Eli Roth

Eli Roth





Ein Mann für die Pizza

Seit dem Horrorschocker "Hostel" (2005) gilt Eli Roth als der vielleicht heißeste Genre-Regisseur Amerikas. Dabei beschränkt sich der 1972 in eine jüdische Bostoner Familie hineingeborene Filmfreak keineswegs nur auf die Regie. Er schreibt Drehbücher, produziert und tritt regelmäßig als Schauspieler auf. So zum Beispiel im Film "Inglourious Basterds" seines Kumpels Quentin Tarantino als "Bärenjude". Die Netflix-Serie "Hemlock Grove" ist Roth' erstes Groß-Projekt abseits der Kinoleinwand. In der bisher zwei Staffeln umfassenden Fantasy-Horror-Erzählung um seltsame Verbrechen und Körpertransformationen einer US-Kleinstadt spielen Bill Skarsgard und Famke Janssen die Hauptrollen. Seit diesem Jahr ist Eli Roth mit dem 22-jährigen chilenischen Model Lorenza Izzo verheiratet, die er bei Dreharbeiten kennenlernte.

teleschau: Hätten Sie vor zehn Jahren gedacht, dass Sie heute fürs Fernsehen arbeiten?

Eli Roth: So hypothetisch ist diese Frage gar nicht. Nach "Cabin Fever" und vor allem nach "Hostel" hatte ich eine Menge Anfragen, ob ich so etwas wie "Hostel - die Serie" fürs Fernsehen machen würde. Ich hatte damit jedoch ein grundsätzliches Problem. Fernsehserien funktionieren, indem man seine Charaktere entwickelt. Horror lebt davon, dass man seine Charaktere tötet (lacht).

teleschau: War das ihr einziges Problem mit dem TV?

Roth: Nein, natürlich nicht. Das Ausmaß an Gewalt, das damals im Fernsehen erlaubt war, hätte mich zu sehr eingeschränkt. Vor zehn Jahren gab es nur die normalen Network-Sender und ein paar wenige Abo-Kanäle. Außer den "Sopranos" auf HBO existierten kaum Serien, die einen wirklich hohen Qualitätsanspruch hatten. Die ganze TV-Szene war völlig anders. Heute ist es möglich, Qualität fürs Fernsehen zu produzieren und keinerlei kreative Einschränkungen in Kauf zu nehmen.

teleschau: Können Sie bei Abo-Sendern wie Netflix in Sachen Gewalt und Horror wirklich alles zeigen, was Ihnen vorschwebt?

Roth: Ja. Es gibt keine kreativen oder moralischen Verbote. Genre-Regisseure wie ich profitieren davon am meisten. Schauen Sie doch mal, wie viele Serien dieser Art es derzeit gibt: "The Walking Dead", "American Horror Story", "Hannibal", "Penny Dreadful". Die Fans lieben diese Serien, viele werden von Staffel zu Staffel immer erfolgreicher. Wir leben tatsächlich in einem goldenen Zeitalter des Fernsehens.

teleschau: Was lieben Sie eigentlich so am Horror-Genre?

Roth: Ich glaube, für mich war es immer faszinierend, etwas völlig Neues zu sehen oder zu erleben. Genrefilme arbeiten ja mit gewissen Konstanten. Das ist okay und wichtig. Interessant wird es trotzdem immer dann, wenn Filme es schaffen, meine Sichtweise völlig zu verändern. Filme wie "Paranormal Acitivity" oder "The Conjuring" revolutionierten zum Beispiel Spukhaus-Erzählungen. Oder als ich schon dachte, man hat jeden erdenklichen Zombie-Effekt gesehen, hat mich "World War Z" total fasziniert. Da kommt diese Szene an der Mauer von Jerusalem, in der die Zombies aus sich selbst Körperhaufen bilden, damit andere diese verdammte Mauer hochklettern können. Ich bekam nicht genug von dieser Szene. Ich hätte mir das noch stundenlang angucken können (lacht). Solche Dinge, die mich immer wieder wie ein Kind staunen lassen, das zum ersten Mal etwas sieht, sind es, die mich an diesem Genre interessieren.

teleschau: Welcher Horrorfilm hat Sie am meisten beeinflusst?

Roth: Als Kind habe ich mir deutsche expressionistische Stummfilme angesehen, "Das Cabinet des Dr. Caligari" zum Beispiel. Damals hat das niemand verstanden, aber ich war begeistert davon. Außerdem war es etwas, das im Fernsehen lief, als sie mich noch nicht ins Kino hineinließen. Später liebte ich japanische Monsterfilme wie "Godzilla". Am einflussreichsten war aber "Alien" für mich. Als ich den ersten Teil gesehen hatte, beschloss ich, dass ich selbst Horrorfilme drehen möchte.

teleschau: Was hat Sie am Stoff "Hemlock Grove" interessiert?

