Hugo Egon Balder

Hugo Egon Balder





Der letzte Anarchist

Was macht Hugo Egon Balder nicht alles: Er ist Schauspieler, Produzent, Sänger, Moderator, Kneipenwirt. Zusammenfassend würde man es wohl so beschreiben: "Alles, was Spaß macht." Es gab die Stripshow "Tutti Frutti", aber eben auch seine Produktion der herausragenden Comedyshow "RTL Samstag Nacht" (1993 bis 1998). Mit "Alles Nichts Oder?!" stellten er und Hella von Sinnen 1988 bis 1992 das Unterhaltungsfernsehen auf den Kopf. Mit "Genial daneben" ersann und moderierte er bis 2011 bei SAT.1 die beste Impro-Comedy Deutschlands. Seither spielt er Theater, dem deutschen Fernsehen blieb er aber stets erhalten. Am Sonntag, 16.11., 22.15 Uhr, läuft im WDR Fernsehen die zweite Ausgabe einer neuen Ensemble-Comedy-Show, in der neun junge Comedians in Sketchen in die fiktive Welt wechselnder prominenter Gäste eintauchen. Mutiges Anarcho-Fernsehen ist das. Und folglich passt es gut zu Hugo Egon Balder, der diesmal zu Gast ist.

teleschau: Am 16. November sind Sie Stargast in einer neuen Show des WDR. Der Titel ist ziemlich schwer zu merken ...

Hugo Egon Balder: Ich vergesse ihn auch immer wieder. Warten Sie ... sie heißt "Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von ...". Oder so ähnlich ...

teleschau: Früher hätte man dieses Format "Nonsens-Show" genannt.

Balder: Und das trifft es gut.

teleschau: Sie sind lange im Geschäft. Sie im Dialog mit einer ständig kotzenden Bauchrednerpuppe auf der Bühne - wäre so etwas vor 20 Jahren vorstellbar gewesen?

Balder: Nein. Wobei - vielleicht doch. Wenn damals bei "RTL Samstag Nacht" einer auf die Idee gekommen wäre, hätten wir es wahrscheinlich gemacht.

teleschau: Sie haben das deutsche Fernsehen in der Vergangenheit häufig kritisiert. Wird es in Ihren Augen wieder besser?

Balder: Eine Sendung wie diese ist immerhin ein guter Anfang. Mir gefällt, dass der WDR den Mut hat, neue, unverbrauchte Leute zu verpflichten und sie einfach mal machen zu lassen. So etwas erinnert mich an die alten Zeiten.

teleschau: Dazu bedarf es vor allem Programmverantwortlicher hinter den Kulissen, die so etwas durchwinken.

Balder: Richtig. Früher war das einfacher. Ich erinnere mich an den Chef von RTL, Dr. Thoma, und den Programmchef Marc Conrad. Mehr gab es damals im Grunde nicht, die was zu sagen hatten. Und sie haben uns machen lassen. Es galt: Wenn etwas zum Flop wird, ist es wurscht. Machen wir halt was Neues ...

teleschau: Wer sich auf ein Interview mit Hugo Egon Balder vorbereitet, kann sich nachmittagelang Videos bei Youtube ansehen ...

Balder: Um Gottes willen ...

teleschau: Naja, jahrzehntelange Fernsehgeschichte!

Balder: Ich erinnere mich mit Freude an vieles. Aber wenn was vorbei ist, hake ich es ab. Ich trauere nie etwas nach. Irgendwann ist einfach alles zu Ende. Ich bin ein pragmatischer Mensch.

teleschau: Und kein Romantiker, wie Sie neulich bei Markus Lanz versicherten.

Balder: Stimmt: Kein Romantiker. Und eben auch kein Nostalgiker. Was glauben Sie, wie oft uns schon eine Neuauflage von "Alles Nichts Oder?!" angeboten wurde? Oder von "Samstag Nacht". Meine Antwort war immer gleich: "Ihr habt nen Knall. Nie im Leben!"

teleschau: Das zeitloseste Format, das Sie je moderierten, dürfte die Impro-Comedy "Genial daneben" sein. Das könnte auch heute noch gut im Fernsehen funktionieren.

