Taylor Schilling

Taylor Schilling





Das Hybrid-Mädchen

Taylor Schilling ist einer der Shooting-Stars der US-Schauspielszene. Ihren Karriereschub hat die 30-jährige Blondine der grandiosen Gefängnis-Dramedy "Orange Is The New Black" zu verdanken, die bei den letzten Emmys zwölf Nominierungen und drei Preise abräumte. Schilling verpasste zwar die Darsteller-Trophäe, durfte sich 2014 aber sowohl über Nominierungen als beste Hauptdarstellerin im Genre "Comedy" (Emmys) wie auch "Drama" ("Golden Globes") freuen - diesen Spagat muss man mit ein und derselben Rolle erst einmal schaffen. In "Orange Is The New Black", das in Deutschland beim Streaming-Anbieter Netflix zu sehen ist, spielt die Bostonerin eine gut situierte New Yorkerin, die wegen einer lange zurückliegenden Jugendsünde für 15 Monate in ein Frauengefängnis muss. Die dortige Welt straßengestählter Frauen und ethnischer Cliquen dürfte das Feingeistigste und dennoch Realistischste sein, was Film und Fernsehen auf dem qualitativ eher dünn bestellten Feld der Frauenknast-Erzählung bislang zustande brachten.

Vor dem 11. Juli 2013 dürfte sich die Zahl derer, die mit dem Namen Taylor Schilling etwas anfangen konnten, in Grenzen gehalten haben. An diesem Tag aber stellte der amerikanische Streaming-Gigant Netflix die erste Staffel der von Jenji Kohan ("Weeds") erdachten Serie "Orange Is The New Black" ins Netz. Alle 13 Folgen auf einmal, so wie sich das für die neue Online-Serienwelt gehört.

Man darf getrost sagen, nach "House of Cards" ist "OITNB", wie die Serie etwas sperrig abgekürzt wird, zum zweiten Superhit des "Senders" geworden. Der Serie liegt die gleichnamige Biografie von Piper Kerman zugrunde, die wie Taylor Schillings Figur ebenfalls zu 15 Monaten Haft verurteilt wurde. Ihr 2010 erschienenes Buch wurde in den USA zum Bestseller. Kritiker überschlugen sich vor Lob für die Serienadaption, und auch die Fans wurden schnell süchtig nach diesem seltsamsten, lustigsten aber auch klügsten TV-Entwicklungsromane der letzten Jahre.

Im Herbst 2014, mittlerweile ist Staffel zwei fertig und eine dritte in Arbeit, sitzt eine gut gelaunte Taylor Schilling in Berlin zum Interview bereit. Gestern noch tanzte sie ziemlich ausgelassen im schulterfreien, hautengen Goldkleid auf der Party zum Deutschlandstart von Netflix "Unter den Linden". Heute nun hat sie das Party-Outfit mit einem übergroßen weißen Männerhemd getauscht, das ihr bis obenhin zugeknöpft die Ausstrahlung einer distinguierten Kunst-Galeristin verleiht. Auf den ersten Blick sieht Taylor Schilling aus wie die süße Blondine von nebenan. Dass diese Frau jedoch mehr in sich trägt, als es jener erste Blick verrät, hatten wohl auch die Produzenten von "Orange Is The New Black" erkannt. Obwohl die Serie ein Ensemblestück mit vielen großartigen Darstellerinnen ist, folgen die Zuschauer der Entwicklung von Schillings Hauptrolle fast ebenso atemlos wie der emotionalen Schauspiel-Achterbahnfahrt von Claire Danes in "Homeland".

Ihren Traumjob, so der Star der traurigsten Comedy und lustigsten Dramaserie derzeit, habe sie durch ein ganz normales Casting erhalten. "Ich war nur sehr viel heißer darauf, als man es normalerweise sein sollte", gibt sie zu. "Das Script von Jenji Kohan war das beste, was ich seit langem gelesen hatte. Später hörte ich, dass Jenji sich meine Probeaufnahme während ihres Urlaubs in Irland angeschaut hatte. Und dass sie danach sofort telefonierte, um mir die Rolle zu geben. Das nennt man dann wohl gegenseitige Anziehungskraft."

