Martina Gedeck

Martina Gedeck





Die Präzision des Blicks

Vor vier Jahren starb die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig, die mit ungewöhnlichen Methoden gegen die Gewalt in den Gettos kämpfte. Heisigs Buch "Am Ende der Geduld" wurde zum Bestseller. Nicht nur, aber auch weil seine Autorin vor der Veröffentlichung Selbstmord beging. Oder war es doch Mord? Ein präzise der Realität abgeschauter Film, der genauso heißt wie Heisigs Buch, analysiert am Mittwoch, 19. November (20.15 Uhr, ARD), auf atemberaubende Weise Zustände und Szene in deutschen Migrantengettos wie Berlin-Neukölln. Mit Martina Gedeck als Richterin fand das ARD-Drama eine kongeniale Hauptdarstellerin für einen der besten Fernsehfilme des Jahres.

teleschau: Was war Ihre größte Angst bei diesem Projekt?

Martina Gedeck: Meine größte Angst bei jedem Film über eine reale Person ist stets, dass ich ihr nicht gerecht werde. Vor allem, wenn ich sie selbst nicht kannte. Das Material, das man zu einem Menschen bekommen kann, ist immer nur ein Annäherungswert. Ich hatte zum Beispiel Angst, dass sie zu nett wird. Dass so etwas wie eine Idealisierung passiert. Dies hätte mir persönlich nicht gefallen.

teleschau: Hat sich diese Angst aufgelöst?

Gedeck: Ja, auf jeden Fall. Mein Wunsch war, dass wir wirklich eng an der eigentlichen Arbeit einer Richterin dran bleiben, dass alles authentisch ist. Dieser Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Der Film ist sehr gut recherchiert.

teleschau: Was ist für Sie das Besondere an der Arbeit eines Richters?

Gedeck: Diese natürliche Autorität bei einer scheinbar unspektakulären Tätigkeit. Und das Aufspüren der Wahrheit. Der Richter muss die Fähigkeit haben, die Wahrheit herauszufinden und ein gerechtes Strafmaß zu verhängen. Ich fand es ungemein interessant, eine Richterin zu spielen.

teleschau: Ihr Film erzählt die Geschichte der Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig. Warum steht im Abspann trotzdem, "Das Ende der Geduld" sei eine fiktive Geschichte?

Gedeck: Das hat mit Persönlichkeitsrechten zu tun. Hätten wir einen Film über Maria Stuart gemacht, es hätte wohl niemanden interessiert, ob alles historisch hundertprozentig korrekt ist. Erzählt man jedoch eine aktuelle, wahre Geschichte, ist es etwas anderes - auch weil wir uns mitunter im Bereich der Spekulation bewegen. Es weiß ja keiner, was Kirsten Heisig in der ein oder anderen Szene getan hat. Ob es diesen Moment so tatsächlich gegeben hat. Der Film erzählt ja eine Art Plot und ist natürlich ein Stück weit fiktiv.

teleschau: Sie haben zuletzt viele weiche, impressionistische Charaktere gespielt. Frauen, die ihre Umwelt in sich aufsaugen. Zuletzt beispielsweise in "Die Wand". Bedeutet eine solche Rolle eine andere Art der Vorbereitung?

Gedeck: Ja, das ist ein ganz wichtiger Punkt. Corinna Kleist, wie sie im Film heißt, ist eine eher extrovertierte Person. Eine Frau, die die Dinge selbst in die Hand nimmt. Sie beißt die Leute auch mal weg, wenn es sein muss. Es war, wie im übrigen eigentlich immer, ein von innen nach außen spielen. Dazu kommt das ganze juristische Fachvokabular, das mit einer großen Selbstverständlichkeit aus ihr herausperlen muss. Ich habe mir diese Sprache allerdings sehr schön abgucken können von drei Richtern, die ich im Gerichtssaal beobachten durfte. Das ganze Umfeld dort habe ich selbst erleben können. Für den Film, den wir machen wollten, war das ganz wichtig.

teleschau: Sie saßen also "undercover" in einem echten Jugendgericht?

