Matthias Koeberlin

Matthias Koeberlin





Ein Herz für Lügner

Matthias Koeberlin hat es mittlerweile in die erste Garde männlicher TV-Stars geschafft. Zuletzt spielte der 40-jährige Familienvater aus Köln Hauptrollen in zwei ZDF-Krimireihen ("Kommissar Marthaler", "Die Toten vom Bodensee"), jetzt glänzt er in einem der ungewöhnlichsten deutschen Weihnachtsfilme der letzten Jahre. "Stille Nächte" (Freitag, 5. Dezember, 20.15 Uhr, ARD) handelt von einem lange geschiedenen Krankenpfleger, der seinen Eltern (Katharina Thalbach, Hanns Zischler) vormacht, immer noch glücklich mit seiner Frau Rita (Katharina Schüttler) zusammenzuleben und als Oberarzt Karriere gemacht zu haben. Ein nachdenklicher, ja melancholischer Film, der davon erzählt, warum es uns gerade an Weihnachten so schwer fällt, die Wahrheit zu sagen.

teleschau: Warum benehmen sich Menschen an Weihnachten anders als sonst?

Koeberlin: Eine gute Frage. Heißt es nicht "das Fest der Liebe"? Wahrscheinlich steckt es tief in uns drin, dass man sich zu Weihnachten liebevoll benehmen soll. Es hat etwas mit verinnerlichten Manieren zu tun, denke ich.

teleschau: Eine gute Sache?

Koeberlin: Zweischneidig, würde ich sagen. Das Vorhaben, friedlich miteinander zu feiern, geht ja oft genug schief. Wie viele Familienfeiern gab und gibt es, wo zu vorgerückter Stunde nach der dritten Flasche Riesling ein Onkel meint, irgendwelche alten Rechnungen begleichen zu müssen? Weihnachten bedeutet für viele Menschen, dass sie großen Druck aushalten müssen. Doch gerade weil dieser Druck unbedingt gedeckelt werden soll, bricht es dann aus den Menschen heraus.

teleschau: Warum sind viele Erwachsene an Weihnachten wieder ganz Kind und mit dem Wunsch unterwegs, die Eltern glücklich zu machen?

Koeberlin: Weil wir so konditioniert sind. Wobei ich in "Stille Nächte" einen Sohn spiele, der eine sehr liebevolle Beziehung zu seinen Eltern pflegt. Doch weil er sie so liebt, schafft er es nicht, sein Lügengebäude einzureißen und die Wahrheit zu erzählen. Er will die Eltern nicht enttäuschen. Ich glaube, dass wir an Weihnachten fast alle wieder ein glückliches Kind sein wollen. Und dass wir alles dafür tun, es auch zu sein.

teleschau: Ihre Filmfigur Georg ist feige und ein Lügner. Kann man sich mit so einem "Helden" überhaupt identifizieren?

Koeberlin: Ich finde, gerade mit so einem. Natürlich ist Georg feige, und natürlich lügt er. Aber er tut es vor allem aus Liebe. Der Liebe zu seinen Eltern, noch mehr jedoch aus Liebe zu seiner Ex-Frau Rita. Er hofft, über dieses regelmäßige Ritual des gestellten weihnachtlichen Glücks wenigstens einmal im Jahr die Chance zu haben, ihr Herz zurückzugewinnen. Die Lüge ist für ihn deshalb die bessere Alternative zur Wahrheit. Ich finde das sehr menschlich. Auch wenn wir uns wahrscheinlich alle wünschen, unser Leben mit mehr Mut anzugehen.

teleschau: War die Rolle leicht, weil Sie einen Allerweltsfeigling spielen?

Koeberlin: Sie war vor allem schön zu spielen, ich habe mich darauf gefreut. Natürlich vor allem, weil das Buch toll geschrieben war. Aber: Feigheit kann doch jeder nachvollziehen, oder? Ich kenne das auf jeden Fall auch. Wenn es unangenehme Dinge anzusprechen gibt, bin ich der Erste, der die Sache auf morgen verschiebt (lacht).

teleschau: An welchen Stellen des Lebens sind Sie besonders feige?

Koeberlin: Ich beschwere mich äußerst ungern. Wenn meine Frau mir sagt, dass ich mal bei irgendwelchen Handwerkern anrufen soll, weil die irgendeine Arbeit nicht richtig gemacht haben, winde ich mich richtig, weil ich das nicht machen will. Ich bin ein absoluter Harmonietyp. Konflikte finde ich wahnsinnig schwierig, ich gehe ihnen gerne aus dem Weg.

teleschau: Ist diese Charaktereigenschaft für einen Schauspieler von Vor- oder Nachteil?

