Von Krisen und Kämpfen

Von Krisen und Kämpfen





Politische und soziale Gegenwart dominieren das DOK Leipzig

Ukraine, Syrien, Snowden - aber auch Arbeit, Krise, Flucht: Selten war das Genre des Dokumentarfilms so von aktuellen politischen und gesellschaftlichen Geschehnissen geprägt wie in diesen ereignisreichen Zeiten. Eindrücklich spiegelte sich das auf dem 57. Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm, das nun mit einem neuen Zuschauerrekord zu Ende ging und von dem man gerade zu diesem Zeitpunkt in jener Stadt eigentlich eine umfassende Mauer-Retrospektive erwartet hätte. Doch von wegen: Die Gewinnerfilme bieten neben ernsten und sozialpolitisch ambitionierte Analysen der politischen Verhältnisse vor allem einfühlsam tragikomische Blicke auf Individuen zwischen Prekarität und Hoffnung.

Der diesjährige Gewinner der "Goldenen Taube" für den besten internationalen Dokumentarfilm schafft es, die ökonomische Krise und ihre Auswirkungen auf jeden Einzelnen in allen Widersprüchlichkeiten aufzuzeigen: So begleiten die französischen Filmemacher Claudine Bories and Patrice Chagnard in "The Rules Of The Game" perspektivlose Jugendliche durch ein Arbeitsvermittlungsprogramm, das den jungen Leuten die absurden Regeln kapitalistischer Arbeitskraftverwertung beibringen soll. Dabei verzweifeln die Betreuer schier an der unfassbar aufdeckenden Ehrlichkeit der Protagonisten, die einfach aussprechen, was Markt, Staat und Moral uns zu sagen entwöhnt haben. Selten wurde die Realität ökonomischer Verhältnisse und ihrer Austreibung des Menschlichen lyrischer und komischer dargestellt als in diesem entwaffnenden Kammerspiel.

Die in Leipzig gezeigten Filme führen ihre Akteure nicht moralinsauer als willen- und machtlose Opfer vor. Vielmehr zeigt sich ein Trend, ihnen ihre individuellen Ambivalenzen zurückzugeben, sie werden wieder zu Personen mit Fehlern, Witz und Gefühlen. So auch im wundervollen Schweizer Film "The Shelter", der die nachtnächtliche Realität einer Obdachlosenunterkunft in Lausanne zeigt, in der sich jedes Mal aufs Neue entscheidet, wer rein darf und wer nicht. Eine Auszeichnung hätte dieses subtile Studie ebenso verdient wie der im deutschen Wettbewerb laufende "Himmelverbot", der einen wegen Mordes verurteilten Mann in Rumänien begleitet, der nach über 20 Jahren in die "Freiheit" des Postsozialismus entlassen wird.

Eine lobende Erwähnung als herausragender deutscher Dokumentarfilm erhielt verdientermaßen die ebenfalls von Ironie und nüchternem Blick geprägte Plattenbaubewohner-Studie "Am Kölnberg". Die Kölner Filmemacher Robin Humboldt und Laurentia Genske zeigen darin, was eine eindrückliche Doku ausmacht: Empathie für die Protagonisten, Humor ohne Bloßstellung, Realitätssinn ohne Fingerzeig.

Dies gepaart mit intim-poetischen Bildern leistet auch "Domino Effekt", der diesjährige Gewinner im deutschen Wettbewerb, der vom Kampf des abchasischen Sportministers und seiner russischen Frau für die Domino-WM handelt. Der Fokus auf Absurdität und Einfühlsamkeit vieler Filme kam gut an in Leipzig: Auch in Gesprächen nach den Vorführungen und am Rande des Festivals lobte man den neuen Mut zu echter Kritik ohne selbstgefällige Sozialarbeitermentalität.

Doch nicht nur klassische Sozialstudien mit Hang zum Grotesken sind dem Eindruck auf dem DOK Leipzig nach en vogue. Auf dem Festival dominierte eine zweite große Entwicklung, die den Dokumentarfilm so eng mit aktueller Politik verknüpft wie selten. So zeigte man ebenfalls im Wettbewerb den schon seit einigen Wochen präsenten "Citizenfour", der den NSA-Whistleblower Edward Snowden zur Zeit seiner Flucht im Interview zeigt. Ausgezeichnet wurde der Film der Snowden-Vertrauten Laura Poitras, der vor allem durch seine aktuelle Brisanz brilliert, mit dem Demokratiepreis "Leipziger Ring".

Eine lobende Erwähnung erhielt das dokumentarische Epos "Maidan" von Sergei Loznitsa, das die revolutionären Geschehnisse auf dem zentralen Platz in Kiew zwischen November 2013 und Februar 2014 bis ins Detail kommentarlos dokumentiert. Grandios, wie unaufgeregt die Organisationsstruktur einer Rebellion gegen Unrecht aufgezeigt wird - unvergesslich die Kopftuchfrauen, die Pflastersteine für die Frontkämpfer aus dem Boden hacken. Auf jene Front konzentriert sich ein zweiter Ukraine-Film: Das gewaltvolle "All Things Ablaze" dokumentiert schonungslos die nackte Brutalität des kriegsähnlichen Zustandes auf dem Maidan. Eine andere aktuelle und unsäglich gewaltvolle Revolution arbeiten die syrischen Filme "Of Gods And Dogs" (im Wettbewerb für Kurzfilme) und "From My Syrian Room" auf - allerdings ohne Bilder der Gewalt, sondern bedrückend ruhig, poetisch und deswegen besonders nahegehend.

Insgesamt, so lässt sich nach dem Eindruck des DOK Leipzig über die heutige Dokumentarfilmlandschaft sagen, wagen die Filmemacherinnen und -macher mehr Aktualität und Ambivalenz, ebenso wie mehr Kritik und Komik. Und weniger Fokussierung auf die "Bösen da oben".

Quelle: teleschau - der mediendienst