Birte Hanusrichter

Birte Hanusrichter





Die Poesie des Augenblicks

Die Freiheit, "nichts zu müssen, aber alles zu dürfen", sagt Birte Hanusrichter, sei die Maxime, die seit jeher ihr Leben bestimmt. Mit Anfang 20 entschied sich die quirlige Westfälin für ein Filmstudium in Köln, erkannte jedoch schnell, dass sie vielmehr vor als hinter die Kamera gehörte - und sattelte kurzerhand um. Auf ihr Fernsehdebüt in der SAT.1-Comedyserie "Pastewka" (2007) folgten zahlreiche Rollen, wie zuletzt in der ARD-Komödie "Seitensprung" (2013), und schließlich der Sprung auf die große Bühne. Denn das aktuelle Steckenpferd der 35-Jährigen ist die Münchner Indie-Folk-Band Young Chinese Dogs, die sie seit 2011 als Sängerin und Songwriterin unterstützt. Kaum verwunderlich, trägt die ungezwungene Blondine ihr Herz doch Ruhrpott-typisch direkt auf der Zunge. Dass sie mit ihrer Art die Herzen des Publikums erobern kann, stellt die Künstlerin aktuell bei ihrer Tour mit der Band sowie im neuen "ZDF-Herzkino"-Film "Katie Fforde: Eine Liebe in New York" (Sonntag, 30. November, 20.15 Uhr, ZDF) unter Beweis.

teleschau: Frau Hanusrichter, verstehen Sie sich eher als Schauspielerin oder als Sängerin?

Birte Hanusrichter: (lacht) Das ist, als würde man fragen "Welches deiner Kinder magst du lieber?". Das eine bedingt das andere, und ich würde keines von beiden aufgeben wollen.

teleschau: Sie sind gerade mit ihrer Band, den Young Chinese Dogs, auf Deutschlandtour. Wie sieht Ihr Touralltag aus?

Hanusrichter: Es ist gleichermaßen anstrengend wie schön. Wir verbringen natürlich viel Zeit auf der Straße und schlafen fast jede Nacht in einem anderen Hotel. Es ist ein wunderbares Gefühl, so viele Leute die eigenen Songs mitsingen zu hören.

teleschau: Haben Sie gar kein Heimweh während dieser langen Zeit?

Hanusrichter: Meine Familie und auch München fehlen mir schon sehr. Aber sobald ich wieder daheim bin, packt mich sofort das Fernweh. Ich kann allgemein schwer die Füße stillhalten und bin immer in Bewegung.

teleschau: Ist aus Ihrem Drang nach neuen Projekten auch Ihre Musikkarriere entstanden?

Hanusrichter: Musik gemacht habe ich eigentlich schon immer. Meine Mutter sang und musizierte als Kind viel mit mir. Als ich dann wegen des Jobs vom Ruhrgebiet nach München zog, lag der Fokus zunächst auf dem Schauspiel, aber ich merkte schnell, dass mir etwas fehlte. Wenn man versucht, sich an einer einzigen Sache festzuklammern, geht auf Dauer die Leichtigkeit verloren. Ich sehnte mich nach Ausgleich - und lernte durch Zufall die Jungs kennen, die vorher schon gemeinsam musiziert hatten. Ihnen fehlte noch jemand, der singen und Klavier spielen konnte, und so setzten wir uns im Sommer mit einem Kasten Bier an die Isar und spielten einfach drauf los. Sofort kamen Leute dazu, bald saßen wir alle in einem großen Hippiekreis zusammen. Es war einfach direkt gut, und wir sind dabei geblieben.

teleschau: Laufen die Musik und das Schauspiel für Sie parallel?

Hanusrichter: Das läuft ineinander. Bei der Musik erfinden wir sowohl die Melodien als auch die Geschichten, die wir erzählen wollen, selbst. Beim Schauspiel hingegen muss ich mich damit auseinandersetzen, was die Vision des Regisseurs ist und diese dann interpretieren. Eine bereits existierende Geschichte zu interpretieren, eröffnet einem eine ganz andere Art künstlerischer Freiheit. Aber man gibt bei beiden Formen einiges von sich selbst preis.

teleschau: Erfordert das nicht viel Mut?

