Timbuktu

Timbuktu





Der Film zu den Nachrichten

Im Jahr 2012 erobert eine Gruppe einheimischer und ausländischer Islamisten die Wüstenstadt Timbuktu in Mali. Angesichts der gezielten Zerstörung von jahrhundertealten Kulturgütern und den extremen Bestrafungen der Bevölkerung, fragte sich Abderrahmane Sissako daraufhin, welche Auswirkungen die Übernahme der Dschihadisten auf das Leben in der Region hat. In seinem Drama "Timbuktu" sucht der mauretanische Regisseur nach den menschlichen Bedürfnissen und Widersprüchen in einem durch strikte Regeln bestimmten Dasein. Sowohl bei den Bewohnern Timbuktus als auch - und das ist ungewöhnlich - bei den Eroberern.

Noch bevor der Schrecken des Terrors von IS in Syrien und im Irak begann, die Nachrichten zu dominieren, drehte Abderrahmane Sissako in Mauretanien seinen Spielfilm "Timbuktu". Bei seiner Premiere im Mai 2014 im Wettbewerb der Filmfestspiele in Cannes hatte man noch das "Weit weg"-Gefühl. Anders sensibilisiert nähern sich nun ein halbes Jahr später die Kinozuschauer dem Werk, das mit großem inszenatorischen Geschick, ohne Polemik, aber dafür einer feinsinnigen Ironie zeigt, wie sich das Leben der Menschen unter dem fundamentalistischen Terror verändert.

Am Anfang fallen Schüsse, auf einer Sanddüne werden afrikanische Holzstatuen von Kugeln getroffen. Hier zerspringt eine der großen nackten Brüste, dann wieder wird ein Stück vom Kopf abgespalten. Die neuen Machthaber zerstören Leben, aber auch die malische Kultur. Musik, Rauchen, Lachen und auch Fußball werden verboten. In einer bewegenden poetischen Szene zeigt der Regisseur, wie sich junge Männer auf einem Platz wie Fußballspieler auf einem Feld bewegen, aber ohne Ball.

Die in Mali eingefallenen Gotteskrieger wirken unbeholfen: Die Kommunikation unter ihnen klappt nicht, sie kommen selbst aus unterschiedlichen Ländern. Und wenn einer dann verbotener Weise doch mal auf eine Zigarette hinter der Düne verschwindet, zeigt sich, dass nicht jedes Bedürfnis mit Glauben zu beherrschen ist.

Absurditäten finden sich zuhauf in diesem Film. Da streifen Truppen mit dem Megaphon durch die Lehmgassen der Stadt und verkünden neue, für die Bevölkerung nicht nachvollziehbare Gesetze. Marktfrauen etwa sollen künftig schwarze Handschuhe tragen - warum, bleibt den Eroberten ein Rätsel. Doch auch unter den Besatzern gibt es Unsicherheiten: Eine Gruppe macht singende Menschen in einem Gebäude aus, doch sie preisen dabei Allah - verhaften oder nicht?

Das Grinsen über diese Männer, die im selbstgedrehten Video nicht in Worte fassen können, wofür sie eigentlich stehen, vergeht aber schnell. In improvisierten Gerichten werden Schläge und Steinigungen bis zum Tod beschlossen wie auch erzwungene Hochzeiten gebilligt. Selbst der Iman aus der lokalen Moschee darf keinen Einspruch dagegen einlegen.

Sissako reiht Episoden aus der Stadt aneinander, wodurch der Würgegriff des islamischen Fundamentalismus ein menschlicheres Antlitz bekommt als man es aus den Nachrichten kennt. Hinter den schwarzen Tüchern stecken Menschen, Menschen mit Wünschen und Schwächen, und das macht sie noch gefährlicher. Sissako nähert sich einer brutalen Welt mit ruhigen, zum Teil poetischen Bildern über denen die zarten Klänge der Tuareg-Laute schweben.

Quelle: teleschau - der mediendienst