Gedeck: Sozusagen. Ein Kollege von Kirsten Heisig begleitete mich, Jörg Hartmann und Christian Wagner, den Regisseur des Films, bei diesem Projekt. Er zeigte uns alles, was wir wissen mussten. Ich habe sehr viel mit ihm gesprochen. Er erklärte mir alles, was die Arbeit eines Richters ausmacht und nahm mich auch in die Verhandlungen mit. Das war im Jugendgericht Moabit, wo Kirsten Heisig tatsächlich auch gearbeitet hat. Ich war in ihrem Richterzimmer und saß in den Gerichtssälen, in denen sie ihre Urteile fällte.

teleschau: "Das Ende der Geduld" ist ein verblüffend realistisch wirkender Film. Waren die echten Verhandlungen tatsächlich so, wie man das im Film sieht?

Gedeck: Ja, Christian Wagner hat wirklich sehr viel Zeit in Gerichtssälen verbracht. Natürlich kann man Verhandlungen nicht eins zu eins in Filmszenen wiedergeben, aber in der Anmutung kommt das schon hin. Die Jugendlichen sind oft sehr verschlossen. Ich hatte Mitgefühl mit den Jugendlichen, viele von ihnen sind fast noch Kinder.

teleschau: Woran liegt es, dass die Jugendlichen auf die schiefe Bahn geraten sind?

Gedeck: Man merkt, dass sie niemanden haben, der ihnen hilft, der sich um sie kümmert. Gerade deshalb empfinde ich die Richter als ungemein positive Menschen. Sie arbeiten wirklich an der Front und können auch eine Menge direkt bewirken, ganz anders als wir Schauspieler. Ich bin froh, dass sich der Film oft im Gerichtssaal bewegt, dass man von der Arbeit dieser Leute viel mitbekommt.

teleschau: Kirsten Heisig ist nun vier Jahre tot. Haben Sie an Ihrem Arbeitsplatz tatsächlich ein Vermächtnis gespürt?

Gedeck: Ihr Neuköllner Modell, das für schnelle Verfahren und Strafen steht, wurde eine Zeit lang in Berlin verfolgt, auch wenn es nun wieder etwas in den Hintergrund geraten ist. Die Ausweitung dieses Modells auf andere Bundesländer hat sich wohl juristisch als komplexer herausgestellt, als man gedacht hatte. Das Prinzip schneller Verhandlungen bei Jugenddelikten, das dazu dienen soll, den Jugendlichen ein direktes Feedback auf ihre Tat zu geben, kann wohl bei bestimmten Straftaten angewendet werden, bei anderen jedoch nicht.

teleschau: Der Film schildert die Zustände in den Migrantengettos auf komplexe, interessante Weise - aber er zieht auch ein eher trostloses Fazit. War Kirsten Heisigs Engagement unter dem Strich umsonst?

Gedeck: Umsonst war es nicht, dazu hat ihre Arbeit zu große Wellen geschlagen. In den juristischen Auswirkungen stecke ich nicht drin. Es ist offenbar ein längerer Prozess der Veränderung, der dort eingeleitet wurde. So etwas braucht immer mehr Zeit, als man sich das als Laie wünschen würde. Was sicherlich nicht umsonst war, ist ihr persönliches Wirken. Sie hat sehr viele Menschen, die sie kennengelernt haben, beeindruckt und verändert. Auch ihr Buch war erfolgreich und es wird immer noch gelesen. Sie ist ein Mensch, an den man sich erinnert.

teleschau: Haben Sie eine persönliche Meinung, wie man Jugendgewalt am effektivsten bekämpfen könnte?

Gedeck: Man müsste bei den Schulen ansetzen. Und das nicht nur im Sinne der Migrantenkinder. Die Kinder brauchen mehr Zeit und Aufmerksamkeit, keinen Leistungsdruck. Die Schule sollte es schaffen, dass sich Kinder interessieren und sich öffnen. Wenn ihre einzige Begegnung mit der westlichen Kultur die der Straße ist, bleiben sie in ihren eigenen Gettostrukturen. Dann gibt es keine Alternative für sie. Schule ist ja eigentlich etwas sehr Schönes. Jedes Kind will lernen, jedes Kind mag die Gemeinschaft. Wenn Schule oft schon recht früh für gegenteilige Gefühle sorgt, läuft etwas schief.

teleschau: Die meisten Darsteller waren Kinder und Jugendliche von der Straße. Haben diese Kids Ihre Meinung bestätigt?