Hanusrichter: Das stimmt schon. Aber man kann auch sehr viel Zeit darauf verwenden, sich zu verstecken oder möglichst keine Gefühle zu zeigen, und das ist unheimlich anstrengend. Wenn nun eh schon jeder gesehen hat, wie ich einen Tobsuchtsanfall bekomme oder mich verliebe, habe ich eigentlich nichts mehr zu verlieren. Das ist sehr befreiend!

teleschau: Sie spielen in "Eine Liebe in New York" eine Frau, die sich in jemanden verliebt, von dem sie nie dachte, dass er ihr gefallen könnte. Sind Sie auch ein romantischer Mensch?

Hanusrichter: Total! Romantik muss ja nicht immer gleich Kitsch bedeuten. Für mich heißt romantisch sein, dass man poetische Augenblicke im Leben wahrnimmt und genießt. Gestern saß ich im Tourbus, sah die Landschaft, die rotgefärbten Bäume, an mir vorbeiziehen und dachte mir: Das ist wirklich ein cooles Leben, das ich da führe. Alleine die Freiheit zu haben, quer durch Deutschland fahren zu können - das sorgt für sehr romantische Augenblicke.

teleschau: Eine Art Hippieromantik, könnte man sagen.

Hanusrichter: Absolut! So ähnlich eben, wie wenn man an der Isar musiziert und sich nach und nach ein ganzer Kreis um einen bildet, der gemeinsam grillt und feiert. So etwas liebe ich. Selbst in Boston, wo wir für "Katie Fforde" gedreht haben, holten einige vom Team abends Instrumente heraus, und wir spielten bis spät in die Nacht alte Hippiesongs. Wie sich herausstellte, hat René Ifrah (spielte mit Hanusrichter in "Katie Fforde: Eine Liebe in New York", d. Red) sogar eine klassische Gesangsausbildung !

teleschau: Kennen Sie diese Liebe auf den zweiten Blick, die sie in "Katie Fforde" spielen, auch privat?

Hanusrichter: Das war bei mir jedes Mal anders in meinem Leben. Ich hatte schon Liebe auf den ersten, aber auch den zweiten oder dritten Blick. Ich bin sehr schnell entflammbar, sowohl für Personen als auch für Dinge. Aber für Liebe brauche ich doch ein paar Blicke mehr.

teleschau: Sind Sie momentan denn verliebt?

Hanusrichter: (lacht) Nun ja, ich sage mal so: Wir haben gerade ganz viele neue Songs gemacht, in die ich schwer verliebt bin.

teleschau: Die Musik der Young Chinese Dogs klingt sehr nach Abenteuer und Bohème. Entspricht dieser unkonventionelle Lebensstil Ihrer Lebenseinstellung?

Hanusrichter: Auf jeden Fall. Ich mache natürlich auch nicht nur, was ich will. Aber dadurch, dass ich bei der Musik und dem Schauspiel an verschiedenen Projekten arbeite, habe ich die Freiheit, immer wieder neu zu entscheiden, was zu mir passt und was nicht. Dadurch habe ich häufiger als andere die Gelegenheit, inne zu halten und zu reflektieren, wo ich in meinem Leben gerade stehe. Jeden Tag dasselbe zu machen, wäre nichts für mich, auch wenn einem ein geregelter Ablauf Sicherheit geben kann.

teleschau: Hat Ihre Familie Sie in dieser Hinsicht geprägt? In Ihrer Künstlerbiografie heißt es, Ihre Eltern waren friedensbewegte Leute, die bei Demos für ihre Überzeugungen eintraten.

Hanusrichter: Das hat sicherlich eine Rolle gespielt. Meine Eltern sind beide Lehrer und tatsächlich sehr politisch - typisch 68er-Generation eben. Sie haben mich darin bestärkt, anderen Menschen vorurteilsfrei zu begegnen und die Dinge zu hinterfragen. Ich selbst bin nicht großartig politisch tätig, aber nach Fukushima bin auch ich mit einem "Atomkraft abschalten!"-Schild durch die Gegend gelaufen (lacht). Auch mit der Band haben wir bereits auf Veranstaltungen wie "Laut gegen Brauntöne" gespielt. Dennoch würde ich sagen, ich lebe eher die Ideale, die mir meine Eltern mitgaben, als auf der Straße zu rebellieren.

teleschau: Es heißt, die heutige Jugend sei zunehmend unpolitisch und konsumorientiert. Stimmen Sie zu?

