Hape Kerkeling

Hape Kerkeling





Danke, Optimist

Mit Hannilein, Königin Beatrix oder Horst Schlämmer schuf er ein paar der eindrücklichsten Kunstfiguren des deutschen Fernsehens. Er sang "Hurz" und später war er "dann mal weg". Wie außer ihm nur noch Loriot schaffte es Hans-Peter Wilhelm Kerkeling, den deutschen Mainstream für anspruchsvollen, absurd-feinen Humor zu begeistern. Nach 30 Jahren vor der Kamera will es der begnadete Erzähler und Rollenspieler nach dem 50. Geburtstag am 9. Dezember deutlich ruhiger angehen lassen. Die Zeit der großen Fernsehshows aber auch der populären Zweitidentitäten Marke Schlämmer seien für ihn vorbei, sagt er. In der brillanten Unterhaltungs-Doku "Keine Geburtstagsshow" (Sonntag, 30.11., 20.15 Uhr, ZDF) tauchen immerhin alle berühmten Hape-Ichs noch einmal auf. Mit seiner im Oktober erschienenen Autobiografie "Der Junge muss an die frische Luft" sorgte er zudem für einen neuen Blick auf sein Gesamtwerk. Nach dem traumatisch erlebten Selbstmord der Mutter, beschloss der Hochtalentierte im Alter von acht Jahren, von nun an "Zweckoptimist" zu werden.

Omas Krämerladen in Recklinghausen war seine erste Entertainerschule. Hans-Peter, der nie in den Kindergarten ging und bis zur Einschulung die Tage an der Seite seiner geliebten Großmutter verbrachte, beobachtete jene kleinen Leute, die hier täglich einkauften und ihr Schwätzchen hielten.

Dass sich hinter dem vielen Reden, mit dem Menschen ihre Zeit verbringen, fast immer versteckte Botschaften zwischen Tragik und Komik verbergen, verstand der kleine Hape damals wahrscheinlich noch nicht. Vielleicht hat er es unbewusst geahnt. Mit einer Viel- und Schnellsprechnummer stellte er sich noch als Schüler 1983 in der ARD-Kultsendung "Talentschuppen" vor. Die Parodie auf eine babylonisch-internationale Radioschalte zeigte bereits das Verwandlungstalent dieses im nachfolgenden Interview eher schüchternen jungen Mannes, der wohl schon immer besser beobachten und zuhören konnte als viele andere.

Dass er ins Fernsehen wollte, war früh klar. Frankenfeld, Carrell, Rosenthal und Peter Alexander hießen seine Lehrmeister. Mit der so oft geschmähten "deutschen" Unterhaltung ist Kerkeling groß geworden. In sie hat er sich verliebt, hier fand er seine Vorbilder. "Das will ich auch machen, dachte ich, und war der festen Überzeugung, dass ich eines Tages auch solche großen Shows moderieren würde", gesteht er freimütig, retrospektiv überrascht von der eigenen Chuzpe. Tatsächlich beschreiben Verwandten und Weggefährten ihn als jemanden, der bei aller Sensibilität stets rustikal seinen Weg geht. "Sogar ans DDR-Fernsehen habe ich damals Bewerbungskassetten verschickt", erzählt der blonde Entertainer in "Keine Geburtstagsshow" - die haben übrigens nie geantwortet.

Doch es ging auch so. Seit "Känguru" im Januar 1985 in der ARD die Comedy-Nachfolge von "Bananas" antrat, ist Hape Kerkeling nicht mehr wegzudenken aus der deutschen Unterhaltung. Das Grimme-Preis gekrönte "Total Normal" (1989 bis 1991) brachte seine unsterbliche Königin Beatrix sowie die Hochkulturbetriebs-Parodie "Hurz" hervor. Dinge, die überleben werden, so wie Loriots Nudel. Als der Regisseur Rosa von Praunheim Kerkeling neben anderen Prominenten 1991 als schwul outete, sorgte dies auf dem Boulevard noch für echten Medienrummel. Auch daran sieht man, dass die Zeit vergeht.

Wie vielseitig talentiert der jugendliche Spaßmacher aus dem Fernsehen tatsächlich war, kann man bis heute an der immer noch bärenstarken Mediensatire "Kein Pardon" ablesen. Für den Kinofilm mit Heinz Schenk als abgewracktem Entertainer Heinz Wäscher schrieb Kerkeling das Drehbuch, führte Regie und spielte selbst drei Rollen. Unterstützt wurde er von seinem langjährigen Lebensgefährten Angelo Colagrossi, mit dem Kerkeling 27 Jahre zusammen war. Erst im März 2011 kam es zur Trennung.

Neben den zahlreichen TV-Shows, die er seit dem deutschen Grand Prix-Vorentscheid 1989 moderierte, ist vielleicht jene am bemerkenswertesten, die er mehrmals ablehnte. Dass Kerkeling ZDF-Wunschkandidat für Thomas Gottschalks Nachfolge bei "Wetten, dass ..?" war, ist bekannt. Dass er aber auch der einzige war, dem eine Art Superkoalition aus Volk, TV-Verantwortlichen und Kritikern die Rettung des in die Jahre gekommenen Unterhaltungs-Flaggschiffes zutrauten, spricht Bände.

In den letzten Jahren machte Hape Kerkeling statt dessen lieber als Buchautor Furore. "Ich bin dann mal weg", der Bericht über seine durch eine Lebenskrise 2001 ausgelöste Pilgerreise auf dem Jakobsweg, erschien 2006 und wurde mit viereinhalb Millionen Exemplaren zum erfolgreichsten Sachbuch der deutschen Nachkriegsgeschichte. Dass der Unterhaltungskünstler nun kurz vor dem 50. Geburtstag eine Biografie vorlegt, die sein Werk im Nachhinein im neuen Licht erscheinen lässt, ist sicher kein Zufall. Hier wollte jemand, der für die Zukunft andere Pläne als den großen Gala- und Comedy-Auftritt hat, sich noch einmal selbst durchleuchten, ja erklären.

Als sich seine Mutter mit den Worten, dass er heute so lange fernsehen könne, wie er wolle, von ihm verabschiedete, um sich zum Sterben ins Bett zu legen, hatte der Achtjährige gehorcht. Später legte er sich in instinktiver Sorge zur Mutter dazu. "Ich glaube", erzählt Hape Kerkeling, "dass ich durch den frühen Verlust meiner Mutter gelernt habe, dass es keine Garantien gibt für irgendetwas. Und dass man in jedem Moment damit rechnen muss, dass alles auseinanderfallen kann." Wo andere zerbrochen wären, hat der Zweckoptimist, als der er sich selbst bezeichnet, damals den Schwur geleistet, sein Leben von nun an zum Fest zu machen und es genauso zu genießen, wie er es sich wünscht. Dass Hape Kerkeling sein Publikum an diesem Fest seit über 30 Jahren teilhaben lässt, ist ein Glücksfall für die anderen gut 80 Millionen Deutschen.

Quelle: teleschau - der mediendienst