Balder: Gott, was war das für eine schwierige Geburt damals! Sieben Jahre hat es gedauert, bis mich das jemand hat machen lassen. Weil natürlich die hohen Herren vom Fernsehen von Anfang an wussten, dass so eine Improvisation einfach nicht funktioniert. Wobei, ich verrate Ihnen was: Es könnte sein, dass ich die Sendung wieder machen werde. Es wird darüber geredet. Aber ich bin eben nicht bereit, beim Konzept Kompromisse zu machen.

teleschau: Fühlen Sie sich manchmal als Produzent, als Ideengeber nicht ausreichend gewürdigt?

Balder: Nö.

teleschau: Immerhin haben Sie mit "Freitag Nachts News" bei RTL ein Format etabliert, das heute als Vorgänger der viel gelobten "heute-show" gilt.

Balder: Ach, die Amerikaner machen so etwas seit 30 Jahren. Nein, mir geht's da nicht um mich. Ich freue mich über den Erfolg der "heute-show" und für Oliver Welke. Auch "Die Anstalt" ist toll. Ich finde es nur schade, dass das ZDF mit ZDFneo erst eine Nische für Experimente erfindet und dann fast alle Sachen, die wirklich klasse sind, ewig in dieser Nische belässt. Da wünschte ich mich schon mehr Mut.

teleschau: Man könnte den Eindruck haben, die öffentlich-rechtlichen Sender unterwerfen sich bisweilen noch mehr der Zielgruppenthematik als die privaten.

Balder: Viel mehr. Aber die Sache mit der jungen Zielgruppe ist eh Quatsch.

teleschau: Warum?

Balder: Das Geld für die beworbenen Produkte geben doch vor allem die Älteren aus. Die haben es ja auch. Ich bin auch ein Gegner von Umfragen oder Publikumstests, die heute bei neuen Sendungen vorab gemacht werden. Wir haben bei "Samstag Nacht" damals eine Umfrage gemacht. Was glauben Sie, was herausgekommen ist?

teleschau: Das Testpublikum wird sich zumindest gewundert haben.

Balder: Hätten wir auf das Ergebnis gehört, wären wir nie auf Sendung gegangen. Man muss beim Fernsehen auch auf seinen Bauch hören, sofern man sich das zutraut. Und vor allem: Die Menschen, die entscheiden, was gemacht wird, sollten mal wieder rausgehen zu den normalen Leuten. Das tun viele der Fernsehgewaltigen nicht. Wenn ich in Köln oder Hamburg in einer ganz normalen Kneipe sitze, was ich gerne tue, höre ich den Menschen genau zu. 99 Prozent von ihnen beschweren sich über das miese Fernsehprogramm.

teleschau: Was ist denn Ihre Lieblingssendung im deutschen Fernsehen?

Balder: Ich mag "Pastewka", die Comedyserie bei SAT.1. Übrigens nicht, weil ich da ab und an auch mal selbst mitspiele (lacht). Die Autoren haben einfach fantastische Ideen. Mal schauen, ob SAT.1 das weiterführt. Aber womöglich wissen die dort gar nicht, dass sie die Serie überhaupt noch haben.

teleschau: Leicht hat sie es jedenfalls nicht. Die letzte Staffel litt unter ständig wechselnden Anfangszeiten.

Balder: Das liegt daran, dass SAT.1 kein Sender ist.

teleschau: Was denn dann?

Balder: Eine von Fondsgesellschaften gekaufte Geldmaschine. Die haben so viel Kohle, die könnten so viel machen, aber das tun sie nicht. Traurig ist das ...

teleschau: Die Qualität von Chefs wird eben überall an ihren Gewinnen gemessen.

Balder: Trotzdem muss da doch irgendjemand mal die Eier in der Hose haben, nicht nur aufs Geld zu schauen, sondern auch ein gutes Programm zu machen. Aber da diese Menschen das Programm nicht interessiert, geschieht nichts. Früher gab es ein paar echte Macher, die wollten nicht nur Geld verdienen, sondern eben auch spannendes Fernsehen machen und die Leute unterhalten. Heute dreht sich jeder um seine eigene Achse. Da schwingt viel Angst mit.

teleschau: Aber Sie haben den Spaß am Fernsehen nie verloren, oder?

