Ray Cokes

Ray Cokes





Erzähl doch mal von früher, Ray!

Wer in den 80er- und 90er-Jahren einigermaßen jung war, kam um das sympathischste Knautschgesicht des internationalen Musikfernsehens nicht herum: Ray Cokes, geboren 1958 auf der Isle of Wight, entwickelte in seinen MTV-Shows "Ray's Request" und natürlich bei der anarchischen Studio-Sendung "Most Wanted" einen exaltierten, zappeligen, selbstironischen, respektlosen und aus Sicht vieler treuer Fans immer noch unübertroffenen Moderationsstil, der ihn zum Aushängeschild des damals noch frei und europaweit auf Englisch empfangbaren Jugendsenders machte. In Deutschland fand Cokes bald einen besonders aufgeschlossenen Fan: Stefan Raab, damals noch in Diensten von VIVA, kopierte den Gaga-Stil und wurde mit "TV total" bekanntlich sehr berühmt. Cokes musste sich nach seinem Rauswurf 1996 - nach einem abgebrochenen Live-Konzert auf der Hamburger Reeperbahn - aus dem Rampenlicht zurückziehen. Nach Veröffentlichung seiner Autobiografie "My Most Wanted Life" (Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag) macht er sich nun aber bereit zum Durchstarten mit neuen Live-Bühnenshows.

Erstmalig äußert sich der heute 56-Jährige jetzt ausführlich zu den Vorkommnissen in Hamburg, als ihn aufgebrachte Tote-Hosen-Fans anpöbelten und mit Bierdosen bewarfen. Auslöser war die missverständliche Ankündigung, dass die legendäre Punk-Band tatsächlich live auftreten sollte. Stattdessen wurde sie per Video-Projektion zugeschaltet. Mit dem Unmut des Publikums konnte der sonst so souveräne Ray Cokes damals nicht gut umgehen - was seine Trennung vom Sender offenbar stark beschleunigte.

"Oft hat's ganz schön geschmerzt beim Schreiben", sagt er nun. "Etwa im Hamburg-Kapitel, bei meinem Ende bei MTV. Lange Zeit hatte ich dem Sender die Schuld gegeben. Oder ich machte andere Leute für alles verantwortlich. Beim Schreiben sah ich plötzlich einiges anders - auch weil ich meinen Boss von damals für mein Buch interviewte", erzählt Ray Cokes. "Dabei merkte ich: Ich war's selbst. Ich war der Mann, der die Knarre an seine Schläfe hielt und sich selbst in den Kopf schoss." Eine harte Erkenntnis, zu der er aber steht - ebenso wie zu ziemlich offenherzigen Drogen- und Porno-Beichten. "Sie hatten mir die Knarre in die Hand gedrückt", sagt er über seine ehemaligen MTV-Vorgesetzen. "Aber ich hatte sie auf mich selbst abgefeuert."

Heute sieht Cokes einiges gelassener. "Bastarde bei MTV? Nicht wirklich. Jeder lebt in seinem eigenen Film. Und mein Boss damals lebte definitiv in einem anderen Film als ich damals. Er hatte sich vor unserem unglücklichen Konzert in Hamburg eine Woche lang in Deutschland aufgehalten, um die Sendeerlaubnis für MTV zu sichern. Die Medienaufseher wollten die Lizenz kassieren", berichtet er in seinem Bekenntnisbuch. "Davon wusste ich gar nichts. Deswegen dachte ich auch zuerst, dass die Verantwortlichen mich abschießen wollten. Doch darum ging es gar nicht in erster Linie." Cokes sagt heute, er habe "durchs Schreiben Frieden mit mir selbst geschlossen".

Der Prozess, in einem Buch zurückzublicken, hat den auch heute noch ziemlich aufgedrehten Zappelphilipp Kraft gekostet. "Zunächst einmal war es mit Abstand die schwierigste und schmerzhafteste einzelne Herausforderung, der ich mich jemals gestellt habe. In 30 Jahren", so Ray Cokes. "Ich habe jetzt einen enormen Respekt vor Schriftstellern, weil ich weiß, wie viel Leiden in so eine Arbeit eingeht."

