Titos Brille

Titos Brille





Er hatte gar keine ...

Es ist nicht ganz einfach, im Rahmen einer Dokumentation seine eigene Geschichte zu erforschen. Denn nur wenn man Abstand zum Ermittelten halten kann, wird der Film richtig gut - und das gelingt den wenigsten. Adriana Altaras will vor der Kamera von Regina Schilling nicht nur die eigene Vergangenheit beleuchten, sondern die ihrer "strapaziösen Familie". Das würden viele von der eigenen Sippe behaupten, doch in diesem Fall wird nicht übertrieben: "Titos Brille" ist emotional so anstrengend, dass auch Altaras manchmal fast aus dem Bild kippt. Für den Zuschauer jedoch ist diese Dokumentation über die jüdischen Partisanen, die für Tito kämpften, ein großes Vergnügen.

Eine Frau um die 50 reist nach Kroatien, um vor ihrem Ableben ihre Dämonen zu suchen, wie Adriana Altaras es charmant beschreibt. Demnach ist "Titos Brille" ein Roadmovie, das sich zwischen Gießen, Zagreb und Split erstreckt. Altaras' Vater, der Frauenheld und Darmexperte, die Mutter, arbeitswütig und kettenrauchend, spielen natürlich eine wesentliche Rolle. Ebenso wie die Tante, die die Kleine einst mädchenhaft angezogen hat - im Gegensatz zur Mama, die es burschikos mochte. Die war sehr ehrgeizig, vergaß auch mal ihre Tochter zu umarmen oder deren Namen.

In Jugoslawien, das jahrzehntelang von Tito regiert wurde, war ihr Zuhause, als kleines Mädchen wurde Adriana nach Italien geschmuggelt, später landet die Familie in Deutschland. Jetzt erwartet man womöglich eine ernsthafte Abhandlung über die politischen Probleme, all die Schwierigkeiten. Diese Themen finden natürlich statt, doch anders, als man es erwartet. Denn "Titos Brille" ist ein ganz besonderer Film, von großer Schönheit. Adriana Altaras kennenzulernen, ihren verschlafenen Sohn, der sich über die zu erledigenden Aufgaben in Mutters Abwesenheit ärgert, ihren Mann, der ihr einen Glücksbringer im Auto anbringt und später all die Menschen, die die Künstlerin interviewt, ist spannend.

In puncto Klugheit und Witz kann man der Berliner Schauspielerin einfach nicht das Wasser reichen, sie kommentiert die eigene Reise präzise, lustvoll und sehr vergnüglich. Ihr Mutterwitz und ihr gewinnendes Wesen sind nur ein Teil des Ganzen sind. Die Art und Weise, wie sie schlimme Erkenntnisse präsentiert, ist einzigartig. Ihre Distanz und der freundliche Blick auf ihre Eltern umwerfend, weil sie immer die Balance hält, sie zeichnet sie nie als Karikaturen. Und: Sie will tatsächlich verstehen.

Regina Schilling kommt ganz nah ran, die Filmemacherin porträtierte bereits den jungen Autor Benjamin Lebert und den Schauspieler Josef Bierbichler und hat großen Anteil daran, wie intensiv man diese Geschichte erlebt. Man sagt ja oft "mitgefangen, mitgehangen". Bei "Titos Brille" ist es "mitgelacht, mitgeweint".

In ihrem jetzigen Leben ist Adriana Altaras Schauspielerin und Autorin, arbeitet zudem als Theaterregisseurin. Auch ihr Familienleben hat sie bereits beschrieben, 2011 erschien ihr gleichnamiger Roman. Damit ist die Doku sozusagen auch eine Romanverfilmung, vielleicht wirkt sie daher so filmisch, so rund und erzählerisch gelungen. Es ist unmöglich, sich bei diesem Film zu langweilen.

Quelle: teleschau - der mediendienst