstverständlich hat Whitaker Recht. Genau das ist es, was einen herausragenden Schauspieler wie ihn ausmacht, der sich in jeden Film reinkniet als ob es kein Morgen gäbe. Selbst eine andere Sprache lernt der 53-Jährige schon mal, wenn es die Rolle erfordert. Logisch, dass er sich auf Nachfrage unumwunden als Perfektionist outet. "Mein Arbeitsethos und der Drang, mir selbst etwas beweisen zu wollen, wurde mir schon in die Wiege gelegt", verrät er, während er kurz an seinem stillen Wasser nippt. "Mein Vater hatte drei Jobs gleichzeitig und jeden einzelnen hat er stets voller Sorgfalt ausgeführt. Meine Mutter hat ebenfalls gearbeitet, zwei Masterabschlüsse gemacht und nebenbei noch vier Kinder großgezogen." Er stellt das Glas wieder ab, betrachtet kurz dessen Inhalt und wirkt stolz, als er an seine Eltern denkt.

Forest Whitaker hört aufmerksam zu, wenn ihm eine Frage gestellt wird. Er unterbricht nie, antwortet ruhig und bedächtig. Er ist konzentriert, ohne dabei angestrengt zu wirken. Vielleicht ist es das, was ihn so gemütlich erscheinen lässt. Eigentlich müsste er müde sein, schließlich ist er gestern erst von einem Friedensgipfel für Jugendliche aus Gabun zurückgekehrt und nach Berlin gereist, um mit Liam Neeson und Regisseur Olivier Megaton die Weltpremiere von "96 Hours - Taken 3" zu feiern. Heute hat er bereits einen gewaltigen Interviewmarathon hinter sich. Direkt danach fliegt er weiter nach London, um dort noch mehr Interviews zu geben. "Täglich grüßt das Murmeltier" mit Forest Whitaker statt Bill Murray.

Die Ruhe und innere Balance, die Forest Whitaker in solchen Stresssituationen behält, hat er sich bereits in seiner Jugend angeeignet. "Ich habe mich schon als Kind für asiatische Philosophien interessiert und mit zwölf Jahren angefangen, Kampfsport zu betreiben. Das hat mich geerdet." Mit Kampfsport meint er zum einen American Kenpo Karate, das traditionelle sowie moderne Methoden der Selbstverwirklichung und Selbstverteidigung umfasst und in der Whitaker den schwarzen Gürtel besitzt.

Zum anderen meint er Kali, ein Sammelbegriff für die verschiedenen Kampfkünste der Philippinen. "Die Kampfkunst, bei der mir auch die spirituelle Seite immer sehr wichtig war, hat mich viel über Respekt und Disziplin gelehrt. Außerdem habe ich gelernt, mich zu zentrieren." Whitaker macht eine kurze Pause, starrt durch die Gläser seine Brille, die ihm die Aura einer Universitätsprofessors verleiht, an die holzvertäfelte Decke im Zimmer des Regent Hotels und fügt hinzu: "Ich wäre sicherlich ein anderer Schauspieler, wenn ich mich nicht so intensiv mit Kampfkunst beschäftigt hätte. Bei Kali geht es schließlich auch darum, die Energie seines Gegenübers zu erfühlen; zu spüren, wie er sich bewegt. Es geht um Instinkt. Das sind alles Dinge, die auch für mich als Schauspieler wichtig sind."

Um Instinkt geht es in seiner aktuellen Rolle in "96 Hours - Taken 3" ebenfalls. Whitaker spielt den Police Detective Franck Dotzler, der einen Mordfall aufklären soll und nach und nach immer weitere Schichten eines sehr komplexen Falls entschlüsselt, indem er seinem Gespür folgt. Das gelingt Dotzler jedoch nur, weil er sich stets seine Offenheit bewahrt und sich bei seinen Gedankenspielen zur Lösung des Falls nicht limitieren lässt. Eine Charaktereigenschaft, mit der sich Whitaker besonders stark identifizieren kann. "Ich versuche stets, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, mir immer neue Fähigkeiten anzueignen und mich mit anderen Menschen auszutauschen", erklärt Whitaker, der sich für seine Rolle des berühmten Jazzers Charlie Parker im Biopic "Bird" aus dem Jahr 1988 sogar mal das Saxofonspielen beigebracht hat. "Nur so gelingt es mir, mit jedem Tag die Welt ein bisschen besser zu verstehen, mich weiterzuentwickeln, zu lernen und zu wachsen. Und ich bin dankbar dafür, dass die Schauspielerei mir immer wieder neue Gelegenheiten dazu bietet."

Er wirkt zufrieden, als er das sagt. Er nimmt einen weiteren Schluck aus seinem Wasserglas, lehnt sich zurück und blickt durch das Zimmerfenster in den verregneten Berliner Dezemberhimmel hinaus. Und wie er so dasitzt auf dem zartgrünen Barocksofa und nach all den bewältigten Interviews einen kurzen Moment der Ruhe findet, sieht er irgendwie gemütlich, lieb und sanftmütig aus.

Quelle: teleschau - der mediendienst