Offensichtlich wollte er vieles richtig machen - und ließ sich dafür Zeit. "Ich habe noch nie vorher irgendwas geschrieben. Kaum zu glauben, aber ich bin ein Perfektionist. Auch wenn es nie danach aussieht, wenn ich im Fernsehen zu sehen bin", scherzt er. "Dort improvisiere ich natürlich so gut es geht. Auch bei meinen Bühnen-Shows habe ich kein Script - ich lass mich einfach mitreißen, wie es eben läuft. Ich hol mir dann die Energie von den Zuschauern und versuche sie zu nutzen." Ohne unmittelbares Fan-Feedback zog sich das Schreiben hin - zum Unwillen seines Berliner Verlegers. "Er spricht seitdem nicht mehr mit mir", witzelt Cokes. "Er ist kein Freund des Lügens." Tatsächlich kann es um die Freundschaft so schlecht nicht bestellt sein: Schwarzkopf & Schwarzkopf brachte "My Most Wanted Life" nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch heraus.

Im Rückblick schaffte es Cokes, etwas so Verschlungenes wie den eigenen Lebensweg auf einen einfachen Nenner zu bringen - mit fernsehtypischem Sinn für Vereinfachungen. "Es geht um den Jungen, der zum König von MTV aufsteigt, dann tief fällt, der in eine Depression gerät, von allerlei Dingen süchtig wird, sich ein wenig aufrappelt, dann wieder stolpert", sagt er. "Hamburg war das Finale des zweiten Akts. Dann steht der Junge wieder auf, kehrt dorthin zurück, wo er beinahe gestorben wäre - und reitet - nicht ganz wirklich, aber fast - mit seinem Mädchen in den Sonnenuntergang davon."

Die "Helden"-Metapher benützt er - augenzwinkernd - immer wieder im Buch, nicht nur um sich selbst zu schmeicheln. Seine Anarcho-Phase bei MTV erinnert ihn heute an den Wilden Westen. "In den alten rauen Zeiten war es der Pionier, der auf seinem Pferd loszog und das Gold entdeckte. Er erkundete das Land - und bekam den Ruhm ab. Allerdings dauerte es nicht lange, dann war der Pionier derjenige, der den Pfeil im Rücken abbekam", sagt er.

Immerhin hat Ray Cokes sich sein offenes Wesen erhalten. Negative Energie hasst er. "Ich hatte noch nie irgendwas von dem bereut, was ich getan habe. Vielleicht bereue ich stärker all die Dinge, die ich eben nicht tat", sagt er. "Ich habe so viel Zeit mit Musikern verbracht - warum habe ich nie gelernt, besser Klavier oder Gitarre zu spielen? Früher bin ich Ski gefahren. Warum habe ich nie auf die jungen Snowboarder gehört, mit denen ich bei MTV zu tun hatte, und stieg auf deren Bretter um?", so Cokes. "Wenn man ein Buch schreibt, schießen alle diese Gedanken - und weitaus ernstere - auf dich ein. Normalerweise würde würde man sich für so einen Prozess einen Therapeuten an die Seite holen."

Eines wurmt ihn allerdings doch: dass er nicht früher gelernt hatte, sein zweifellos großes Talent geschickter zu vermarkten. "Vieles, was mich bitter gemacht hat, konnte ich hinter mir lassen - selbst den Ärger über die Leute, die mich kopiert hatten", sagt er. "In England gab es einige davon. Im Gegensatz zu mir waren es alle gute Geschäftsleute - oder hatten zumindest exzellente Manager. Sie machten Millionen. Ich gar nichts." Trotzdem kann er den Kopisten auch Selbstgefälliges abgewinnen: "In England sagen wir: Imitiert zu werden ist die ehrlichste Form von Schmeichelei." Was seine Wirkung auf Deutschland angeht, sieht er das ähnlich. "Viele Leute fragen mich: Hassen Sie Stefan Raab? Warum sollte ich?", sagt Ray Cokes. "Nun gut, er hat mich kopiert - anfänglich, auf VIVA. Er war aber immer sehr ehrlich: Er hatte stets gesagt, dass er den Typen von MTV nachmacht, aber der kann eben nicht Deutsch sprechen."

