Christian Bale und Ridley Scott

Christian Bale und Ridley Scott





"Gott kann überall sein"

Der eine verschnupft, der andere gut gelaunt: Weil Regisseur Ridley Scott (77) mit leichter Grippe zum Doppel-Interview erschien, übernahm sein fröhlich aufgelegter Hauptdarsteller Christian Bale (40) ganz einfach das Zepter. In "Exodus - Götter und Könige" (Kinostart: 25. Dezember) spielt er die Hauptrolle und befreit als Moses sein Volk aus der ägyptischen Sklaverei. Ridley Scott hat die alttestamentarische Geschichte mit viel Bombast und monumentalen Bildern inszeniert. In einem offen und lockeren Gespräch parlierten die beiden in Berlin über Gott und die Welt.

teleschau: Mr. Scott, warum wollten Sie die Geschichte von Moses unbedingt noch einmal erzählen?

Ridley Scott: Die Geschichte wurde noch gar nicht so oft im Kino gezeigt. Am bekanntesten ist sicher Cecil B. DeMilles "Die Zehn Gebote" von 1956 mit Charlton Heston, dessen Berühmtheit es zu verdanken war, dass der Film überhaupt gemacht werden konnte. Dieses Epos wollte ich natürlich nicht kopieren. Aber die epische Breite hat mich gereizt, mir schwebte im Hinterkopf immer ein monumentales Werk vor.

teleschau: In dessen Mittelpunkt ein monumentaler Mann steht: Ist nicht alles bekannt über Moses?

Scott: Was mich total überraschte: Im Zuge der Recherchen lernte ich viele Seiten von Moses kennen, die mir absolut neu waren. Mein Drehbuchautor Jeffrey Caine war zwar eine echte Nervensäge, aber er kannte jedes Detail aus dem Alten Testament. Es war nicht einfach zu entscheiden, auf welche Aspekte ich verzichten und was ich unbedingt zeigen wollte. Ich musste wählerisch sein: Die Geschichte hat so viele Schwerpunkte.

teleschau: Hatten Sie spirituelle oder religiöse Hintergedanken?

Scott: Ganz und gar nicht. Ich bin Agnostiker.

teleschau: Mr. Bale: Es heißt, Sie würden gar nicht glauben, dass Moses existierte.

Christian Bale: Das war mal eine Aussage in einem Interview, die aber verknappt wiedergeben wurde. Ich bin nun wirklich keine Autorität auf dem Gebiet der Bibelforschung. Aber der aktuelle Stand der Wissenschaft ist wohl, dass es den Exodus zu der Zeit wahrscheinlich nicht gegeben hat. Er fand statt, aber in einer anderen Epoche. Das machen die Forscher an Sachen wie Ziegelsteinen fest, die in der Bibel beschrieben werden, die es aber in Wirklichkeit damals in Ägypten noch nicht gab.

teleschau: Warum spielten Sie Moses dann?

Bale: Ganz egal, ob man gläubig ist oder nicht: Moses' Geschichte ist einfach unglaublich - spannend, vielschichtig, immer wieder überraschend. Ob er nun lebte oder nicht: Moses ist eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der Menschheitsgeschichte. Ich wollte ihn als Mann interpretieren, den es wirklich gegeben hat und keine symbolische Figur spielen, sondern einen echten Menschen. Schließlich ist Moses für viele Gläubige real.

teleschau: Wie haben Sie sich für die Rolle inspirieren lassen?

Bale: Als mich Ridley fragte, ob ich für ihn Moses spielen würde, fühlte ich mich irgendwie klein und unwichtig. Bei der Recherche stellte ich fest, dass Moses ein ziemlich faszinierender Typ mit allerlei Facetten war: Ich fragte Ridley, wie er das alles in zwei Stunden packen wolle. Das reicht locker für eine Acht-Stunden-Miniserie.

teleschau: Hatten Sie keine Angst vor der biblischen Größe Ihrer Rolle?