Vor ihrem Engangement in "OITNB" hatte das Mittelstands-Scheidungskind aus Boston durch eine Hauptrolle in der gefloppten NBC-Krankenhaus-Serie "Mercy" oder Auftritten in Hollywoodfilmen wie "Argo" ein übersichtliches Maß an Aufmerksamkeit erregt. Was Taylor für die Rolle der gut situierten New Yorkerin Piper Chapman qualifizierte, die sich 15 Monate von ihrem liebevollen Freund (Jason Biggs) verabschieden muss, um im Gefängnis zu leben, glaubt sie selbst zu erahnen. "Ich bin jemand", gibt Schilling in einem Akt der Selbstanalyse zu, "der sehr schnell von einer Stimmung in die andere geraten kann. Manchmal dauert diese Reise vom Glück in die Verzweiflung oder umgekehrt nur 30 Sekunden. Mit solchen Situationen spielt auch die Serie."

Schillings Ausstrahlung zwischen gezeichneter Außenseiterin und wachgeküsstem Dornröschen, die sich wunderbar in ihrem Gesicht ablesen lässt, macht die 30-Jährige zum perfekten Hybrid-Mädchen zwischen Komödie und ernst zu nehmendem Drama. Dazu käme, so Schilling, dass sie eine Kämpferin sei, die es liebt sich neuen Situationen zu stellen. "Auch Piper lernt sich selbst als facettenreiche Persönlichkeit erst im Knast richtig kennen." Dass die 1,73 Meter große Schauspielerin keineswegs immer das flotte, sorgenfreie All-American-Girl war, welches sie im Film problemlos darzustellen vermag, gab sie kürzlich in einem Interview mit der britischen Daily Mail zu. Als Kind, sagt sie da, habe sie die Hölle des Außenseitertums über Jahre am eigenen Leib erfahren. "Meine Erfahrungen waren extrem schmerzhaft. Ich hatte eine Zeit lang sehr kurze Haare, trug eine Brille und war sehr groß für mein Alter". Man stelle sich vor, die klassische Bohnenstange.

Über ihr Privatleben gibt die New Yorkerin wenig preis. Weil sie in der Kinoschmonzette "The Lucky One - Für immer der Deine" mit Zac Efron 2012 ziemlich intensive Liebesszenen zu spielen hatte, dichtete man Taylor Schilling eine Affäre mit dem Sexsymbol an, dabei seien sie - so Efrons Filmpartnerin - stets nur Kollegen gewesen, die sich gut verstehen. Tatsächlich findet sich im Netz kaum etwas über Taylor Schillings "Beziehungsstatus", was in der heutigen Zeit recht erstaunlich ist. Ihr erster Knastbesuch ist dagegen verbürgt. "Das war direkt nach Ende der Dreharbeiten zur ersten Staffel. Damals habe ich mit Piper Kerman, also der echten Piper, einige Frauengefängnisse besucht, was ich sehr bewegend fand. Die Tage hinter Gittern haben mir geholfen, besser zu verstehen, was wir da drehen. Die eintönigen Dinge, die man dort sieht, die Augen der Frauen, in die man blickt, all das hat mich an unsere Arbeit erinnert."

Im Juli 2015 soll Staffel Nummer drei der hochgelobten Knast-Dramedy fertig sein. Ob sie daran glaubt, dass die Zeit im Gefängnis Menschen so verändern kann, dass sie danach "resozialisiert" sind, will man von der Schönen im Herrenhemd wissen. "Meine Figur Piper", so Schilling, "bringt den Background mit, um das Gefängnis als Chance zu nutzen. Sie kommt aus einer netten Familie, hat einen liebevollen Freund, eine gute Ausbildung und Geld. Doch nur durch diese Struktur wird ihr Trip zu einer Lern- und Selbsterfahrung. Hast du das alles nicht, kehrst du nach Beendigung der Haft zurück zum Gesetz der Straße."

Quelle: teleschau - der mediendienst