Balder: Nein, nur den Spaß an Menschen dort, mit denen ich einfach nicht reden kann. Ich habe das alles jetzt 40 Jahre mitgemacht. Stundenlange Meetings. Gerede über irgendwelchen Mist. Ich muss das nicht mehr haben.

teleschau: Als Überschrift für dieses Interview würde "Der letzte Anarchist" passen.

Balder: Nehmen sie das!

teleschau: Im März des kommenden Jahres werden Sie 65. Da dürften Sie bei manchem Programmverantwortlichen im Gespräch diesen "Was will der alte Mann von mir?"-Blick spüren.

Balder: Richtig.

teleschau: Was halten Sie entgegen?

Balder: Nichts. Interessiert mich nicht. Ich habe mich in den Jahren nicht wirklich verändert. Über mein Image habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Also frage ich mich auch nicht, ob mich jemand mag oder nicht. Ich mache, was ich möchte. Wenn ich etwas unbedingt will, versuche ich es durchzudrücken. Und wenn mir das nicht gelingt, lasse ich es eben. Wichtig ist für mich, dass ich kein Angebot annehme, das nicht zu mir passt. Mir würde doch keiner abnehmen, wenn ich in meinem Alter plötzlich "Die perfekte Minute" bei SAT.1 moderieren würde. Da würde ich mir ja selbst wie ein Vollidiot vorkommen.

teleschau: Das ist die Stelle, an der wir Journalisten gerne daran erinnern, dass Sie einst eine Sendung namens "Peng - Die Westernshow" moderierten ...

Balder: Das war doch Satire, Herrgott! Wir wollten diese ganzen absurden Shows verarschen, die es damals überall gab. "Schlotter - Die Gruselshow" hieß eine andere Sendung der Reihe - wenn das jemand ernst nimmt, kann ich nun auch nichts dafür.

teleschau: Haben Sie nie etwas angenommen, das Sie heute bedauern?

Balder: Ich bedaure gar nichts. Aber sicher habe ich manches gemacht, um meinem Sender einen Gefallen zu tun. Ich erinnere mich an eine Reihe, die "Die Witze-Welle" hieß. Hat Gott sei Dank keiner gesehen.

teleschau: Schon am Anfang Ihrer Karriere waren Sie schwer einzuschätzen. Der "Spiegel" schrieb einst schön über Sie: "Balder rezitierte Kästner am Theater und nahm zur gleichen Zeit Platten mit dem Titel 'Elvira hol Dir dein Strumpfband ab' auf" ...

Balder: Das war in den 70er-Jahren. Ich war damals am Schillertheater in Berlin und war in einer Clique mit Heinz Freitag, bis heute ein anerkannter Synchronregisseur und Drehbuchschreiber. Er kam damals auf die Idee, die boomende Schlagerbranche mal aufs Korn zu nehmen. Wir schrieben Lieder wie "Zwei Buletten und eine Gitarre". Schön war auch: "Wir ziehen uns aus und spielen mit unseren Sachen".

teleschau: Wie ging der denn?

Balder: "Wir ziehen uns aus und spielen mit unseren Sachen. Wir ziehen uns aus und spielen mit unserem Charme. Mit unseren Sachen können wir tolle Sachen machen. Wir ziehen uns aus und hängen die Sachen übern Arm." Und stellen Sie sich vor: Das haben die alle damals ernst genommen, als echten Schlager verstanden.

teleschau: Wie ging denn der Text von "Elvira hol Dir dein Strumpfband ab" weiter?

Balder: "Elvira hol Dir dein Strumpfband ab, ich schlaf nicht mehr mit Dir. Und nimm auch deine Mutter mit, was soll die denn bei mir?"

teleschau: Wäre heute eigentlich der Dschungel bei RTL etwas für Sie?

