Michael Gwisdek

Michael Gwisdek





Der Konflikt-Masochist

Hat er da wirklich das Wort "Rente" in den Mund genommen? Bislang war von Michael Gwisdek verlässlich zu vernehmen, er werde sich freiwillig überhaupt nie zur Ruhe setzen. Aber wie auch immer: Das mit dem Kürzertreten ist eh voll nach hinten losgegangen. Seit er vergangenes Jahr für seinen denkwürdigen Kurzauftritt im Kino-Überraschungserfolg "Oh Boy" den Filmpreis Lola bekam, kann sich der Berliner Schauspieler mit Drehbüchern "totschmeißen", wie er sagt. Auch beim Fernsehen steht der 72-Jährige derzeit hoch im Kurs. Im Ersten war Gwisdek zuletzt in kurzer Abfolge in den jeweils ganz wunderbaren Komödien "Die letzten Millionen" und "Altersglühen - Speed Dating für Senioren" zu sehen - schon folgt ein neuer Streich mit dem schillernden Original: der ARD-Weihnachtsschwank "Alle unter eine Tanne" (Freitag, 12. Dezember, 20.15 Uhr). Die Euphorie darüber hält sich beim Star jedoch in Grenzen. Statt für Dreharbeiten um die Welt zu jetten, würde sich Michael Gwisdek eigentlich viel lieber um die Pflanzen in seinem großen Garten in Schorfheide im grünen Berliner Umland kümmern. Aber man kommt ja zu nüscht. Dann noch dieser Interviewtermin: "Der ganze Tag ist versaut!" - O je.

teleschau: Herr Gwisdek, im Ersten sind Sie in diesen Tagen binnen weniger Wochen in drei großen Rollen zu sehen. So viel TV-Präsenz ist bei Ihnen ungewohnt.

Michael Gwisdek: Ich bin auch ganz erstaunt. Eigentlich wollte ich mal ausprobieren, wie das mit Rente ist und ein Jahr auslassen. Prompt kam eine Hauptrolle nach der anderen. Ich habe gestern meine vierte Hauptrolle in Serie abgedreht, nächstes Jahr geht es mit zwei neuen Hauptrollen weiter. Ich spiele also im Moment, was ich gar nicht mehr wollte: die großen Rollen mit viel Text.

teleschau: Welchen Reim machen Sie sich auf die große Nachfrage nach Ihrer Person?

Gwisdek: Ich habe ein Leben lang nicht über Karriere nachgedacht. Das mach ich auch jetzt nicht. Rationale Überlegungen, was der Karriere dient, gehen eh immer schief. Man nimmt im Zweifel doch die falschen Rollen an und lehnt die richtigen ab. Es gibt ein geflügeltes Wort für Schauspieler: Man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort mit den richtigen Leuten zusammenkommen. Sonst kannste dir ein Leben lang einen Wolf spielen. Zum Beispiel "Oh Boy": Die Rolle wollte ich gar nicht spielen. Aber dann kamen die immer wieder, und ich dachte, gut, mach ich für die Studenten das halt den einen Abend ohne Gage. Dann kriege ich ne Lola dafür, halte ne gute Dankesrede, und nach der Dankesrede kann ich mich totschmeißen mit Drehbüchern. So kann es gehen.

teleschau: Unter anderem war offenbar das Drehbuch zu "Alle unter eine Tanne" dabei. Haben Sie überhaupt schon mal in einer Weihnachtskomödie gespielt?

Gwisdek: Ich glaube nicht. Aber ich habe im wahren Leben ne Menge Weihnachtsgeschichten gespielt. In meinem eigentlichen Leben als Privatmensch habe ich ja schon 70 Weihnachten gefeiert. Darum kann ich das jetzt schwer auseinanderhalten.

teleschau: Was meinen Sie da genau?

Gwisdek: Ich habe jahrelang mit Leidenschaft den Weihnachtsmann gespielt, und meine Kinder haben auch dran geglaubt. Wir hatten ein wunderbares Ritual, dass ich irgendwann sagte: "Wo bleibt denn der Weihnachtsmann? Der müsste längst da sein, ich geh mal nachgucken." Ich bin dann raus, zog mich um, schminkte mich und klopfte in Vollverkleidung, die ich aus dem Theater mitgebracht hatte, kräftig an die Tür. Bei meinen Kindern schoss der Puls dann immer auf 180. Das hat jahrelang gut geklappt.

teleschau: Als Schauspieler haben Sie natürlich auch eine große Überzeugungskraft.

Gwisdek: Na klar! Einmal habe ich's in der Verkleidung übertrieben und meiner Frau einen Kuss gegeben. Als ich als Papa zurückkam, haben sich meine Kinder über den Weihnachtsmann beschwert: "Der hat Mama geküsst!" Dann hatten wir natürlich ein Gesprächsthema. Ich habe gleich Corinna zusammengeschissen, wieso sie sich vom Weihnachtsmann küssen lässt. War jut.

teleschau: Feiern Sie Weihnachten immer noch zusammen mit Ihrer Ex-Frau Corinna Harfouch?

