Laith Al-Deen

Laith Al-Deen





"Ein Stück mehr Striptease"

Zuerst ein Anruf der Managerin: Der Termin mit Herrn Al-Deen werde sich leider noch ein wenig verzögern, die bisherigen Gespräche hätten dann doch mehr Zeit gekostet als erwartet ... Laith Al-Deen ist also wieder gefragt. Das hätte der 42-Jährige selbst noch vor gar nicht allzu langer Zeit kaum erwartet. Die letzten zwei Alben brachten dem Sänger nur wenig Erfolg, dann ging auch noch das zugehörige Label pleite. Al-Deen rutschte in eine Schaffenskrise. Mittlerweile aber hat er sich da herausgearbeitet, sein neues Album "Was wenn alles gut geht" erscheint beim Branchenriesen Sony. Entsprechend entspannt, offen und ziemlich gut gelaunt gibt er sich auch im Interview.

teleschau: Ihr Album trägt den Titel "Was wenn alles gut geht" - normalerweise stellt man die Frage doch eigentlich anders herum, oder?

Laith Al-Deen: Dass das der Titelsong wird, wurde erst im Studio klar. Weil dieses Lied wie kein anderes auf dem Album die Tatsache beleuchtet, dass es manchmal nur wichtig ist zu wissen, dass man die Wahl hat. Entscheidend ist es also einfach, sich nur zu entscheiden.

teleschau: Gibt's da einen autobiografischen Hintergrund?

Al-Deen: Ja. Ich hatte mehr als zwei Jahre lang so lange keine Entscheidungen getroffen, bis ich im Stillstand ertrunken bin. Die Gewissheit, die Wahl zu haben, ist für mich jetzt das A und O. Das muss gar nicht bedeuten, dass am Ende auch wirklich alles gut wird. Aber schon zu diesem ersten Schritt muss man erst mal kommen. Und das ist immer noch ein Prozess, den ich sehr stark übe.

teleschau: Hatten Sie in der Phase auch Angst um die eigene Musikkarriere?

Al-Deen: Diese Lebenskrise entstand aus einem ganzen Verbund von Ursachen und führte dazu, dass ich - abgesehen von dem einen oder anderen kleineren körperlichen Symptom - mich sehr weit von mir selbst entfernte. Das schlug sich tatsächlich direkt auf die Musik nieder, bis zu dem Punkt, an dem ich dachte, ich lass das mit der Musik einfach mal ganz. Um da wieder rauszukommen, musste ich mich sehr genau mit mir auseinandersetzen - und aus dieser Auseinandersetzung heraus ist die Platte entstanden.

teleschau: Braucht man Mut zu dem Optimismus, den der Titel verspricht?

Al-Deen: Auf jeden Fall. Mut sich selbst gegenüber, Selbstvertrauen im ganz klassischen Sinne. Das klingt jetzt erst mal einfach. Aber sich auch mal auf die Schulter klopfen zu können, nicht immer davon auszugehen, dass man scheitern wird - das funktioniert am besten, indem man sich damit auseinandersetzt und es auch in sein Umfeld trägt. Das ist natürlich noch schwieriger.

teleschau: Wen aus Ihrem Umfeld haben Sie mit Ihren Selbstzweifeln konfrontiert? Hatten Freunde und Familie dafür auch direkt Verständnis?

Al-Deen: Ja und nein. Mir ist im Nachhinein erst bewusst geworden, wie lange ich das im Alltag einfach verheimlichte. Meine Frau war natürlich diejenige, die die körperlichen Symptome - Blutdruck, Schwindel, Herzrasen - mitbekommen hat, und sie versuchte auch immer, mich nach bestem Wissen zu unterstützen. Aber ich bin selten an meine Freunde herangetreten, weil ich gar nicht das Gefühl hatte, dass das etwas ist, worüber ich sprechen müsste. Das meiste machte ich also mit meiner Frau und zusätzlich mit einer Therapeutin aus. Inzwischen gehe ich natürlich offener damit um, aber immer gelingt es noch nicht.

teleschau: In Ihrem Song "Steine" singen Sie unter anderem "Ich hatte viel zu viel Angst zu versagen" - sind vergangene Erfolge, von denen Sie ja einige hatten, kein Mittel gegen solche Ängste?

