Christopher Clark

Christopher Clark





Der fröhliche Wissenschaftler

Die Stelle ist bekanntlich vakant, daher stellt sich die Frage natürlich sofort: Könnte dieser Mann wohl in die Fußstapfen des langjährigen ZDF-Geschichtslehrers Guido Knopp treten? Nun, um sich das vorzustellen, braucht es zumindest Fantasie. Einmal in der auf sechs Doku-Teile angelegten "Deutschland-Saga" (ab 30. November, sonntags, 19.30 Uhr, und dienstags, 20.15 Uhr) sieht man den Präsentator Christopher Clark in einer Kleingartenanlage, wie er zwei ältere Herrschaften nach der Bewandtnis ihrer Gartenzwerge fragt. Ein andermal lässt er sich staunend von einem Aachener Passanten in für ihn offenbar unverständlicher Mundart erklären, wo es die besten Printen zu kaufen gibt. Und in einer weiteren Szene schreitet der 54-jährige Australier empathisch durch den Wald, um unvermittelt deutsches Volksliedgut anzustimmen. Aus voller Kehle und sehr respektabel.

Christopher Clark, das muss man wissen, ist nicht irgendwer, sondern der Autor eines kontrovers diskutierten Sachbuchbestsellers ("Die Schlafwandler", 2012) und Geschichtsprofessor an der Universität zu Cambridge. Spätestens als man diesen fröhlichen Wissenschaftler in der "Deutschland-Saga" durch Wälder und Kleingärten spazieren sieht, fällt dann doch auf, dass dieser Mann keineswegs der legitime Nachfolger des 2013 aus dem ZDF-Dienst geschiedenen Guido Knopp sein kann. Es ist viel besser: Christopher Clark könnte auf dem Gebiet der Zeitgeschichte schon sehr bald das sein, was der ZDF-Kollege Professor Harald Lesch für die Naturwissenschaften ist: ein ausgewiesener Fachmann und lebendiger Vermittler mit der seltenen Fähigkeit, sich selbst nicht so ernst zu nehmen.

Dennoch ist die Frage natürlich erlaubt, was eine Koryphäe der Elite-Uni Cambridge in deutsche Schrebergärten und vor die Kameras eines TV-Senders verschlägt. Für die BBC, antwortet Christopher Clark, habe er unlängst ein einstündiges Programm über Friedrich den Großen gedreht. "Das hat unglaublich Spaß gemacht", beteuert der Historiker. Man habe in Schloss Sanssouci gedreht, seine Schwester - Professorin für Flöte in Den Haag, wie man erfährt - durfte historische Blasinstrumente bedienen. "Man kommt an Orte, zu denen einem nur das Fernsehen Zutritt verschafft", erläutert er. "Man kann Inhalte vermitteln, die man im Hörsaal überhaupt nicht kommunizieren kann."

Aufgefallen ist Christopher Clark dem ZDF als Gast in der Philosophie-Sendung "Precht". Damals, erinnert sich der Kulturchef des Senders, Peter Arens, habe es außergewöhnlich viele Zuschauerzuschriften gegeben - das Publikum habe sich hellauf begeistert gezeigt von dem enthusiastischen und humorvollen Erklärer. So kam Gero von Boehm, Produzent der "Precht"-Sendung, darauf, den Australier als Präsentator für seine "Deutschland-Saga" anzuheuern.

In der auf zweimal drei Teile angelegte nationalen Geschichtsrevue (die Teile vier bis sechs folgen im März 2015) spannt der Autor und Regisseur von Boehm den historischen Bogen denkbar weit von den Neandertalern bis zur Sommermärchen-WM 2006. Aufgezeigt werden soll eine Art deutsche Mentalitätsgeschichte. Woher kommen wir? Was eint uns? Was treibt uns an? Christopher Clark tuckert in der Sendung in einem knallroten VW Käfer Cabriolet gleichsam durch die deutsche Historie. Von der Schrebergartenkolonie zur Fanmeile, von der Wartburg bis zum Berliner Dom.

