Herbert Grönemeyer

Herbert Grönemeyer





Erklär uns Deutschland, Herbert!

Früher "Currywurst", jetzt Ceviche vom Ostseedorsch: 35 Jahre währte Herbert Grönemeyers Weg von der Bochumer Imbissbude bis zur Albumpräsentation im hochpreisigen Berliner Promi-Treff "Grill Royal". Doch der vermeintlich protzige Rahmen passt. Denn er zeigt nur einen der scheinbaren Widersprüche, die der 58-Jährige mühelos vereint: Er ist Kumpel und Superstar, heimatverbunden und weltoffen, musikalisch experimentierfreudig und sich trotzdem immer treu geblieben. Er ist "Dauernd Jetzt", so der Titel seines neues Albums. Trotzdem findet sich das Publikum in seinen Liedern wieder: Grönemeyer-Songs sind in ihren besten Momenten Expeditionsreisen in die deutsche Seele. Sie orchestrieren das Grundrauschen des Zeitgeistes, verdichten Stimmungen zu populärer Poesie. Jede Ankündigung eines neuen Albums weckt Erwartungen. "Dauernd Jetzt" enttäuscht sie nicht und überrascht sogar mit einem Liebeslied an Deutschland.

"Stillstand ist der Tod", sang Herbert Grönemeyer schon vor der Jahrtausendwende in "Bleibt alles anders". Und vielleicht auch deshalb hat seine Plattenfirma noch einmal einen draufgesetzt. Wurden die geladenen Gäste 2011 bei der Präsentation des Albums "Schiffsverkehr" noch im Dampfer über die Spree geschippert, muss es diesmal schon das "Grill Royal" sein. Hier macht Berlin auf dicke Hose. Voll- und Halbprominenz lümmelt in bequemen Sitzecken, während Paparazzi draußen auf Star-Abschüsse lauern.

Innen sieht das "Grill" aus wie die Kulisse zu einem Helmut-Dietl-Film, der im München der 80er-Jahre spielen könnte. In einer Vitrine an der Rückwand liegen riesige Fleischstücke, aus denen Filets und Porterhouse-Steaks (109 Euro das Kilo) geschnitten werden. Im Separée sieht man sich von gerahmten Pin-up-Girls aus den 60er-Jahren umstellt. Wer es intellektueller mag, kann in einem weiteren abgetrennten Raum vor einer Bücherwand mit Klassikern der Weltliteratur Platz nehmen. Es gibt Goethe, Tolstoi, auch Heinrich Heines "Reisebilder". Leider nicht das "Buch der Lieder", aber dafür singt ja jetzt Herbert Grönemeyer - vom Band. Das gesamte neue Album, 60 Minuten lang, gibt es in voller Lautstärke. Wummernde Bässe kneten das Trommelfell. Aufmerksames Servicepersonal befüllt derweil die Gläser mit Champagner de Venoge, Châteauneuf-du-Pape und edlem Weißburgunder aus Dreiliterflaschen. Unterhaltungen mit dem Nebenmann (oder der Nebenfrau) beschränken sich notgedrungen auf kurze Brüllattacken. Bleibt umso mehr Zeit, um sich auf die Musik zu konzentrieren.

Was sofort auffällt: Grönemeyers Gesang ist gut zu verstehen. Vokale werden nicht wie früher weggenuschelt, Zeilen nicht mehr eruptionsartig hinausgebellt. Die Liedtexte verraten Grönemeyers Herkunft aus dem Ruhrgebiet, dem er trotz des Umzugs nach London und Berlin treu geblieben ist. "Ich lieb mich durch zu dir" heißt einer der neuen Songs. Das klingt nach Arbeit, nach Bohren mit schweren Presslufthämmern, nach Bergwerk und Stollen. Die Malocher-Metaphorik zieht sich auch durch eines der erstaunlichsten Stücke auf "Dauernd Jetzt". Mit "Unser Land" hat Grönemeyer eine Art Liebeslied an Deutschland geschrieben. "Es ist allerhand hier zu sein / So ein schönes Land / Ganz allgemein / Die wahre Tücke steckt im Detail." Und: "Dies ist unser Land / Es ist ein vielschichtiges Revier". Aus den Zeilen spricht reflektierter Patriotismus - ein Widerspruch? Vielleicht, aber vielleicht auch der Beginn einer neuen Debatte.

Erst als der letzte Song "Pilot" verklungen ist, betritt Herbert Grönemeyer das "Grill". Schwarzes Sakko, dunkle Jeans. Er stellt sich vor die Bar. Scheinwerfer tauchen jede Pore seines Gesichts in gleißendes Licht. Im Gespräch mit dem österreichischen Moderator parliert sich Grönemeyer in Stimmung. "Wenn ich glücklich bin, quatsche ich relativ viel", sagt er. Demnach muss man sich Herbert Grönemeyer gerade als sehr glücklichen Menschen vorstellen. Selbstironisch bis an den Rand der Koketterie pariert er alle Fragen, gewährt Einblicke in seine Arbeit und nimmt allzu verbissenen Exegeten seiner Liedtexte den Wind aus den Segeln. "Manche Worte seien nur da, weil da noch eine Lücke klaffte", sagt Grönemeyer. Später fällt ihm noch ein schönes Bild ein: Es gebe Worte, die müssten scharf sein wie Chilischoten, damit er weitertexten könne.

Ein aufgeräumter, aber auch ein ruhelos wirkender Herbert Grönemeyer tritt den Journalisten an diesem grauen Novemberabend entgegen. Der Albumtitel "Dauernd Jetzt", dieses Paradoxon, verrät viel über den Menschen. "Ich hatte nie einen Plan, ich lebe im Moment", sagt Grönemeyer, als er darauf angesprochen wird. Und dann stellt ein Journalist die kürzeste und philosophischste Frage des Abends: "Was ist wichtiger? Gehen oder bleiben?" Grönemeyer überlegt einen Augenblick. "Gehen ist wichtiger, damit man weitermachen kann."

Herbert Grönemeyer auf Deutschland-Tournee:

12.05.2015, Chemnitz, Arena

13.05.2015, Berlin, o2 World

15.05.2015, Hannover, TUI Arena

16.05.2015, Hamburg, o2 World

18.05.2015, Stuttgart, Schleyer-Halle

21.05.2015, München, Olympiahalle

22.05.2015, München, Olympiahalle

24.05.2015, Frankfurt, Festhalle

25.05.2015, Mannheim, SAP Arena

27.05.2015, Köln, LANXESS arena

28.05.2015, Oberhausen, König Pilsener Arena

30.05.2015, Bonn, Rheinaue

03.06.2015, Bocholt, Stadion am Hünting

09.06.2015, Rostock, IGA Park

10.06.2015, Heide, Marktplatz

12.06.2015, Berlin, Waldbühne

13.06.2015, Leipzig, Red Bull Arena

Quelle: teleschau - der mediendienst