Al-Deen: Nicht wirklich. Mit steigendem Erfolg wächst ja auch die Verlustangst. Weil ich immer mehr bekommen habe, was ich verlieren kann. Wenn ich an meine Anfänge denke - da hatte ich Schulden, keine Kohle und fünf verschiedene Bands - damals bin ich mit solchen Dingen wesentlich leichter umgegangen als jetzt.

teleschau: War auch Disziplin eine Art, gegen die Angst zu kämpfen? Es sind ja viele Songs in der Zeit entstanden, Sie haben also trotz Versagensängsten die Arbeit nicht aufgegeben.

Al-Deen: Ja, aber eigentlich vor allem aus Verzweiflung.

teleschau: Wie das?

Al-Deen: Ich schreibe Songs, seit ich 17 bin. Ob die nun gut sind oder nicht - früher war mir das egal. Aber über die Jahre wurde mein Anspruch gegen mich selbst immer spezieller, und letztendlich wollte ich nicht hinnehmen, dass ich es nicht mehr schaffe, etwas zu schreiben, was mir selbst gefällt. Diese Phase ging bestimmt über zwei Jahre. Im Nachhinein hörte ich mir einige Songs nochmal an - und es ist wirklich cooles Zeug dabei! Aber damals saß ich davor und fragte mich: "Was soll ich jetzt damit? - Nix. Nächsten Song schreiben." Ich machte Blues, Funk, inzwischen sind sieben Titel für meine Rockplatte fertig ...

teleschau: ... die Sie ja schon seit langem immer wieder angekündigt haben ...

Al-Deen: ... und die ich 2016 wirklich veröffentlichen will. Komplett entkoppelt: Anderer Name, englischsprachig. Davon träume ich seit 20 Jahren. Trotzdem fand ich auch darin nicht mein Glück. Also blieb mir nichts anderes, als weiter dranzubleiben. Und dann fand ich endlich irgendwas, was mir auch musikalisch wieder ein gutes Gefühl gab. Also letztlich: Ja, Disziplin war auch wichtig.

teleschau: Mit der neuen Platte gab's eine Rückkehr zu Sony. Wie kam's?

Al-Deen: Naja ... (lacht) Vor allem liegt es daran, dass das letzte Label Konkurs ging. Ich tingelte also erst mal ein bisschen durch die Lande und konnte mit Freuden zur Kenntnis nehmen, dass ich noch Plattenverträge bekomme.

teleschau: Hatten Sie etwa sogar daran Zweifel?

Al-Deen: Nicht unbedingt daran, dass ich überhaupt einen bekomme. Aber mit dem jetzigen Vertrag bin ich sehr zufrieden. Das hätte auch anders laufen können, meine letzte Platte lief ja nicht so gut, und was das für den Marktwert bedeutet, wissen wir alle. Entscheidend war für mich aber vor allem, dass das Team gestimmt hat. Manfred Rolef, der Chef des Unterlabels, bei dem ich jetzt bin, sah mich auch bei Peter Maffay, da sprachen wir ein paar Mal. Da hatte ich einfach ein gutes Gefühl.

teleschau: Mit Peter Maffay singen Sie auch einen Song auf der Deluxe-Version des Albums. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Al-Deen: Peter Maffay hatte mich 2012 für Tabaluga angefragt, wo ich ein paar Gastauftritte hatte. Danach lud er mich auf seine Tour ein, wo ich mit seiner Band drei, vier meiner Songs spielte. Nicht zuletzt, weil sein Gitarrist mein Produzent ist, ergab sich diese Brücke.

teleschau: Was verbindet Sie beide?

Al-Deen: Die Kraft, die aus der Musik kommt - wieder. Bei ihm gab es ja auch die eine oder andere Schaffenskrise im Verlauf der Karriere. Ich bin nicht der größte Maffay-Fan, aber ich schätze ihn als Sänger und dafür, wie er an bestimmte Dinge herangeht und wie er mit Menschen umgeht. Und er steht wohl auch auf meinen Gesang und das Drumherum, das ich so veranstalte.

teleschau: Eine andere "Sängerfreundschaft", wenn man das so pauschal sagen kann, verbindet Sie mit dem ebenfalls aus Mannheim stammenden Xavier Naidoo. Der stand ja kürzlich erst in der Kritik, weil er bei einer Veranstaltung einer rechtsgerichteten Gruppe auf der Bühne stand. Sie haben ihn ein Stück weit in Schutz genommen ...

