Rainer Meifert

Rainer Meifert





"Kokain ist längst in jeder Gesellschaftsschicht!"

Ein schwerer Autounfall Ende der 1990er-Jahre riss Rainer Meifert aus einer hoffnungsvollen Karriere als Schauspieler. Der ehemalige "GZSZ"-Star entkam nur knapp dem Tod, höllische Schmerzen blieben. An Arbeit war nicht mehr zu denken. Zunächst betäubte Meifert vor allem die Schmerzen mit Drogen. Später nur noch sich selbst. "Ich habe mich dauernd mit Kokain und Ecstasy zugedröhnt, oft sieben Tage am Stück - ich war schlimmer als Ozzy Osbourne", sagt der Schauspieler im Interview. Heute ist der 47-Jährige clean. Und stark genug, sich für eine Dokumentation auf die Spuren seiner eigenen Drogensucht zu begeben. In dem vierteiligen Film, der am Donnerstag, 13. November, im Rahmen eines Themenabends "Sucht" bei ZDFneo zu sehen ist (20.15 Uhr, 21 Uhr, 23 Uhr, 23.45 Uhr) und ab Dienstag, 18. November, 0.35 Uhr, im ZDF-Hauptprogramm, führt Meifert sich und den Zuschauer an die Grenzen des Belastbaren. Für den Berliner soll "Kokain für immer tabu" sein. So weiß er inzwischen, dass an jedem Gramm auch das Blut vieler unschuldiger Menschen klebt. Das ist ein Wissen, worüber sich viele Gedanken machen sollten. Bevor sie möglicherweise selbst in Versuchung geraten.

teleschau: Wie geht es Ihnen?

Rainer Meifert: Insgesamt geht es mir gut. Das war längere Zeit nicht so. Nach meinem schweren Autounfall übernahmen die Drogen mein Leben. Beinahe 13 Jahre konnte ich nicht vor der Kamera arbeiten. Dazu wäre ich auch gar nicht klar genug im Kopf gewesen. Inzwischen bin ich seit mehr als einem Jahr clean. Die Dokumentation, bei der ich mich auf meinen eigenen Drogentrip und bis nach Kolumbien begebe, hat mir zudem geholfen - gerade, weil sie sehr aufklärend war.

teleschau: Die Dokumentation endet mit Ihrem Satz: "Was meine Zukunft angeht, ist Kokain einfach tabu!" Gelingt Ihnen das?

Meifert: Ich habe den Absprung alleine ohne Therapie geschafft. Dafür hatte ich mich mehrere Wochen in mein Zimmer eingeschlossen. Ich hatte Paranoia, Albträume. Da Kokain jedoch keine Droge ist, die einen körperlich in die Ecke treibt, ist ein Entzug vor allem Kopfsache. Durch meine Reise nach Kolumbien weiß ich inzwischen, dass an jedem Gramm Blut klebt. Unschuldige Menschen sterben wegen der Droge. Das schreckt ab. Kokain ist für mich heute ein absolutes No-Go.

teleschau: Es heißt, die Dokumentation solle womöglich an Schulen gezeigt werden. Gibt es konkrete Pläne?

Meifert: Derzeit produziere ich einen eigenen Film. Dadurch ist meine Zeit etwas knapp. Aber wenn es ein Bedürfnis zur Aufklärung gibt, stehe ich hundertprozentig zur Verfügung. Jeder Mensch, den man von der Droge abbringen kann, stellt ein Plus dar. Gerade Prävention ist sehr wichtig. In Kolumbien beispielsweise wird bereits sechs- bis achtjährigen Kindern erklärt, was Kokain anrichten kann.

teleschau: Nun ist Deutschland doch aber nicht Kolumbien, wo es das Zeug an jeder Ecke gibt?

Meifert: Das stimmt doch schon lange nicht mehr. Kokain ist heute überall verankert. Es ist in jeder Gesellschaftsschicht, in jeder Dorfdiskothek. Der Angestellte oder der Manager holen sich das Zeug, bevor sie in die Arbeit fahren. Jeder Klub kommt auf zwei bis drei Dealer pro Nacht. Das Schlimmste aber: Die Dealer stehen auch vor den Schulen. Zehnjährige Kids bekommen kleine Koks-Proben, damit sie nur mal testen.

teleschau: Wird Kokain allgemein zu sehr verharmlost?

Meifert: Ja! Bei Boulevard-Meldungen über Hollywood-Stars beispielsweise bekommt man beinahe den Eindruck, die legen sich alle vier Wochen locker in die Entzugsklinik und lassen sich dort fröhlich detoxen. Oder die Jugendmagazine: Darin wird über drei Seiten berichtet, dass eine Band ihr Album nur auf Droge aufgenommen habe. Über die Gefahren jedoch wird kaum berichtet. Auch ich bin auf diese gewisse Verherrlichung hereingefallen. Als ich mit Kokain angefangen habe, war das für mich nur ein spiritueller Zauberkrümel der Indianer.

teleschau: Viele User behaupten gerne, Kokain sei eine pflanzliche Droge.