Bale: Wie gesagt: Ich war eingeschüchtert. Um das ungeheure Ausmaß dieser Rolle verdauen zu können, habe ich mir erst mal Mel Brooks' "Die verrückte Geschichte der Welt" und Monty Pythons "Das Leben des Brian" angeschaut. Okay, mir ist jede Ausrede recht, um diese Filme zu sehen. Aber es war auch wichtig, um mir die Angst vor dieser Überfigur zu nehmen.

teleschau: Moses wird im Film immer dünner: Ans Set von "Exodus" kamen Sie direkt nach den Dreharbeiten von "American Hustle", wo Sie stolz Ihre Plauze präsentierten. Wie hart war das Abnehmen?

Bale: Ich musste nur auf die Donuts verzichten. Schlimmer war's glaube ich für Ridley, der damit leben musste, dass ich mit Glatze und Fettbauch am Set auftauchte. Aber es hat ja dann doch geklappt: Ich habe die ganze Zeit abgenommen, und den Rest hat die Kostümbildnerin hingekriegt.

teleschau: Warum haben Sie den Film gerade jetzt gemacht, in einer Zeit, in der Religion als Ausrede für Tod und Terror herhalten muss?

Bale: Für mich hat ein Film immer dann Relevanz, wenn er eine gute Geschichte erzählt. Punkt. "Exodus" erzählt eine großartige Geschichte mit dem Fokus auf der Beziehung zwischen Moses und Ramses, deren beider Leben sich dramatisch ändert. Mehr brauche ich nicht für einen Film. Wer will, mag sich seinen Teil denken. Man muss kein Genie sein, um zu sehen, dass die Welt in Aufruhr ist, dass es überall Revolutionen und religiöse Unruhen gibt.

teleschau: Die Hauptdarsteller des Films sind alle weiß: Stimmt es, dass der Film mit farbigen Schauspielern nicht finanziert worden wäre?

Scott: Das ist - traurig, aber wahr - die Quintessenz. Filme wie "Exodus" kosten einen Haufen Geld, den dir niemand gibt, wenn nicht absolute Top-Stars auf dem Kinoplakat stehen. Ausrufezeichen!

teleschau: Warum haben Sie Gott als zehnjährigen Rotzlöffel porträtiert?

Scott: Das können Sie sich aussuchen. Mir war wichtig, dass ich Moses im Zwiegespräch zeigen konnte. Der Junge ist aber nicht Gott, sondern Malach. Ein Engel oder Botschafter. Man kann ihn auch als Gewissen Moses' verstehen. Gott kann überall sein.

Bale: Die Frage ist: Was hätten Sie gemacht? Wie hätten Sie Gott dargestellt?

teleschau: Warum zeigen Sie in "Exodus" vor allem Gottes brutale Seiten?

Scott: Gott ist für die Gläubigen überall. Er kontrolliert die Natur, er bestimmt über Schönheit und Leben. Dass er beschließt, den Menschen nicht zu helfen, ist vielleicht eine langfristige Lektion. Vielleicht sollen wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen. Oder wie es meine 1,50 Meter kleine unerschütterliche Mutter sagte: Gott hilft denen, die sich selbst helfen. Wir müssen die Probleme, die wir schaffen, selbst lösen. Das gilt heute mehr als je zuvor. Ansonsten sind wir nicht mehr lange auf der Welt.

Bale: Der Gott des Alten Testaments ist ein ganz anderer als der Gott des Neuen Testaments. Moses diskutiert mit Gott, Gott wird wütend auf Moses. Was viele nicht wissen: Gott versucht im Alten Testament Moses umzubringen. Man kann aber im Film nicht alles zeigen.

Scott: Das Alte Testament ist unheimlich blutig und brutal: Wir haben eine recht freundliche Interpretation gemacht.

Quelle: teleschau - der mediendienst