Balder: Nein, auf keinen Fall. Wobei: Ich habe den auch noch nie gesehen. Nicht eine einzige Folge. "Big Brother" auch nicht. Es interessiert mich nicht. Null. Geht mir vollkommen am Arsch vorbei.

teleschau: Aber Sie sind doch ein Medienmann. Da muss sie das Medienphänomen "Dschungel" doch irgendwann interessieren.

Balder: Ich habe meine Prinzipien: Ich schaue mir keine Sendungen an, in denen sich Leute zum Affen machen lassen.

teleschau: Da fällt aber schon ziemlich viel deutsches Fernsehen automatisch weg.

Balder: Da fällt noch mehr bei mir weg. Ich schaue auch keine Kochshows. Und auch die ganzen "Tatorte" werden mir zu viel. Ich sag Ihnen: Irgendwann werden ihnen die Städte für den "Tatort" ausgehen, und sie werden welche erfinden müssen. Das ist mir einfach alles zu inflationär.

teleschau: Wenn Sie die ganzen Sachen nicht schauen, was machen Sie denn jeden Abend?

Balder: Theaterspielen. Wir gehen jetzt wieder auf Tournee. Ab Februar kommt das neue Stück überall in Deutschland. Nebenbei mache ich ja weiterhin ein bisschen Fernsehen. Und ich habe eine Kneipe in Hamburg. Ich habe genug zu tun.

teleschau: Sie sind seit einiger Zeit wieder vermehrt auf Theaterbühnen zu sehen. War das aus der Not geboren, weil Ende 2011 Ihr Vertrag bei SAT.1 auslief?

Balder: Nein, schon vor zehn Jahren wusste ich, dass ich gerne wieder spielen würde. Das hatte mit SAT.1 nichts zu tun. Es macht großen Spaß, zumal die Rollen für mein Alter wieder besser werden. Und es tut mir ja auch gut: Ich treffe nach den Vorstellungen immer noch Menschen, die mich bis dahin ausschließlich als "Tutti Frutti"-Moderator kannten und die mit Interesse zur Kenntnis nehmen, dass ich ja doch was anderes kann.

teleschau: Jetzt wäre das fast das erste Interview mit Ihnen in den vergangenen 20 Jahren geworden, in dem die Worte "Tutti" und "Frutti" nicht vorkommen.

Balder: Wissen Sie, was der leider verstorbene Walter Giller mal zu mir gesagt hat? Es war zwei Jahre nach dem Ende von Tutti Frutti", als er zu mir meinte: "Ich beneide Dich. Nach dieser Sendung kannst du in Deiner Karriere machen, was du willst. Die Leute halten dich eh alle für minderbemittelt und bekloppt. Das ist großartig!" Er hat Recht gehabt ... - was ich damit sagen will: Reden wir meinetwegen über "Tutti Frutti". Ist mir wurscht ...

teleschau: Was ist Ihnen denn nicht wurscht?

Balder: Einiges. Meine Kinder natürlich. Aber was den Beruf angeht, da müsste ich schon lange nachdenken.

teleschau: Nachdem Sie ja 65 werden: Bekommen Sie eigentlich eine Rente vom Staat?

Balder: Ich glaub schon, muss ich noch beantragen. Ich schätze mal, es werden so 25,10 Euro. Keine Ahnung. Aber ich war angestellt bei Radio Luxemburg, beim Schillertheater. Im Ernst: Um so etwas hab ich mich nie gekümmert.

teleschau: Ist die 65 keine wichtige Zahl für Sie?

Balder: Nein, interessiert mich nicht. Ich bin gesund, also alles gut. Auch runde Geburtstage habe ich nie groß gefeiert. Weihnachten und Silvester ebenso nicht. Am 31.12. gehe ich diesmal in meine Kneipe in Hamburg und mache Musik. Besser kann so ein Abend nicht sein. Und der geht dann bis morgens um halb sieben.

teleschau: So lange? Geht das noch?

Balder: Geht noch gut!

teleschau: Trotz Zigaretten? Menthol, oder?

Balder: Ja, die gleichen, die Helmut Schmidt raucht ...

Quelle: teleschau - der mediendienst