Meifert: Das hatte ich mir auch immer eingeredet. Ein großartiger Irrtum! Das, was die Leute sich durch die Nase ziehen, ist die reine Chemo-Bombe. Die Herstellung aus der Koka-Pflanze ist vor allem ein chemischer Prozess. Der gewonnene Grundstoff ist zunächst eine schwarze Brühe. Die sieht aus wie Asphaltschlacke. Sie wird mit Soda geklärt. Später kommt Ammoniak drauf. Das gibt dem Koks die weiße Farbe. Dazu kommen weitere Substanzen, die lassen es magisch glitzern. Es soll ja auch immer alles schön verführerisch aussehen. Letztendlich soll der User nur denken, dass Kokain eine natürliche Droge sei. Aber das ist absolut verlogen.

teleschau: In Kolumbien trafen sie den ehemaligen Staatspräsidenten und sogar einen Killer. Wie viele dieser Treffen im Film sind spontan entstanden?

Meifert: Diese Treffen waren von der Redaktion lange vorab geplant. Durch meine Interviews sind wir jedoch an Informationen gekommen, denen wir noch einmal nachgegangen sind. Anders als die Crew wusste ich gerade in Kolumbien nicht, wohin es gehen wird. Ich wurde immer wieder überrascht und quasi vor vollendete Tatsachen gestellt. Von dem Interview mit einem Killer wusste ich im Vorfeld nichts. Die Produktion wollte jemanden haben, der sich seinen Weg auch selbst erfragt und aus der eigenen Intuition Fragen stellt.

teleschau: Ihre eigene Drogen-Erfahrung kam Ihnen zugute?

Meifert: Keines der Crew-Mitglieder hat das Zeug jemals angerührt. So habe ich bei einem Kokain-Kauf in Berlin angesagt, wie dieser zu funktionierten habe. Auch bei meinem Gespräch mit Junkies wusste ich aus meiner Vergangenheit, wie ich auf sie eingehen muss. So entstand ein Dialog auf Augenhöhe mit sehr ehrlichen Antworten.

teleschau: Der Besuch bei ihrem ehemaligen Mitbewohner brachte Sie direkt zurück in Ihre eigene Vergangenheit.

Meifert: Matthias wohnt immer noch in unserer alten WG in Berlin. Hier wurden immer die fettesten Partys gefeiert. Sie sind lange vorbei. Nach einem Schlaganfall ist Matthias halbseitig gelähmt. Er hat damals das gebunkerte Crystal Meth eines Bekannten für Kokain gehalten und sich die entsprechende Menge hinein gepowert. Fünf Minuten später hatte er den Schlaganfall. Das Gespräch mit ihm war sehr intensiv, da er wohl auch nicht mehr lange zu leben hat. Schließlich habe ich ihm etwas Geld gegeben. Er hat sich davon Drogen gekauft.

teleschau: Wurde es während der Dreharbeiten womöglich noch härter?

Meifert: Das Treffen mit einer ehemaligen Kindersoldatin im kolumbianischen Drogenkrieg war sehr emotional. Am Schlimmsten aber war das Interview mit einem Indianer. Er hat mir von Folter berichtet, wenn sich Bauern weigern, Kokain anzubauen. Ihre Kinder werden an Bäumen festgebunden. Verwandte werden mit Seilen zwischen Autos gespannt. Sie fahren los, die Menschen werden schließlich auseinander gerissen. In Kolumbien steht eine komplette Indianerkultur vor der Ausrottung.

teleschau: Warum weiß man hierzulande so wenig über diese unfassbare Brutalität?

Meifert: Weil man es wohl nicht wissen will. Für die Politik ist Kolumbien weit entfernt. Der User denkt sowieso nur an seine nächste Nase. Und das ist fatal: Experten sagen, mit jeder Line Kokain, die hierzulande gezogen wird, stirbt in Kolumbien ein Mensch in einem brutalen Drogenkrieg. Oder es wird ein Mädchen vergewaltigt. Ich hatte wirklich keine Vorstellung davon, dass so furchtbare Dinge passieren. Und es wird wohl noch schlimmer werden. Kokain sickert inzwischen mehr und mehr in den asiatischen Markt.

teleschau: Verteufeln Sie inzwischen jeden, der sich Kokain reinzieht?

Meifert: Wenn jemand meint, Kokain nehmen zu müssen, soll er das machen. Die Zeiten ändern sich, Alkohol war früher auch mal verboten. Drogen haben jedoch nichts in der Öffentlichkeit verloren. Und ganz bestimmt sollen keine Unbeteiligten in einen selbstgewählten Sumpf gezogen werden. Vor allem keine Kinder und Jugendliche. Gerade aber in den sozialen Brennpunkten werden sie angesprochen.

teleschau: Im Film behauptet doch aber gerade ein hoher Polizeibeamter, dass es in Berlin keine offene Kokain-Szene gebe.

Meifert: Genau das haben wir mit einem mit versteckter Kamera gefilmten Deal auf offener Straße widerlegt. Unsere Aufnahmen haben den Beamten dann selbst überrascht. Das Beste: Durch unsere Aktion hat die Polizei ihre Kontrollen in den Brennpunkten verschärft.

teleschau: Wie stehen sie zu einer Legalisierung der Einstiegsdroge Marihuana, die immer wieder diskutiert wird.

Meifert: Es stimmt nicht, dass Marihuana die Einstiegsdroge sei. Das geht früher los. Und zwar mit Alkohol. Das ist die Mutter des Teufels. Bei mir war es so, dass ich ein Verlangen nach Kokain vor allem dann gespürt habe, wenn ich Alkohol getrunken hatte. Wenn ich dann Kokain genommen habe, war ich bereits besoffen oder zumindest angetrunken. Mit dem Alkohol habe ich erst eine Hemmschwelle übertreten.

Quelle: teleschau - der mediendienst