Al-Deen: Es ging mir nicht so sehr darum, ihm den Rücken zu stärken. Aber ich las in den ersten zwei Tagen danach mehrfach, dass man Xavier rechte Tendenzen unterstellt. Und das finde ich anmaßend. Dass er die Aktion nicht komplett durchdacht hat, ist klar. Aber er hat zu bestimmten Dingen schon immer Position bezogen. Ich finde, das sollte man respektieren - gutheißen muss man es deshalb ja noch lange nicht. Aber man kann ihm keine rechten Tendenzen unterstellen, ohne mit ihm über das Thema gesprochen zu haben.

teleschau: Wie ist denn Ihr Verhältnis untereinander als Künstler, die aus der gleichen Stadt stammen?

Al-Deen: Wir haben kein besonders enges Verhältnis. Dazu, was er kann, muss ich nichts weiter sagen - das ist einfach ein Guter, musikalisch gesehen. Aber er machte immer sein Ding und ich meins. Klar kennt man sich, die Musikszene in Mannheim ist eben ein inzestuöser Haufen. (lacht) Zwischendurch wollten wir zwar immer mal wieder was zusammen machen, aber bisher ist es nie dazu gekommen. Ich habe mir lange überlegt, ob ich zu dem Thema überhaupt was sagen soll, aber gerade die Haltung der Stadt gefiel mir nicht so richtig gut. Direkt die Arme von sich zu strecken und ihn von sich zu weisen ... ich verstehe, warum man das tut, aber besonders gut finde ich's nicht.

teleschau: Noch einmal zum Thema Mut: Was erfordert für Sie mehr Mut: Mit einem neuen Programm vor unbekanntem Publikum auf die Bühne zu treten oder ein Album zu veröffentlichen und auf die Reaktionen zu warten?

Al-Deen: Letzteres, ganz klar. Ich erinnere mich daran, dass wir mal in Bochum auf einem Stadtfest spielten. Der Veranstalter war fast am Heulen, als wir Stühle auf die Bühne stellten und erklärten, dass wir jetzt ein Live-Akustik-Set spielen werden. "Aber ihr könnt doch nicht mit so nem Kunstkram anfangen!" Aber wir bewiesen, dass es klappt. Wie dagegen jetzt das Album laufen wird ... keine Ahnung. Ich habe zwar bisher gutes Feedback bekommen, aber es ist schon ein Stück mehr Striptease als sonst. Dementsprechend bin ich auch nervöser.

teleschau: Wofür haben Sie bisher im Leben am meisten Mut gebraucht?

Al-Deen: Der Heiratsantrag an meine Frau und die Entscheidung für die Musik. Ich hatte ja schon angefangen, Soziologie zu studieren und eine Ausbildung zu machen, um meinen Eltern gerecht zu werden. Als ich mich zur Musik entschlossen hatte, haben sich einige Leute lächelnd abgewendet. Aber erst dadurch ergaben sich überhaupt ganz neue Möglichkeiten. Und was den Heiratsantrag angeht ... so etwas sollte auch gar nicht zu einfach sein. Wenn man's wirklich ernst meint, ist das ein großer Schritt.

teleschau: Letztlich waren aber beide Entscheidungen die richtigen, oder?

Al-Deen: Jaaa! Aber sowas von! (lacht) Ist eben alles gut gegangen.

Laith Al-Deen auf Deutschland-Tournee:

13.01., Lüneburg, Vamos! Kulturhalle

15.01., Kiel, Max

16.01., Berlin, Columbiahalle

17.01., Leipzig, Haus Auensee

19.01., Hamburg, Große Freiheit

20.01., Bremen, Pier 2

21.01., Hannover, Capitol

22.01., Bielefeld, Ringlokschuppen

24.01., Dillingen, Lokschuppen

25.01., Frankfurt, Batschkapp

26.01., Stuttgart, Theaterhaus

28.01., Bochum, Zeche

29.01., Köln, Live Music Hall

31.01., Karlsruhe, Festhalle Durlach

01.02., Mannheim, Capitol

04.02., München, Muffathalle

05.02., Nürnberg, Rockfabrik

Quelle: teleschau - der mediendienst