Koeberlin: Wahrscheinlich beides. Ich habe es gerne harmonisch bei der Arbeit. Und ich liebe es, wenn es lustig am Set zugeht. Trotzdem gibt es auch Projekte, bei denen Spaß und gute Laune unerwünscht sind, ja wo man es gar als unprofessionell empfindet, wenn bei der Arbeit gescherzt wird. Das muss man dann eben aushalten.

teleschau: Es gibt Regisseure, die sind für ihre Wärme am Set bekannt, andere gelten als schlecht gelaunte Despoten. Können auf beide Weisen gute Filme entstehen?

Koeberlin: Sicher. Ich bin auch fähig zu arbeiten, wenn Lachen verboten ist und viel rumgeschrien wird. Wenn ich es mir jedoch aussuchen kann, wähle ich Projekte, bei denen es wahrscheinlich nicht so ist. Die Regisseure, mit denen ich häufiger zusammenarbeite, zeichnen sich durch Wärme, Konzentration und Humor aus. Es ist sicher kein Zufall, dass ich mit ihnen häufiger drehe.

teleschau: "Stille Nächte" ist für einen Weihnachtsfilm trotz seiner Komik ein ziemlich schwerer Film. Ist es für Sie überhaupt ein Weihnachtsfilm?

Koeberlin: Ja, schon. Allein deshalb, weil er immer wieder das Weihnachtsfest zeigt. Und er funktioniert auch nur im Kontext Weihnachten. Georg besucht seine Eltern nur einmal pro Jahr - an Weihnachten. Würde er im Sommer kommen und sein Vater den Grill anschmeißen - Georg wäre vielleicht längst schon mit der Wahrheit rausgerückt. Weihnachten ist eben eine große Emotionsmaschine. Nur unter dieser Atmosphäre funktioniert der Film.

teleschau: Haben Sie Lieblingsweihnachtsfilme?

Koeberlin: Ich bin mit modernen Weihnachtsfilmen aufgewachsen und bleibe immer noch hängen, wenn ich bei den Chevy-Chase-Filmen reinschalte oder auch bei "Kevin - Allein zu Haus". "Der kleine Lord" - das empfinde als des Guten zu viel. Aber ich schaue nicht viel fern an Weihnachten.

teleschau: Wie feiern Sie?

Koeberlin: Daheim in Köln, mit Frau und Kind. Meistens haben wir dann die Bude komplett voll. Meine Schwiegereltern kommen, meine Mutter, dazu mein Bruder mit Frau und zwei Kindern. Wir sind eine große Runde, das finde ich schön.

teleschau: Und was lieben Sie am meisten an Weihnachten?

Koeberlin: Dass ich zu Hause bin und für längere Zeit nicht weg muss. Ich koste das voll aus. Mit allem, was dazugehört. Am besten ist, wenn ich vorher noch Zeit habe, einen Baum in der Eifel zu schlagen. Ich verbringe viel Zeit mit meinem Kind, backe Plätzchen und esse viel zu viel. Das ist natürlich alles sehr traditionell - aber eben auch schön. Wenn ich mit meiner Frau alleine wäre, würden wir Weihnachten sicher anders verbringen. Als Vater macht es mir einfach Spaß, diese weihnachtliche Atmosphäre zu schaffen, an die ich mich selbst gern zurückerinnere. Die Vorfreude auf Weihnachten bei dem eigenen Kind mitzuerleben, ist einfach total schön.

teleschau: Sie sind nicht oft zu Hause, oder?

Koeberlin: Ich bin definitiv öfter weg, als es mir lieb ist. Aber man will und muss ja auch arbeiten. In den letzten vier, fünf Jahren ist das Drehen schon recht viel geworden. Ich denke, 100 Tage pro Jahr bin ich sicher weg. Dafür versuche ich, die restliche Zeit in Köln zu verbringen. Meine Frau will und soll ja auch arbeiten. Sie ist Maskenbildnerin und versucht, auch so ein bis zwei Filme im Jahr zu machen.

teleschau: Arbeiten Sie auch in Köln?

Koeberlin: Was das Drehen betrifft, eher selten. Aber ich mache dort viel Hörbuch. Da kann man sich daheim vorbereiten, und die Aufnahmen sind ebenfalls in der Stadt. Ich mag diese Art der Arbeit gerne als Abwechslung im Lebensrhythmus. Dann kann ich meinen Sohn zur Schule bringen und ihn wieder abholen. Diese Tage genieße ich sehr.

teleschau: Gibt es etwas an Weihnachten, das Sie hassen?

Koeberlin: Nicht wirklich. Ich habe kein gespaltenes Verhältnis zu Weihnachten, dafür bin ich zu kitschig. Blöd ist eigentlich nur, dass man durch die ganze Esserei zulegt. Aber ich kann und will mich da auch nicht zurückhalten. Es muss dann im Januar und Februar halt wieder runter, aber so ist es halt (lacht).

Quelle: teleschau - der mediendienst