Roth: Der TV-Produzent Eric Newman, mit dem ich beim Film "The Last Exorcism" zusammengearbeitet habe, gab mir diesen Roman "Hemlock Grove" mit den Worten: 'Lies das! Es gibt Vampire, Werwölfe und andere Monster in diesem Buch, aber es ist trotzdem völlig anders als du denkst. Das Buch erinnerte mich an eine dunkle, übernatürliche Version von "Twin Peaks". Ich hatte Lust, diese Welt zu erschaffen und verliebte mich auch sofort in die Charaktere.

teleschau: Stört es Sie, wenn Kritiker sagen, Ihre Filme sind gewaltpornografisch?

Roth: Die Kritiken zu meinen Filmen sind immer sehr kontrovers. Letztendlich ist Zeit der beste Kritiker. Nach einigen Jahren weiß man, was gut war und was nicht. Bei "Hostel" schrieb eine Hälfte der Kritiker begeistert, ich hätte das Genre neu erfunden. Die andere Hälfte schrieb, mein Film wäre pornografischer, abstoßender Trash. Das einzige, was Horrorfans mehr lieben als Horrorfilme selbst, ist über Horrorfilme zu streiten. Natürlich freue ich mich, dass "Hemlock Grove" zwei Emmy-Nominierungen erhielt. Für "Visual Effects" und die Musik von Nathan Barr, mit dem ich schon lange zusammenarbeite. Dennoch ist für mich als Genre-Regisseur und Fan immer noch viel entscheidender, was die Fans sagen.

teleschau: Sie haben nicht das Verlangen, von der Kritik geliebt zu werden - etwa so wie Steven Spielberg, der bis "Schindlers Liste" immer darunter litt, dass seine Filme als pure Unterhaltung galten?

Roth: Nein. Ich muss sagen, dass mir dieser Ehrgeiz fehlt. Auch "Hemlock Grove" bekam teilweise miserable Kritiken. Sie vergleichen meine Serie mit "House of Cards" und schreiben, dass diese neue Netflix-Serie aber bei weitem nicht so gut wäre. Ich finde diesen Vergleich absurd! Es ist, als würde man sagen, dass eine leckere Pizza nicht so gut gewesen wäre wie das Essen im Sterne-Restaurant. Ich bin nun mal der Typ für die Pizza. So eine Pizza kann ungemein glücklich machen, wenn Sie einem ausgehungerten Menschen nachts ins Apartment geliefert wird.

teleschau: Viele bekannte Filmemacher ziehen mittlerweile Fernsehprojekte Kinoproduktionen vor. Warum?

Roth: Das ist doch kein Wunder. Hollywood ist der Ort, an dem jede noch so kleine Idee zwei bis dreimal geprüft und untersucht wird. Die Leute dort sind paranoid. Sie fürchten sich mittlerweile vor ihrem eigenen Schatten.

teleschau: Aber glauben Sie nicht, dass der Erfolg des neuen Fernsehens einen positiven Einfluss auf Hollywood haben wird? Dass die Verantwortlichen dort erkennen, dass man durchaus mehr wagen kann?

Roth: Ich glaube nicht an diesen Effekt. Hollywood funktioniert leider nicht so. Man macht dort keine Filme, die erfolgreich sein könnten. Man macht Filme, von denen man glaubt, dass sie nicht scheitern können. Und warum? Weil die Filme viel zu viel kosten und deshalb jeder seinen Job verliert, der einen Flop landet. Natürlich ist es krass, wenn man sich als Manager für ein Projekt entscheidet und das Resultat dieser Entscheidung ist, dass die Firma 160 Millionen Dollar verliert. Als Hollywood-Produzent musst die mindestens drei Superhits in Folge vorweisen können, bevor du dir einen Flop leisten kannst. Die Folge ist, dass man für jede Entscheidung im Film kreative Versicherungspolicen abschließt. Man wagt einfach keine ungewöhnlichen Ideen mehr.

teleschau: Hollywood wäre also nicht mehr Ihr Pflaster?

Roth: Normalerweise hätte man jeden meiner Filme dort abgelehnt. Du kannst keinen erfolgreichen Film über Folter machen! Aber "Hostel" war Nummer eins der Kinocharts. Du kannst keinen Film über Besessenheit machen, weil es "Der Exorzist" schon gibt! "Der letzte Exorzismus" war wieder Nummer eins der Charts. Du kannst nicht alle deine Charaktere umbringen! "Cabin Fever" war ebenfalls ein Riesenhit.

teleschau: Könnten Sie sich vorstellen, einen Film ohne Horror zu inszenieren?

Roth: Natürlich. Ich würde gern Komödien drehen, ich bin ein großer Fan dieses Genres. Ich habe gerade einen Thriller gedreht. "Knock Knock" mit Keanu Reaves und Lorenza Izzo. Der Film erzählt von einer fatalen Beziehung und kommt 2015 in die Kinos. Er ist eine Hommage an klassische Thriller wie sie Paul Verhoeven, Roman Polanski oder Adrian Lyne früher drehten. Außerdem schreibe ich an einem Science Fiction-Film mit David O. Russell (Drehbuchautor von "Silver Linings" und "American Hustle", d. Red). Dieser Film heißt "The Hive" und wird ziemlich verrückt werden. Ich beschäftige mich definitiv nicht nur mit Horror.

Quelle: teleschau - der mediendienst