Henning Baum

Henning Baum





"Endlich darf ich mal!"

Als "Der letzte Bulle" hat Kraftpaket Henning Baum oft bewiesen, dass er im deutschen Fernsehen der richtige Mann fürs Grobe ist. Jetzt kommt der Essener im Historischen RTL-Eventfilm "Götz von Berlichingen" (Donnerstag, 4. Dezember, 20.15 Uhr) als schlagkräftiger fränkischer Reichsritter mit Herz und Hang zur Frauenverführung daher und macht in seiner Rüstung eine durchweg gute Figur. Nicht minder verführerisch sind seine Filmpartnerinnen Dennenesch Zoudé als geheimnisvolle Heilerin Saleema und Natalia Wörner als skrupellose Fürstin Adelheid von Walldorf. Im Interview verrät der 42-Jährige, warum er für den Film seine Gesundheit aufs Spiel setzte, weshalb er während der Dreharbeiten im Wald wohnte und welches Buch aktuell auf seinem Nachtkästchen zu finden ist.

teleschau: Wie viel vom Reichsritter Götz von Berlichingen steckt in Henning Baum?

Henning Baum: Sagen wir mal so, ich habe diese Figur sehr gerne gespielt. Ich mag den Götz, seine Kraft, seine Entschlossenheit, seine Loyalität, sein Verantwortungsgefühl. Und wie er sich um die Gefährten kümmert.

teleschau: Zimperlich im Umgang mit unliebsamen Zeitgenossen ist er aber nicht unbedingt. Ein rüpelhafter Gutmensch - trifft es das?

Baum: Ich würde ihn durchsetzungsstark nennen.

teleschau: Was war die größte Herausforderung an dieser Rolle?

Baum: Den mehrdimensionalen Charakter zu zeigen. Den Haudrauf, der mit großer Klugheit politischen Intrigen begegnet. Man muss genau wissen, wo man die Dynamiken einsetzt. Bei einem wie dem Götz von Berlichingen ist richtig Dampf drin. Da geht's um was. Das ist nicht nur eben mal so dahingemurmelt.

teleschau: Gab's noch mehr darstellerische Anforderungen?

Baum: Die Kämpfe. Das Hantieren mit echten Waffen ist nicht ohne. Man muss aufpassen, dass man sich nicht verletzt. Die Verabredungen mit den Kollegen müssen auf den Punkt genau stimmen. Eine falsche Bewegung, und der Arm ist ab - oder zumindest verletzt. Das ist wie ein Musikstück, das man perfekt beherrschen und immer wieder üben muss.

teleschau: Machen solche Kämpfe Spaß?

Baum: Mir absolut. Aber nicht jedem. Ich steige ja auch privat gerne in den Ring. Erst auf dem Schulhof, später zum Bühnenfechten an der Schauspielschule, dann kam Karate dazu, seit einigen Jahre boxe ich. Das ist genau mein Ding. Ich habe mich wirklich gefreut und mir gedacht: Endlich darf ich mal!

teleschau: Gab es Momente bei den Dreharbeiten, die Ihnen im Gedächtnis geblieben sind?

Baum: Ja, als ich auf einem spanischen Hengst an den Bauern entlanggaloppiert bin und sie angefeuert habe. Da standen Hunderte von tschechischen Statisten, und als ich meine Faust in den Himmel gereckt habe, haben alle ihre Waffen erhoben und sind mir gefolgt. Das war nicht verabredet. Obwohl sie kein Wort verstanden haben, hat sie das Bild wohl so mitgerissen. Eine unglaubliche Energie, ein magischer Moment. Da krieg ich jetzt noch Gänsehaut.

teleschau: Wie sehr verschmelzen Sie mit den von Ihnen dargestellten Charakteren?

Baum: Komplett. Den Götz beispielsweise habe ich nach Feierabend nicht abgelegt. Deshalb habe ich auch nicht im Hotel, sondern im Bus im Wald geschlafen.

teleschau: Weil das der Rolle gut tat?

