Iris Berben

Iris Berben





Die Sache mit der Wahrheit

Als Iris Berben während der 50er- und 60er-Jahre aufwuchs, waren der Zweite Weltkrieg und zwölf Jahre Nationalsozialismus kein großes Thema in Deutschland. Es war die Zeit des Schweigens und der "Konsolidierung", die erst von den 68-ern in Frage gestellt wurde. Kurz vor dem Jubiläumsjahr 2015, in dem viele Filme das Kriegsende vor 70 Jahren beleuchten, kommt mit Matti Geschonnecks "Das Zeugenhaus" (Montag, 24. November, 20.15 Uhr, ZDF) schon jetzt die erste Aufarbeitung jener "Stunde Null". Iris Berben, 64, spielt in dem starbesetzten, nach wahren Ereignissen inszenierten Kammerspiel eine Gräfin, die von den Alliierten als Gastgeberin und Hausdame einer illustren Runde von Zeugen für die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse engagiert wird.

teleschau: Im "Zeugenhaus" lebten Täter und Opfer des Nationalsozialismus wie in einer WG unter einem Dach. Kannten Sie diese Geschichte?

Iris Berben: Nein, ich fand sie unglaublich, das ist ein ganz wichtiges Zeitdokument. Es ermöglicht noch mal eine neue Sichtweise auf deutsche Geschichte. Auch weil man erfährt, wie in dieser doch ziemlich chaotischen Nachkriegszeit Zeugen für die Nürnberger Prozesse aufgetrieben wurden.

teleschau: Welche neue Sichtweise auf deutsche Geschichte ermöglicht das Buch?

Iris Berben: Es ist eine Art Kammerspiel mit einer überschaubaren Zahl an Charakteren. Gezeigt wird das Deutschland des Jahres 1945 wie unterm Brennglas. Man erfährt aus dem Buch und auch aus dem Film, wie ich hoffe, unterschiedliche damals vertretene Meinungen, Strategien der Verteidigung, aber auch die Schuldgefühle, die Fassungslosigkeit und die Erschöpfung.

teleschau: Welche Psychologie steckte dahinter, als die Amerikaner Täter und Opfer unter ein Dach steckten?

Iris Berben: Ich denke, man muss das aus der Zeit heraus betrachten. Kurz nach dem Krieg - das war die Zeit des Schweigens und der Verdrängung. Es herrschte Schockstarre. Viele Leute hatten keinerlei Haltung zu dem, was passiert war. Ich könnte mir vorstellen, dass die Amerikaner diese Situation im Zeugenhaus bewusst herbeiführten, um emotionale Reaktionen bei den Menschen im Haus zu provozieren.

teleschau: Im Film findet sich dieses Verwirrspiel der Identitäten wieder - wer ist gut, wer ist böse? Ist das ein Kunstgriff des Films, oder war es tatsächlich so?

Iris Berben: Ich kann mir vorstellen, dass es in der Realität nicht so sehr anders war als im Film. Bei vielen Zeugen war man sich tatsächlich gar nicht sicher, zu welcher Seite sie nun in Nazideutschland gehörten. Tatsächlich lebten über die Dauer des Prozesses etwa 100 Zeugen in zwei Häusern. Im Film haben wir das auf zwölf Charaktere verdichtet. Manche von ihnen sind eher laut, so wie der Hitler-Fotograf Heinrich Hoffmann. Da weiß man schnell, woran man ist. Andere hingegen treiben selbst ein Verwirrspiel um ihre Vergangenheit - ob es ihnen nun selbst bewusst ist oder nicht.

teleschau: Die Nachkriegszeit und ihre Protagonisten haben in "Das Zeugenhaus" mehr charakterliche Grauschattierung als üblich. Sie sind weniger klar in die gute oder böse Ecke zu sortieren. Ist dies die große Leistung dieses Films?

Iris Berben: Ich sehe das so. Wir neigen dazu, Geschichte im Nachhinein immer viel eindeutiger auszulegen, als sie tatsächlich gewesen ist. Sich mit dem heutigen Wissen an das Deutschland der "Stunde Null" zurückzuerinnern, dabei kann man leicht falsch liegen. Die Nürnberger Prozesse zum Beispiel waren eine ziemlich überstürzte Aktion. Man wollte schnell aufräumen und Zeichen setzen. Man wollte endlich so etwas wie Gerechtigkeit herstellen. Da ist auch eine Menge durch Zufall und im Chaos entstanden. Aus heutiger Sicht würde man den Prozess sicher ganz anders aufziehen.

teleschau: Fast jeder kennt noch Familiengeschichten aus dieser Zeit. Welche Emotionen löst die "Stunde Null" bei Ihnen persönlich aus?

