The Zero Theorem

The Zero Theorem





Gesellschaft am Arsch

Der nackte Hintern von Christoph Waltz gefiel nicht. Zumindest nicht der Motion Picture Association of America, die das Filmplakat, auf dem das entblößte Gesäß des Österreichers aus der Ferne zu sehen war, kurzerhand nicht freigab. Ein neues, textilhaltigeres musste her. Das hätte Regisseur Terry Gilliam wohl nicht erwartet: Dass bei all den Denkanstößen, die er und Drehbuchautor Pat Rushin in "The Zero Theorem" geben, ausgerechnet ein nackter Po für die meisten Diskussionen sorgen wird.

Besagtes Hinterteil bekommt das Publikum gleich in der ersten Einstellung zu sehen. Es gehört Qohen Leth (Christoph Waltz), einem glatzköpfigen Computerexperten, der in einer alten, heruntergekommen Kirche haust und diese nur widerwillig verlässt. Man muss ihn nur ein paar Meter auf seinem Arbeitsweg begleiten, um zu verstehen, warum: Aufdringliche Videowerbebanner verfolgen einen auf Schritt und Tritt in dieser lauten, grellen, hektischen urbanen Welt, deren Bewohner so aussehen, als seien sie direkt aus Panems Kapitol zugezogen.

Mit vergleichsweise einfachen Mitteln - das Budget soll Gerüchten zufolge bei vergleichsweise lächerlichen zehn Millionen Euro gelegen haben -, schafft Terry Gilliam eine Atmosphäre, in der man sich augenblicklich und nachhaltig unwohl fühlt. Nicht von ungefähr drängt sich die Erinnerung an Gilliams dystopische Groteske "Brazil" auf, mit der das Ex-Monty-Python-Mitglied vor 30 Jahren die Zuschauer herausforderte: "Als ich 1984 'Brazil' drehte, versuchte ich das Bildnis der Welt zu zeichnen, in der wir meiner Meinung nach damals lebten. 'The Zero Theorem' ist ein Einblick in die Welt, in der wir meiner Meinung nach heute leben."

Eine Welt, die so überdreht wirkt, dass ein eigenbrötlerischer Computerfreak, der von sich stets in "Wir"-Form spricht, einem noch halbwegs normal vorkommt. Es fällt leicht, sich mit Qohen zu identifizieren, weil er in dieser Umgebung augenscheinlich so verloren ist wie der Zuschauer selbst. Und trotzdem lässt sich das unbehagliche Gefühl nicht abschütteln, dass die eigene Lebenswelt, die gegenwärtige Gesellschaft, nur einen kleinen Schritt von der hier gezeigten entfernt ist.

Man versteht nicht recht, woran Qohen arbeitet, wenn er wie all die anderen Arbeitsbienen am Supercomputer seiner Firma angestöpselt ist. Doch was genau und vor allem warum sie tun, was sie tun, verstehen weder die Arbeiter noch Vorarbeiter Joby (David Thewlis) so richtig. Sicher weiß Qohen allerdings, dass er lieber von zu Hause arbeiten würde. Denn er hat Angst, während seiner Abwesenheit den einen Anruf zu verpassen, auf den er schon so lange wartet: der, in dem ihm endlich der Sinn des Lebens erklärt wird.

Tatsächlich gewährt der Diktator-ähnliche "Management" (Matt Damon) ihm seinen Wunsch, schickt sogar den brillanten Teenager Bob (Lucas Hedges) vorbei, der ihn bei der Arbeit unterstützen soll. Doch wie einst Winston Smith in George Orwells Dystopie "1984" weiß Qohen bald nicht mehr, wem er noch trauen kann. Nicht einmal die schöne Bainsley (Mélanie Thierry), die die Frau seiner Träume sein könnte, scheint über jeden Zweifel erhaben.

"The Zero Theorem" ist kein Film, der inhaltlich vollständig erfasst und verstanden werden will, sondern einer, der mit gerunzelter Stirn und flauem Gefühl im Magen betrachtet und anschließend diskutiert werden soll. Für den man Terry Gilliam entweder schmähen oder ihm danken kann: Schmähen, weil er damit streng genommen nur das Orwellsche Thema seines Erfolgs "Brazil" variiert und modernisiert. Danken, weil er vor Augen führt, dass die Gesellschaft auch 30 Jahre nach seiner letzten Warnung nur knapp davon entfernt zu sein scheint, komplett wahnsinnig zu werden.

Quelle: teleschau - der mediendienst