Baum: Auch. Ich finde es ergibt Sinn, in der Energie zu bleiben. Das ist wie bei einem Flugzeug. Es braucht viel Kraftaufwand, um es zu starten. Aber wenn es erst mal oben ist, dann fliegt es fast von alleine. Ein kuscheliges Bett und fließendes Wasser wären Landungen für mich gewesen. So musste ich nicht jeden Morgen erst zum Götz werden, ich war die ganze Zeit "er". Zudem liebe ich die Ruhe der Natur, die Abgeschiedenheit. Daraus schöpfe ich Kraft.

teleschau: Klingt abenteuerlich, aber doch etwas unbequem. Zumal die Dreharbeiten sechs Wochen gedauert haben ...

Baum: Das ist keine große Leistung. Ich hatte ja einen Schlafsack und eine Matratze. Auf einem kleinen Kocher habe ich mir Spiegel- oder Rühreier gemacht. Einmal habe ich den Bus vor die Burg gestellt und dort geschlafen. Große Fledermäuse leben darin, die unter Naturschutz stehen. Und es heißt, es würde spuken. In dieser Nacht habe ich geträumt, dass ich von einer schweren Steinplatte zerdrückt werde. Dabei lag ich nur falsch rum im Bett, genau unter der Schräge. Ich habe mich dagegen gestemmt bis ich aufgewacht bin.

teleschau: Apropos übernatürliche Kräfte - im Film gibt's ebenfalls mystische Elemente, als Sie von einer Hexe behandelt werden. Waren Sie privat schon mal bei einem Schamanen?

Baum: Nein. Magie ist etwas, das in meinem Leben gar nicht stattfindet. Seit der Aufklärung leben wir in einem Zeitalter das wissenschaftlich ausgerichtet ist. Und das finde ich auch gut so. Andererseits wäre es sicher lohnenswert, darüber nachzudenken was es zwischen Himmel und Erde noch gibt. Denn der Kosmos und der Mensch sind mit Sicherheit mehr als nur Materie. Das steht fest. Nur mein kleiner Verstand reicht nicht aus, um das zu fassen.

teleschau: Sind Sie denn historisch interessiert?

Baum: Ja, das ist ein Hobby von mir. Die neuere deutsche Geschichte finde ich besonders faszinierend. Ab der Zeit der Reichsgründung 1871, über die Kaiserzeit, den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Zeit, bis hin zum Nationalsozialismus. Das sind spannende weltbewegende Zeitepochen, in die Deutschland verstrickt war. So was zieht mich in seinen Bann.

teleschau: Wann hat diese Faszination begonnen?

Baum: In meiner Jugend. Ich stamme aus einem Elternhaus, in dem Geschichte sehr präsent war. Wir reisten an Orte, an denen historische Ereignisse stattgefunden haben und zum Teil noch sichtbar sind. Das ist bis heute so. Wenn ich meinen Vater im Trentino in Norditalien besuche, ist das oft ein Thema. Wir wandern in den Bergen, und dann zeigt er mir, wo im Ersten Weltkrieg die Geschützstellungen der Österreicher waren. Und auf welchen Gipfeln jene der Italiener.

teleschau: Wie stark verfolgen Sie das aktuelle Weltgeschehen?

Baum: Sehr, ich lese viel. Gerade ist es das Buch vom Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky, "Die andere Gesellschaft". Ein kluger Kopf. Ich beobachte gesellschaftliche Prozesse und frage mich manchmal, was man tun könnte, um konkrete Missstände auszuräumen.

teleschau: Was möglich ist, haben Sie nicht zuletzt mit Ihrem Verein "Menschen mögliches" gezeigt.

Baum: Wir versuchen mit diesem Netzwerk, die palliativ-medizinische Verpflegung in Altenheimen zu verbessern. Das ist ein Randthema, weil alte und gerade mittellose Menschen keine Lobby haben. Wir wollen, dass Menschen in Würde sterben dürfen. Dafür haben wir als einen Schritt Pfleger in Heimen gezielt ausbilden lassen. Inzwischen wurde dieser Part vom Staat übernommen. Das ist ein unheimlicher Erfolg und hat mir gezeigt, was man als Einzelner bewegen kann.

teleschau: Gab es einen Auslöser für Ihr Engagement?