Zuletzt hat Ray Cokes eine Art Frieden mit Raab geschlossen. "Ungefähr vor drei Jahren war ich auf dem Fernsehfestival Rose d'Or in der Schweiz. Stefan Raab war dort der große Star. Ich war ein Kategorie-Z-Prominenter auf der Liste", erinnert er sich. "Als ich später draußen stand und auf ein Taxi wartete, klopfte mir jemand auf die Schulter. Hallo, ich bin Stefan Raab, stellte er sich vor. Er wollte wissen, ob ich überhaupt mit ihm rede. Natürlich, sagte ich. Du hast Talent, du bist ein Mega-Star. Wir haben uns dann sogar ein Auto geteilt." Eines habe er nur auf dem Herzen, sagt Cokes: "Für meine Buchveröffentlichung möchte ich unbedingt in seine Show kommen. Irgendwie werde ich's schon schaffen."

Ganz nebenbei erzählt "My Most Wanted Life" viel über die Entwicklung des Fernsehens - und das ist oft eine Geschichte von fehlendem Mut. "Als ich früher in Europa unterwegs war, musste ich im Hotel nur den Fernseher einschalten: Überall sah ich mich. Italien, Spanien, Frankreich - überall", sagt Ray Cokes. "Der internationale Geist ist weg. Das fing schon an, als ich noch bei MTV war. Plötzlich redeten die Bosse von nichts anderem, als der angeblichen Notwendigkeit, den Sender zu regionalisieren", so der Moderator. "Der Schlüssel zu unserem Erfolg war doch, dass die Kids in Finnland sich mit ihren Altersgenossen in Deutschland oder in Israel identifizieren konnten."

Den fehlenden "Spirit" vermisst man heute - vor allem wenn man an die peinlichen Geburtswehen eines öffentlich-rechtlichen Jugendkanals denkt. "Heute ist das Projekt Europa ernsthaft in Gefahr. Die Politiker in Brüssel sagen niemandem was. Überall schießen Rechtsextreme aus dem Boden", klagt Ray Cokes. "MTV hatte doch diese wunderschöne Vision: One Nation, One Station, One Planet, One People", sagt Cokes. "Ich kann einfach nicht glauben, dass es für junge Leute heutzutage das höchste der Gefühle sein soll, doofe Witze über das Internet zu teilen, die dann 20 Millionen Klicks bekommen."

Einher damit geht Hasenfüßigkeit - und die schleichende Abkehr von echten Live-Momenten, wie sie eben erst für "DSDS" bekannt gegeben wurde. "Natürlich macht mich das traurig. Live-Fernsehen ist für mich die einzige Berechtigung, überhaupt Fernsehen zu machen", sagt Cokes. "Heute ist das Format der König im Fernsehen. So einer Hochglanzshow kann man keinen unberechenbaren Verrückten wie mich zumuten. Die Bosse wollen in Ruhe nach Hause gehen können." Zum Glück hat er zumindest für sich ein Gegenmittel gefunden - seine Bühnen-Shows, bei denen eine zentrale Bar für den Moderator und die Musik-Gäste natürlich nicht fehlen darf.

Das Bad in der Menge genießt Ray Cokes dabei sichtlich. "In den Augen sieht man eine Form von Begeisterung. Jetzt kann alles passieren. Ich weiß zwar nicht, was als nächstes auf mich zukommt. Doch genau das ist großartig", sagt er über seine Fans. "Die größte Freude machte mir, dass nach der Show all die Kids und Jugendlichen zu mir kamen, um mir auf die Schulter zu klopfen. So mancher fragte mich, warum ihre Generation solche durchgeknallte Shows nicht mehr macht - in denen alles passieren kann. Und definitiv nichts gescripted ist. Absolutes Chaos, aber Fun!" Fürs nächste Jahr plant Cokes eine Comeback-Tour. "Die Idee, eine 'Most Wanted Tour' auf die Beine zu stellen, wächst. Einfach das alte Erfolgsrezept: Musiker, das Publikum und ich. Und wir blödeln herum", sagt er. Dafür will er die alte Mannschaft wieder zusammentrommeln: "Rob the Cameraman. Andy-Cam. Naughty Nina. Ich hab schon viel rumtelefoniert - weil ja alle gut zu tun haben, Familie und Kinder haben", sagt er. "Aber alle, die ich sprechen konnte, waren begeistert."

Quelle: teleschau - der mediendienst