Christoph Waltz

Christoph Waltz





Mit Charme, Schmäh und Geschmack

"Schauspieler werden ist nicht schwer, einer zu sein, schon", philosophierte Christoph Waltz einmal. Wie für Hollywoods aktuellen Lieblingsschurken alles begann, enthüllte kürzlich der US-Talkmaster Jimmy Kimmel in einem Einspielfilm während seiner Sendung: Da klamaukt der junge Waltz als "Neues Jahr" 1977 in bunt gestreifter Latzhose und knallrotem Pullover durch ein LSD-artiges Klassenzimmer - und trällert was das Zeug hält. Während sich das Publikum darüber kaputtlachte, vergrub Showgast Waltz im Angesicht seines fast 40 Jahre jüngeren Ichs, das damals einen Auftritt in der ORF-Sendung "Am dam des" absolvierte, die Hände im Gesicht. Schließlich kennt man den 58-Jährigen, der dieser Tage mit "The Zero Theorem" und "Kill The Boss 2" gleich in zwei Kinofilmen zu sehen ist, in den USA von der Leinwand vor allem als süffisant-bedrohlichen Psychopathen mit höflichen Umgangsformen. International gilt Waltz, der das deutsche Filmgeschäft von "Mittelmäßigkeit" geprägt sieht, inzwischen als begehrte Marke, um die sich die Tarantinos und Polanskis, die Gilliams und Burtons reißen.

Seit den riesigen Erfolgen mit "Inglourious Basterds" und "Django Unchained", die ihm 2010 und 2013 seine beiden Oscars bescherten, ist Waltz gern gesehener Gast in den gängigen US-Talkshows. Fasziniert schaut man sich als Europäer an, wie er, der hierzulande lange Zeit ewige "Roy Black"-Darsteller und "Tatort"-Sonderling, bei den Lettermans, O'Briens und Lenos lässig mit Vollbart oder stilvoll beanzugt im Sessel fläzt. Dort gibt er gern den charmanten Österreicher mit feiner ironischer Note, mit hoher Wahrscheinlichkeit kann man sagen: Er ist es auch. Oft präsentiert sich der geschmackvolle Dandy angenehm, sarkastisch, gesittet - wie seine Charaktere eben, nur ohne pathologische Gedanken. Waltz vermag es wohl als einziger Mensch der Welt, den Wiener Schmäh auch in fließendes Englisch zu transportieren, ja die Amerikaner dadurch gar zum Lachen zu bringen.

Auch wenn er "nicht weiß, ob man meinen Schmäh dort spürt", wie er dem Magazin "GQ" einmal sagte: Waltz und die USA - das passt. Nicht nur war seine erste Ehefrau Jackie, mit der er drei Kinder hat, eine jüdische New Yorkerin, nicht nur studierte er am Big Apple Schauspiel. Auch fühlt man in seiner Verachtung provinzieller Kleinbürgerlichkeit und seiner recht pragmatischen Sicht auf die Welt etwas vom liberal-amerikanischen Geist. Ein wenig abschätzig blickt der Kosmopolit mit Wohnsitz in Los Angeles und Berlin deshalb wohl auf die alte Welt, in deren Theatern immerhin der Grundstein für seine große Kinokarriere gelegt wurde - auch, weil man hierzulande dem Hollywood-Business noch immer skeptisch gegenübersteht: "In Europa sagt jeder: 'Die wollen dich wie eine Zitrone ausquetschen'. Klar, stimmt! Aber wenn ich doch den Saft habe, warum sollten sie es nicht tun?", konstatierte er im Interview mit dem "Hollywood Reporter" nach seinem "Basterds"-Erfolg.

Dieser nüchterne Blick ist Teil seines Erfolgs in Übersee: "Ich habe eine weniger romantische und idealistische Sicht auf die Schauspielerei." In seinen Urteilen ist der bis in seine Fünfziger als ewiges Talent Wahrgenommene daher harsch: In Deutschland, so Waltz im Gespräch mit Schauspielkollegen, "basiert das Geschäft auf Mittelmäßigkeit, wenn auch auf hohem Niveau. Erreicht man erst mal ein bestimmtes Level, kommt man darüber nicht hinaus."

Überhaupt: Waltz und Deutschland, das hat Geschichte. Im vergangenen Jahr griff er das Thema in "Saturday Night Live" auf, wo er als erster Deutsch-Muttersprachler moderieren durfte: "Ich bin nicht Deutscher, ich bin Österreicher. Und wir Österreicher haben einen wunderbaren Sinn für Humor. Die Deutschen nicht so." Die Abgrenzung von Deutschland prägt bis heute sein Leben, schließlich hatte Waltz aufgrund der Herkunft seines Vaters lange nur die deutsche Staatsbürgerschaft. Als dies 2010 nach dem Oscargewinn in Österreich durch die Medien ging, setzte ein Trubel um das nicht mehr ganz so junge Wunderkind der Alpenrepublik ein. Um Nationalitäten hatte sich Waltz zuvor nie sorgen müssen: "Ich bin in Wien geboren, ich bin in Wien aufgewachsen, ich bin in Wien zur Schule gegangen, ich habe in Wien Matura gemacht, ich habe in Wien studiert, ich habe in Wien mein Berufsleben begonnen ... Wie österreichisch wollen Sie es denn noch haben?", fragte der idealtypische Wiener Bildungsbürger in einem Interview mit dem ORF. Schließlich bekam Waltz 2010 zusätzlich die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen.

Dennoch: Seine Charaktere sind wie Hans Landa oder Dr. King Schultz oft deutschstämmig, in seinem neuen Film "Kill The Boss 2" ziert das Büro des schmierigen Investors, den Waltz verkörpert, gar ein Beckenbauer-Trikot und ein Stück Berliner Mauer. Auch wenn Waltz, wie es momentan trotz aller Dementis aus der Gerüchteküche tönt, eine Rolle im neuen "Bond" ergattern sollte, wäre diese sicher eine deutsche Figur. Doch gibt es Hinweise, dass die Nationalität des neuen Hollywoodsstars immer irrelevanter wird: In Terry Gilliams Zukunftsthriller "The Zero Theorem" übernimmt Waltz die Hauptrolle eines Computerfreaks, dessen Herkunft im Film keinerlei Rolle spielt. Ebensowenig deutsch ist er in Tim Burtons nächstem Werk "Big Eyes", das im April 2015 ins Kino kommt. Dort gibt er den liebevollen Künstlergatten - der plötzlich sein wahres Gesicht zeigt. Als umgarnender Schurke hat Waltz eben noch nicht ausgedient. Blasiert und böse dreinschauen wird er wohl auch in der "Tarzan"-Neuverfilmung, die für 2016 angesetzt ist. Dabei sagt Weltbürger Waltz: "Ich hasse es, in eine bestimmte Schublade gesteckt zu werden, die Vielfältigkeit ist doch das Interessante."

Quelle: teleschau - der mediendienst