Baum: Nicht direkt. Ich habe niemanden, der pflegebedürftig ist in der Verwandtschaft. In meiner Familie werden alle uralt und fallen irgendwann tot um.

teleschau: Bei einem Film über Götz von Berlichingen darf sein berühmtes Zitat "Er kann mich im Arsche lecken!" nicht fehlen. Wann kommt Ihnen so ein Spruch über die Lippen?

Baum: Das passiert gar nicht so selten. Immer wenn ich es mit struktureller Dummheit zu tun habe. Die Konsequenzen müssen einem egal sein. Wenn man diesen Satz sagt, dann ist er so provokant und explizit, dass man damit die Verachtung einer anderen Position schon sehr deutlich macht.

teleschau: Können Sie sich an das letzte Mal erinnern?

Baum: Ehrlich gestanden habe ich es erst heute Morgen gesagt. Im Zusammenhang mit einer Versicherung. Im Leben geht es nun mal nicht um Versicherungen und so einen Kram. Es geht um Wesentlicheres, um größere Ziele.

teleschau: Was ist denn Ihr großes Ziel im Leben?

Baum: Ich weiß nicht, ob es das eine gibt. Ich glaube, es geht darum, seine Persönlichkeit zur Entfaltung zu bringen. Und das hat wiederum viel damit zu tun, dass man in sich hineinhorcht und achtsam einem selbst gegenüber ist. Das ist nicht ein egoistisches Wollen, von wegen: Ich will ein Eis oder einen Porsche. Es ist die innere Stimme, die sagt: Das solltest du tun. Das ist etwas, das zu deiner Entwicklung beiträgt.

teleschau: Hat Ihnen Ihre innere Stimme geflüstert, Schauspieler zu werden?

Baum: Ja. Und das war zum damaligen Zeitpunkt etwas, das ich komplett unseriös fand. Ich hatte niemanden in meinem Umfeld, der Schauspieler war. Ich hatte eigentlich vor, Medizin zu studieren, etwas Bürgerliches, Anständiges zu machen.

teleschau: Sind Sie mit Ihrer intuitiven Methode stets gut gefahren?

Baum: Ich würde sagen: ja. In meiner Arbeitszeit, auch schon am Theater, war immer eine bestimmte Gewissheit da. Auch dann, als es Zeit war zu gehen, etwas Neues zu machen. Ich habe das getan, auch wenn es ein Sprung ins kalte Wasser war. Ob es jedes Mal die richtigen Entscheidungen waren, kann ich nicht sagen. Ich weiß ja nicht, wie es anders gekommen wäre. Aber für mich, wie ich jetzt hier stehe, würde ich sagen: Mein Leben bewegt sich, es entwickelt sich - und das ist gut so.

teleschau: Die stete Veränderung als Konstante sozusagen ...

Baum: Ja. Ich bin nicht an einem Punkt, an dem ich sagen kann: Jetzt habe ich es geschafft. Jetzt bin ich in einer sicheren Burg. Jetzt brauche ich nur das Gewohnte weiterzumachen, und dann kommen Aufträge und Geld von alleine rein. Ich bewege mich immer wieder in ein neues Feld, in dem ich mich auch erst mal behaupten muss. Das beinhaltet ein gewisses Risiko.

teleschau: Würde es Sie reizen, die Position zu wechseln - und sich hinter die Kamera zu stellen?

Baum: Unbedingt. Ich habe ja schon produziert. Die fünfte Staffel von "Der letzte Bulle", die sich deutlich von den vorherigen unterscheidet, basiert auf meiner Idee. Ich habe das in Gang gesetzt und kreativ begleitet. Den Anfang habe ich selbst geschrieben, viele weitere Szenen und auch den Schluss. Ich habe gemerkt, dass es nicht nur das Spielen ist, das mir Spaß bringt, sondern eben auch das Erschaffen von Figuren, das Erfinden von Geschichten. Ich war manchmal nach dem Schreiben einer Szene glücklicher als nach einem Dreh.

Quelle: teleschau - der mediendienst