Im Keller

Im Keller





Unter Österreich

Natürlich kommt einem sofort das Wort Abgrund in den Sinn. Natürlich laufen die Nachrichtenbilder von Wolfgang Priklopil und Josef Fritzl noch einmal vor dem inneren Auge ab. Und natürlich erwartet man in einem Dokumentarfilm über Österreichs Keller vor allem das Böse. In den Untergeschossen wohnen die Ängste zu Hause, dort leben die Schatten. Das ist bei Menschen so und in ihren Häusern. Aber ist das wirklich alles? Filmemacher Ulrich Seidl interessiert sich, was wirklich unter Österreich passiert. "Im Keller" heißt sein neues Werk, mit dem er nach den Spielfilmen der "Paradies"-Trilogie zur dokumentarischen Form zurückkehrt. Überraschungen fördert der Kartograph menschlicher Abgründe dabei nicht zu Tage - zeigt das Erwartbare aber in Bildern von grotesker Schönheit.

"Im Keller" gibt es viel Sex, viel Einsamkeit und ein bisschen Hitler. Es ist alles andere als verblüffend, was Seidl findet. Was seinen Film bei aller Vorhersehbarkeit aber zumindest in der ersten Hälfte interessant macht, sind seine Unmittelbarkeit und die Frage: "Wie hat es Ulrich Seidl eigentlich geschafft, die Menschen zu überreden, so viel von sich preiszugeben?"

Die Protagonisten sind vor Seidls Kamera völlig ungeniert: Eine Frau liebkost ihre Puppen. Ein alter verhinderterer Opernsänger bringt Rentnern das Schießen bei und zieht mit ihnen lautstark über "die Türken" her. Ein Mann spielt Blasmusik für den Führer und fühlt sich im Kellerraum mit Nazi-Devotionalen am wohlsten. Und dann sind da noch die Sex-Storys: ein Sado-Maso-Paar, ein Gigolo mit starkem Samenstrahl, eine Sozialarbeiterin mit Vorliebe für Schmerzen.

Dazwischen schneidet Seidl immer wieder ruhige Bilder vom scheinbar Normalen: Partykeller, Fitnessräume und Waschküchen. Selbst Waffensammlungen werden hier banalisiert, weil sie Seidl nicht interessant genug findet, um sie ausführlicher zu zeigen. Dabei weckt genau diese Durchschnittlichkeit echtes Interesse. Was ist zum Beispiel mit der Frau, die ganz am Anfang ihrer Riesenschlange bei der Meerschweinchenmahlzeit zusah?

Seidls Panoptikum - das ohne Frage von bizarrer Anmut ist - bietet vor allem Platz für Schrulligkeiten. Es ist dem Filmemacher hoch anzurechnen, dass er seine Protagonisten nicht vorführt. Er lässt sie leben und sie lassen sich dabei beobachten. Bei den Schlägen auf den blanken Arsch, bei Aufhängen am Hodensack, beim Erzählen schmieriger Herrenwitze oder bei der Hitler-Anbetung. Allerdings sind die Abgründe im Keller durchaus auch "oben" zu finden: Tabubrüche oder versteckte, verschämt ausgelebte Leidenschaften gibt's hier nicht.

Quelle: teleschau - der mediendienst