Gedeck: Absolut. Man hat gesehen, wie begeisterungsfähig genau jene Klientel ist, die viele als nicht ansprechbar oder sogar grundsätzlich feindlich empfinden. Ich habe die Jugendlichen als sehr intelligent, hochmotiviert und tatendurstig erlebt. Es hat großen Spaß gemacht, mit ihnen zu spielen.

teleschau: Ihr Film schafft etwas, woran viele andere scheitern: die Authentizität der Straße herzustellen. Wie gelingt so etwas?

Gedeck: Dem Regisseur Christian Wagner war dieser Punkt ungemein wichtig. Deshalb hat er die Jugendlichen fast alle von der Straße genommen. Und er hat ihnen erlaubt, so zu sein wie sie sind. Er zwang sie nicht in irgendwelche Verhaltensweisen hinein, sondern ist mit dem gegangen, was von den jungen Leuten kam. Das schafft ganz viel von der Atmosphäre.

teleschau: Der Film läuft im Rahmen der ARD-Themenwoche "Toleranz". Ist es nicht ein provokanter Widerspruch, dass man da von einer Richterin erzählt, die für deutlichere Strafen plädiert?

Gedeck: Nun, auf der anderen Seite ging es immer auch darum, die beiden Kulturkreise auszusöhnen. Kirsten Heisig wollte, dass man sich gegenseitig in die Augen schauen kann. Dass man sich nicht nur toleriert, sondern anerkennt und respektiert.

teleschau: Es gibt Fachleute, die den im Film geschilderten Kampf der Kulturen in Frage stellen. Manche Statistiken zeigen, dass deutsche Jugendliche aus ähnlichen sozialen Verhältnissen ebenso oft straffällig werden. Insgesamt soll die Jugendkriminalität in Deutschland gar rückläufig sein ...

Gedeck: Natürlich wird Jugendkriminalität von Migrantenkindern oft vereinfacht und sehr emotional diskutiert. Die Feinheiten des Themas bleiben dabei oft auf der Strecke. Dazu kommt, dass sich viele Menschen in unserer Gesellschaft chronisch bedroht fühlen, das ist allerdings nichts Neues. Es gibt dieses Gefühl in Europa immer wieder, seit Hunderten von Jahren. Spätestens seit 9/11 ist es auch in den USA sehr präsent. Die IS, die zurzeit ihre Kalifate ausdehnt, trägt zur Verstärkung dieses Gefühles natürlich ungemein bei.

teleschau: Aber wie kommt man aus diesem Dilemma heraus?

Gedeck: Die Politik sollte sich noch intensiver mit der Thematik beschäftigen., Die Probleme sind zu massiv, um die Augen davor zu verschließen und die Gettos sich selbst zu überlassen. Dasselbe gilt für die Flüchtlinge, die zu uns ins Land kommen. Das Thema Flucht wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch an Bedeutung gewinnen. Wir müssen uns der Sache stellen. Es ist nicht möglich, dass wir unser Leben im Wohlstand unberührt von diesen Dingen führen.

teleschau: Um den Tod von Kirsten Heisig gab es viele Spekulationen. Die meisten sagen, es war Selbstmord. Aber auch die Mordtheorie ist noch nicht völlig vom Tisch.

Gedeck: Ich selbst bin in dieser Hinsicht nicht in die Recherche eingestiegen. Denn ich finde es eigentlich nicht so wichtig. Fest steht, dass am Ende ihres Lebens eine Form von Gewalt stattgefunden hat, und das ist schlimm und traurig, so oder so, und es hat uns damals vor vier Jahren alle bewegt und verstört. Trotzdem musste sich der Film natürlich zu dieser Frage verhalten. Christian Wagner sagte mir, dass er die Meinung der Angehörigen und Kollegen teilt, die davon ausgehen, dass es Selbstmord war. Auch, dass er dieser Sichtweise mit dem Film folgen wollte. Trotzdem werden wir es nie wirklich wissen. Warum man jemanden trotz intensiver Suche fünf Tage lang im Tegeler Forst nicht findet - da muss ich zugeben, dass ich das selbst nicht ganz nachvollziehen kann. Aber es soll möglich sein.

Quelle: teleschau - der mediendienst