My Old Lady

My Old Lady





Erbe mit besonderer Dreingabe

Das französische Konzept der Rente viageré trägt im Deutschen nicht nur den sperrigen Namen Immobilienleibrente, sondern ist für Nicht-Franzosen zunächst auch schwierig zu verstehen. Dabei zahlt der Käufer einer Wohnung oder eines Hauses dem zumeist älteren Eigentümer nicht nur den Kaufpreis, sondern sichert ihm zugleich eine lebenslange Rente und Wohnrecht bis zum Tode zu. Schwierigkeiten, diese tradierte Vereinbarung zu akzeptieren hat in der Komödie "My Old Lady" auch der verarmte New Yorker Mathias Gold (Kevin Kline), der von seinem Vater ein hübsches Apartment mitten in Paris geerbt hat. Doch die Freude des familienlosen Miesepeters über die Ertrag versprechende Immobilie hält nicht lange an: In der Wohnung wartet die 92-jährige Mathilde und fordert ein, was ihr zusteht.

Denn die kluge alte Dame, von der brillanten Maggie Smith reizend bourgeois verkörpert, schloss bereits vor Jahren mit Mathias' Vater Max Gold (nicht zu verwechseln mit dem nur hierzulande bekannten Satiriker) eine Immobilienleibrente ab. Neben 2.400 Euro monatlich verlangt die vornehme Britin, ihre erhabene Stadtbleibe samt Garten bis an ihr Lebensende weiter bewohnen zu dürfen. Ein Schock für den abgehalfterten Ex- und Nun-wieder-Alkoholiker Mathias, der von einem einnehmenden Kevin Kline eine gute Dosis Unmut und schwarzen Humor verliehen bekommt.

Kaum ist der erste Ärger über die ungewollte Mitbewohnerin verflogen, rechnet er eifrig aus, wie lange es dauert, bis die Anfangneunzigerin das Zeitliche segnet - und konsultiert zu diesem Zweck wenig feinfühlig gar deren Ärztin. Doch es ist natürlich abzusehen: Die geschmackvolle Rentnerin denkt gar nicht daran, dem dahergelaufenen Ami durch ihr Ableben einen Gefallen zu tun. Und dann ist da auch noch Mathildes Tochter Chloé (wie immer hinreißend lakonisch: Kristin Scott Thomas), die in ihrer enormen Zanksucht Mathias in nichts nachsteht und ihm entsprechend herausfordernd begegnet.

Das herausragend besetzte Dreiergespann Smith-Kline-Thomas schafft es dann mit seinen Provokationen, Bissigkeiten und Rechthabereien auch, "My Old Lady" zu einer düster humorvollen, wahnsinnig charmanten und dennoch unaufgeregten Generationenkomödie zu machen. Vielleicht auch gerade weil es natürlich liebenswert vorhersehbar ist, dass die drei Sturköpfe mit der Zeit mehr verbindet, als nur der Streit um ein Apartment. Denn da werden alte Beziehungskisten ausgepackt und neue gezimmert, Sehnsüchte und vergessenes Leid erstehen wieder auf und plötzlich ist Mathilde nicht mehr nur die liebenswerte alte Dame, auf deren Tod man wartet, sondern eine Persönlichkeit mit Fehlern, ein Individuum, dessen aufregendes Leben zwar Vergangenheit, aber nicht minder real ist.

Hier merkt man "My Old Lady" im positivsten Sinne an, dass das Drehbuch von dem erfolgreichen Theaterautor Israel Horovitz stammt. Horovitz, im Übrigen der Vater des Beastie-Boys-Mitglieds Adam, adaptierte für seine erste Spielfilm-Regiearbeit sein gleichnamiges Bühnenstück. Wie eine Theateraufführung mutet das Drei-Personen-Werk dann auch an, immer etwas abseitig und plakativ, als Charakterspiel zwischen Sarkasmus und Selbstmitleid, Trauer und Humor. Letztlich gelingt das Horovitz in den bitteren bis dunklen Momenten von "My Old Lady" besser als in den klischeebehafteten Parismomenten.

Quelle: teleschau - der mediendienst