Wir waren Könige

Wir waren Könige





Bullen beim Bowling

Polizei- und Gangsterfilme leben von einschlägigen Klischees - und von der Kunst sie zu durchbrechen. Auch der Polizeifilm "Wir waren Könige" handelt also von unumgänglicher Gewalt, von Hierarchien und Korruption im Polizeiapparat, überhaupt von der Auflösung der Grenzen zwischen Gut und Böse. Auch die Polizei hat ihre Gangster. Manche sind es von vornherein, andere werden von den Umständen verführt, sind einfach Mitläufer, Gefolgsleute ihrer Kollegen. Philipp Leinemann, der Autor und Regisseur des Films, wollte noch ein wenig mehr: die sich auflösenden Polizei- und Kameradschaftsstrukturen von innen zeigen - und damit eine Welt, "die eigentlich gar nicht mehr da ist", deren Idealvorstellungen "nichts sind als ein großer Bluff".

"Wir waren Könige" beginnt furios und mit viel Gewalt. Noch ehe die schwarz gewandete SEK-Einheit die Wohnung eines Dealers gewaltsam aufgebrochen hat, spritzt schon das Blut unter dem Helm eines Polizisten. Auf sie mit Gebrüll und rücksichtslos durch Türen geschossen. Einer springt durchs Küchenfenster und entkommt. Ein gewaltiger Sprung muss das gewesen sein: Man sieht den Fliehenden tief unten um die Ecke biegen ...

Gezeigt wird nicht, wie und warum es zu dem Einsatz kam. Philipp Leinemann geht gleich in medias res, zeigt die Härte des Polizeieinsatzes, die blank liegenden Nerven, die Rücksichtslosigkeit, die ganze Maschinerie. Zwei Tote in der Wohnung, ein schwer verletzter Polizist, ein flüchtiger Gangster - das gibt Ärger. Und die Standpauke des Gruppenleiters, den Thomas Thieme mit gewohnter Routine liefert, ist denn auch erheblich. Es gibt schließlich Druck von oben. Das Ministerium hat ohnehin die SEK-Kosten im Visier, da kann er stümperhafte Polizeiarbeit nicht brauchen.

Doch vorerst wird die Erosion der Polizeistaffel durch viel Sauferei und Kumpaneigehabe zugedeckt: alle für einen. Auch für den, der da geschossen hat. Doch als später auch noch zwei Polizisten bei einem Einsatz erschossen werden, eskaliert das Ganze: Jetzt muss unbedingt der Täter her, koste es, was es wolle. Der findet sich in den Augen der Polizisten im Mitglied einer Jugendbande - einer von zwei rivalisierenden, die sich nichts schenken. Hineingewoben in deren rührenden Krieg nach amerikanischem Muster ist die Geschichte des 13-jährigen Migranten Nasim (Mohamed Issa), der sich unbedingt bei einem der Bandenführer (Tilman Strauß) beliebt machen will und dafür einen Freund denunziert.

Mehr als 30 Personen agieren im Film, und das im Dreieck jeder gegen jeden: Banden gegeneinander, die Polizei mittendrin und gegen beide. Da haben die Vorzeige-Polizisten Ronald Zehrfeld und Misel Maticevic (beides Lieblingsdarsteller von Dominik Graf, dessen Handschrift der Film auch sonst gerne kopiert) Mühe, sich zu behaupten. Schnell wechseln die Schauplätze, wenn die Handlung mal hakt. Großes Gebrüll, Scheiße, Wichsen, Ficken.

Schönste Szene dieses Ensemblefilms in numerischer Staatstheatergröße ist zweifellos eine Bowlingszene, bei der sie alle im Suff versammelt sind: die "Sekis" und die Streifenpolizisten, die kleinen und die - gar nicht mehr so jugendlichen - großen Gangster. Leinemann ließ seine Darsteller laufen, die Kamera sitzt perfekt - da hat der Regisseur für einmal tatsächlich sein Hollywood-Vorbilder Scorsese erreicht. Und wirklich umwerfend ist der Kleinste in all dem Getümmel: Mohamed Issa spielt sie als Möchteger-Pate Nasim und Bewunderer der "großen" Gangster alle an die Wand. Seine Pistole hat das letzte Wort. Dabei wollte er doch einfach Liebe.

Quelle: teleschau - der mediendienst