Gwisdek: Ja. Weihnachten ist bei uns Patchwork angesagt. Da bringt jeder seine Kinder und die aktuellen Partner mit. Corinna und meine Frau Gabriela verstehen sich eh super. Das ist alles gar kein Problem, weil unter uns alles geklärt ist und es keine Heimlichkeiten gibt.

teleschau: So viel Offenheit ist vermutlich selten in Familien.

Gwisdek: Ich kenne Familien, in denen über bestimmte Dinge nicht geredet wird. Man tut so, als sei alles in Ordnung. Hauptsache, der Kaffee schmeckt. Und dann fährt man nach Hause und sagt: "Wenn die wüssten ..." Das ist überhaupt nicht mein Stil. Ich habe ein geradezu masochistisches Verhältnis zu Konflikten. Am besten noch übertreiben - das ist meine Methode! Deshalb liebe ich Filme wie "Das Fest" von Thomas Vinterberg. Ich bin dafür, dass man über Verwandte Klartext redet, gerade dann, wenn alle zusammensitzen, und das ist ja meistens Weihnachten der Fall. Das ist besser, als diesen Ehrgeiz auszuleben, man sei eine intakte Familie. Eine intakte Familie: Was soll das überhaupt sein?

teleschau: Ist denn nicht den Kindern ein harmonisches Umfeld wichtig?

Gwisdek: Man unterschätzt total, was man den Kindern zumuten kann. Die sind stärker im Verkraften von Dingen, als man annimmt. Zum Beispiel Scheidungskinder: Das Lügen ist immer schädlicher, als wenn man gleich die Wahrheit sagt: "Im Moment vertrag ich mich mit Mama nicht." Peng, aus.

teleschau: So haben Sie Ihren Söhnen damals die Trennung von Corinna Harfouch erklärt?

Gwisdek: Selbstverständlich. Unsere Auseinandersetzungen wurden nicht vor den Kindern geheimgehalten. Das geht auch gar nicht. Alles, was in meinen Ehen an Kompliziertheiten stattfand, haben meine Kinder voll mitgekriegt. Deshalb ist das auch total undramatisch gelaufen. Es gab da keinen Überraschungsmoment: "Oh, Papa hat jetzt ne Neue!" - Wollen Sie wissen, wie ich meine jetzige Frau Gabriela kennenlernte?

teleschau: Unbedingt.

Gwisdek: Mein Freund Henry Hübchen kam zu mir und sagte: "Unten in der Gaststätte sitzt ne gute Bekannte, die braucht mal Hilfe." Ich frage: "Ist das die, die ich so gut finde, die ich mal auf Deinem Urlaubsvideo gesehen habe?" - sagt er: "Ja." Dann habe ich meinen kleinen Sohn mitgenommen - er war damals 15 oder 16 - und gesagt: "Jetzt zeige ich Dir mal, wie man jemanden anbaggert." Er hat sozusagen von der ersten Minute an mitgekriegt, wie ich meine neue Frau kennenlerne. Er hat mich sogar hinterher kritisiert: "Bisschen dicke, Papa. Ein bisschen weniger hätte es auch getan."

teleschau: Welche Erinnerungen haben Sie an die Weihnachtsfeste Ihrer Kindheit?

Gwisdek: Meine Weihnachten liefen so, dass ich von meiner Mutter immer ein Paket neue Stofftaschentücher geschenkt bekam. Dann Socken, Unterwäsche und bestenfalls mal ein kleines Metallauto - mehr war damals nicht. Ich habe meiner Mutter nur praktische Sachen für die Küche gekauft - und im Auftrag meines Vaters immer eine Flasche 4711. So war bei uns Weihnachten.

teleschau: Ihre schönste Weihnachtserinnerung?

Gwisdek: Mein Vater und ich fuhren immer an Heiligabend mit der S-Bahn von Berlin nach Zepernick zu meinen Großeltern. Meistens waren wir die Einzigen in diesem Zug, weil Heiligabend überall Bescherung war. Meinen Großeltern schenkten wir einen Präsentkorb mit Lebensmitteln, und von meiner Oma bekam ich immer zwei Mark Westgeld in einen Strumpf gesteckt. Das war natürlich toll. Am schönsten war aber die Fahrt. Die Bilder von Weihnachten habe ich noch heute in meinem Kopf. Ich saß in einer leeren S-Bahn eine halbe Stunde lang mit meinem Vater und guckte überall in die Fenster rein, wo die Weihnachtsbäume brannten. Das war unglaublich!

Quelle: teleschau - der mediendienst