Hanusrichter: Ich unterrichte nebenbei an der Schauspielschule in München, und bei meinen Schülern fällt mir tatsächlich auf, dass die jungen Leute heute viel ich-bezogener sind. Das hängt vielleicht auch mit dieser Bloggerkultur zusammen, die es früher so nicht gab. Heute hat jeder seinen eigenen Blog, auf dem er zeigt, was er heute anzieht oder gekocht hat. Da wiegt der Einzelne mehr als Teamspirit und Gruppendynamik. Statt sich zu fragen, wofür stehen wir und unsere Generation, geht es darum zu zeigen, wie besonders man selbst ist. Und am Ende ist eigentlich doch keiner so individuell, wie er denkt.

teleschau: Fühlen Sie sich in einer solchen Zeit entfremdet?

Hanusrichter: Ich ertappe mich schon mal dabei, wie ich Geschichten aus meiner Jugend erzähle, und versuche, meinen Schülern den Spirit von damals nahezubringen (lacht). Aber irgendwie bin ich dann doch noch zu nahe dran und genieße ja auch selbst meine individuelle Freiheit.

teleschau: Ist der folkartige Sound der Young Chinese Dogs das Ergebnis dieser Lebenseinstellung oder ein Zufallsprodukt?

Hanusrichter: Natürlich passt der Sound zu unseren Idealen, er ist aber insofern ein Zufallsprodukt, als dass wir bei unseren Isar-Sessions einfach nur tragbare Instrumente, also akustische Gitarren und eine Trommel, dabei hatten. Später haben wir uns dann entschieden, die Songs auch genau so, unverfälscht und authentisch, aufzunehmen. Die Lieder vom neuen Album sind immer noch rein akustisch gespielt, allerdings beatlastiger und rhythmischer.

teleschau: Das neue Album heißt "Farewell To Fate". Ist Erfolg eine Frage der Eigeninitiative?

Hanusrichter: Unbedingt. Wenn man Lust auf etwas hat und das Gefühl hat, ich werde sonst nicht glücklich, sollte man einfach einen Versuch wagen und loslegen. Und ich denke, wenn man Spaß an dem hat, was man tut, überträgt es sich auch auf das Publikum. Wenn man hingegen nur auf die Bühne geht, um angehimmelt zu werden, hält das gute Gefühl nicht lange. Für mich persönlich besteht Erfolg darin, dass unsere Geschichten gehört werden und weniger darin, der Superstar zu sein.

teleschau: Wie liefen die Arbeiten zum neuen Album ab?

Hanusrichter: Wir sind in eine Berghütte an den Comer See in Italien gefahren - eigentlich mit der Absicht, uns dort auch ein bisschen zu sonnen und zu schwimmen. Wir hätten uns die Hütte aber vorher besser ansehen sollen, denn sie lag tatsächlich auf dem Berg und der Weg zum See war ein ganzer Tagesausflug. So saßen wir auf dieser abgeschiedenen Hütte fest, hatten nur uns und eine Katzenfamilie. Young Chinese Dogs und Katzen - das ist so eine Sache (lacht). Durch die Abgeschiedenheit waren wir aber unheimlich produktiv und haben dort das ganze Album fertig geschrieben.

teleschau: Wie kam es, dass Sie zu "Katie Fforde: Eine Liebe in New York" nun auch noch die Filmmusik beisteuern konnten?

Hanusrichter: Wir haben tatsächlich schon einige Filmmusiken gemacht. Meist ergibt sich das nächste Projekt dann ganz von selbst. Beim Dreh zum ARD-Film "Seitensprung" (2014) zum Beispiel spielte ich mit der Band auf dem Abschlussfest, um dem Team eine Freude zu machen. Dabei wurde die Produktionsfirma auf uns aufmerksam und bot uns an, auch für den Soundtrack von "Der kleine Drache Kokosnuss" (Kinostart: 18. Dezember, d. Red.) Lieder beizusteuern.

teleschau: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Hanusrichter: Zunächst mal, dass die Tour, die noch bis Ende Dezember geht, weiterhin so gut verläuft und viele spannende Projekte folgen werden. Und natürlich, dass wir die Atomkraft doch noch loswerden (lacht)!

Quelle: teleschau - der mediendienst