"In Deutschland sind die Orte wie Türen", begeistert sich der Historiker metaphernreich über seine Dienstreise. "Man macht sie auf, und dann ist die Vergangenheit da." Im Aachener Dom sei das zum Beispiel so. "Dort wurden Objekte aus dem Alten Rom untergebracht, weil man sich auf diese Zeit beziehen wollte. Daran sieht man, dass historische Orte in Deutschland oft Erinnerungsorte sind, dass es hinter jeder Geschichte eine Erinnerung an eine ältere Geschichte gibt. Diese Vielschichtigkeit macht einen fast schwindelig. Zumal wenn man wie ich aus Australien kommt. Die Siedlungsgeschichte der Weißen dort ist eine sehr flache, kurze Geschichte."

Christopher Clark kam 1960 in Sidney zur Welt. Seine frühesten Berührungspunkte mit Deutschland reichen in die Kindheit zurück, zu einem Landhaus, weit draußen in einem einsamen Ort namens Come By Chance, eine Tagesreise von Sidney aus entfernt. Im Sommer fuhr die Familie Clark dort regelmäßig hinaus, und der junge Christopher fand sich in der Bibliothek des Anwesens ein, in der gleich mehrere Bismarck-Biografien zu finden waren. "Sie können sich das nicht vorstellen: Ich befand mich inmitten einer Landschaft aus rotem Boden, eine flache Ebene bis zum Horizont, und abends las ich Bücher über Bismarck."

In der Schule, erinnert er sich, sei die deutsche Geschichte ausführlicher gelehrt worden als die australische. "Über unsere Vergangenheit wussten wir wenig, dafür aber sehr viel über Nazizeit. Daraus ergab sich ein höchst widersprüchliches Bild: auf der einen Seite Goethe, auf der anderen Seite Goebbels. Wie sollte man das zusammenbringen?"

Prägend für das Deutschlandbild des ausgewiesenen Preußenkenners Clark war überdies das Goethe-Institut in Sidney, insbesondere dessen Kino-Angebot. Mit Wim Wenders, Rainer Werner Fassbinder und den anderen Größen des Neuen Deutschen Films habe er sich als Jugendlicher vertraut gemacht. Clark: "In 'Falsche Bewegung' von Wim Wenders gibt es eine Szene, da sagt eine der Figuren: 'Heute früh bin ich aufgestanden, schaute mich im Spiegel an, und plötzlich musste ich kotzen.' - Das war in meinen Augen eine Art Sinnbild für das Deutschland der 70er-Jahre. Ein Land, das sich quält und sich eklig findet wegen der Nazi-Vergangenheit. Das hat mich fasziniert."

Später konnte der Mann, der mit Brille, Bart und Fliege auch aussieht wie ein Bilderbuchgelehrter, sein Deutschlandbild aus den Filmen mit der Realität abgleichen. Von 1985 bis 1987 studierte er im geteilten Berlin. "Ich traf überall Menschen, die mir erklären wollten, wie schwierig die deutsche Geschichte sei", erinnert er sich. "Ich erlebte eine große Schwermütigkeit unter den jungen Deutschen." Bedrückt habe ihn das Erlebte aber nicht wirklich, eher schon "fasziniert", um ein Lieblingswort des heutigen Geschichtsprofessors zu benutzen. "In Berlin war auf eine brisante, intime Weise die Geschichte präsent: in Form der Mauer. Etwas Ähnliches habe ich an keinem anderen Ort wieder erfahren. Für einen Historiker war das damalige West-Berlin ein Traum."

Kaum noch der Betonung wert, dass das ZDF die Zusammenarbeit mit dem leidenschaftlichen Gelehrten gleichfalls als "traumhaft" beschreibt. Das Kompliment gibt der Hoffnungsträger auch artig zurück. Über Gero von Boehm schwärmt er, er sei "die Verkörperung der charismatischen Führung, ein genialer, sehr lustiger Mensch". Wie überhaupt alle Leute beim Fernsehen "lockere, interessante Genossen" seien - "das sind eben Künstler", ein Begriff, den Christopher Clark schelmisch auf der letzten Silbe betont, er spricht ihn "Künstlääärrrrr".

Keine Frage, der Mann hätte dem deutschen Fernsehen noch viel zu bieten, und wiederkommen würde er auch nur allzu gern. "Ich würde mich wahnsinnig freuen, eine Sendung zur Geschichte Australiens machen zu dürfen", sagt Clark zum Abschluss eines sehr unterhaltsamen Gesprächs. "Ich hoffe, dass sich die deutschen Zuschauer dafür interessieren würden."

Quelle: teleschau - der mediendienst