Iris Berben: Ich bin Jahrgang 1950. Am meisten haften geblieben aus dieser Zeit ist bei mir, dass im Geschichtsunterricht an der Schule überhaupt nicht über dieses Thema gesprochen wurde. Die gesamte jüngere deutsche Vergangenheit wurde einfach ausgeblendet. Als 1967 der Sechstagekrieg im Nahen Osten stattfand, erinnere ich mich, dass ich Fragen stellte, weil in Israel ja auch viele ehemalige Deutsche lebten. Da hieß es immer: "Damit haben wir nichts zu tun. Es geht uns nichts an."

teleschau: Sie haben die Sprachlosigkeit gespürt?

Iris Berben: Ja, ich glaube, junge Menschen haben ein gutes Gespür dafür. Sie können das Verdrängen bei den Älteren oft gut erkennen. Vielleicht weil sie selbst auf eine natürliche Art neugierig sind. Sicher haben es sich die jungen Leute meiner Generation nicht alle bewusst gemacht, das die Älteren verdrängten und schwiegen, aber gespürt haben sie es schon. Als ich 1968 das erste Mal in Israel war, habe ich meinen Geschichtsunterricht dort bekommen.

teleschau: "Das Zeugenhaus" ist sehr hochkarätig besetzt. Worüber wurde am Set gesprochen, und wie war die Atmosphäre?

Iris Berben: Ich war überrascht, dass im fertigen Film die Momente der Komik zwar da sind, aber weitaus weniger, als ich es bei den Dreharbeiten empfunden habe. Nun gut, die Rollen von Gisela Schneeberger oder Udo Samel, die haben schon bitter-komische Sätze. Viel von diesem zynischen Humor, der im Film stattfindet, beruht übrigens auf der Realität.

teleschau: An was denken Sie?

Iris Berben: Zum Beispiel an Heinrich Hoffmann, Hitlers Leibfotograf, den Udo Samel mit unglaublicher Liebenswürdigkeit spielt. Wie er immer von Herrn Hitler spricht und was für ein kunstsinniger, feiner Mensch er war. Wenn er dann zu Vicky Krieps sagt, die ja eine Jüdin aus dem KZ spielt: "Sie hätten ihn gemocht." Oder wenn er zu ihr sagt, dass er sich die eintätowierte Nummer auf ihrem Arm leichter merken kann als ihren Namen, weil er mit Nummern schon immer gut konnte. Das sind unglaublich heftige Sätze, mit Kalkül oder Naivität vorgetragen. Das Erstaunliche ist jedoch, dass sie im echten "Zeugenhaus" tatsächlich so gefallen sind.

teleschau: Was hat die Deutschen nach dem Kriegsende angetrieben? Vor allem der menschliche Impuls, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen?

Iris Berben: Das kann man nicht über einen Kamm scheren. Die Überlebensstrategien der Menschen sind sehr individuell. Sicher gibt es die, die nicht lange über Schuld oder Unschuld nachdenken. Jene, die immer schnell nach vorne orientiert sind. Sich überlegen, wie es mit ihnen selbst am besten weitergehen kann. Egal, was sie vorher getan haben. Es gibt aber auch Menschen, die wirklich an ihrer Schuld zerbrochen sind. Selbst, wenn sie keine wirklich schlimmen Dinge getan haben. Zwischen diesen beiden Extremen gibt es alles mögliche: Erfolgreiche Verdränger und die üblichen Entschuldigungen wie: "Wir haben doch nur gehorcht." Oder: "Es war eben Krieg."

teleschau: Haben Sie einen Wunsch, was der Zuschauer aus dem Film mitnehmen sollte?

Iris Berben: Vielleicht genau das, was ich eben sagte. Dass man erfährt, wie unterschiedliche Menschen auf extreme Situationen reagieren können. Wie sie das Geschehene, wie sie Geschichte gegen sich und andere benutzen. Wir schauen uns im "Zeugenhaus" eine Zeit an, die uns heute sehr fremd und weit weg erscheint. Dabei sind die Verhaltensweisen, die man im Film sieht, gar nicht so weit weg von Dingen, die man auch heute noch in Deutschland beobachten kann.

teleschau: Was meinen Sie?

Iris Berben: Der NSU-Prozess verhandelt zehn Morde an Migranten in Deutschland. Schaut man sich die Reaktionen auf diesen Prozess an, sieht man die ganze Palette möglicher Gefühlsregungen, die man auch im "Zeugenhaus" findet. Nicht wenige finden diesen NSU-Prozess übertrieben oder erhöht. Es gibt Leute, die sagen, was da passiert ist, hat mit unserer Gesellschaft nichts zu tun. Andere sagen: Das ist ein Teil unserer Gesellschaft. Auch da sieht man, wie unterschiedlich Menschen heute auf krasse Ereignisse der deutschen Geschichte reagieren. Am besten wäre es, sich über "Das Zeugenhaus" zu unterhalten. Etwas besseres kann man mit Filmen ohnehin nicht erreichen.

Quelle: teleschau - der mediendienst