Famke Janssen

Famke Janssen





Mein seltsamer Körper

Famke Janssen, ehemaliges Topmodel der New Yorker Agentur "Elite", galt lange Zeit als eine der schönsten Frauen der Welt. Mitte der 90-er tauschte sie Laufsteg und Foto-Sessions gegen die Schauspielerei. Zu diesem Zeitpunkt hatte die intelligente Niederländerin bereits ein Literaturstudium in der Tasche. Seit sie im Bond-Film "Goldeneye" als eindrückliche Killerin Xenia Sergeyevna Onatopp beeindruckte, ist Famke Janssen, die am 5. November 50 Jahre alt wird, ein fester Bestandteil des US-Kinos. Sie spielte in Blockbustern wie "X-Men", aber auch in ambitionierten Autorenfilmen von Robert Altman oder Woody Allen. Nun kann man die in New York lebende Schauspielerin und Autorin in einer von Genre-Fans heiß geliebten Netflix-Serie bewundern. In "Hemlock Grove" von Horror-Großmeister Eli Roth ("Hostel") spielt Famke Janssen das Oberhaupt einer Biotech-Unternehmerfamilie, das von seltsamen "Körperphänomenen" umgeben ist.

teleschau: Was hat Sie an "Hemlock Grove" interessiert?

Famke Janssen: Oh, das waren unterschiedliche Dinge. Grundlage für die Serie ist ein Roman, der eine bizarre, seltsame Welt aus dem Boden stampft. Ich hatte ein Treffen mit den Produzenten und Regisseur Eli Roth, bei dem sie irgendwann sagten: 'Weißt du, die Serie ist so ein bisschen wie "Twin Peaks". Von diesem Moment an mussten sie nicht mehr viel Überzeugungsarbeit leisten. Ich bin einer der größten Fans von "Twin Peaks". David Lynchs TV-Serie ist für mich eines der wichtigen Kunstwerke des 20. Jahrhunderts.

teleschau: Wo sehen Sie Gemeinsamkeiten zwischen "Twin Peaks" und Ihrer neuen Serie?

Janssen: Es ist diese Mischung aus typisch amerikanischem, kleinstädtischem Setting, in die eine seltsame Art von Horror einbricht. Dazu kommt dieser seltsame, künstlerische Look. Auch "Hemlock Grove" ist anders entstanden, als es für Serien üblich ist. Die ganze Optik des Films basiert auf Fotos eines visuellen Künstlers. Das ganze Produktionsdesign der Szenen richtet sich nach dieser düsteren Ästhetik. Die ganze Serie ist einfach sehr gut ausgedacht und gefilmt.

teleschau: Transportiert "Hemlock Grove" neben dem besonderen Look auch eine interessante Geschichte?

Janssen: Ich finde, ja. In der ersten Staffel geht es vor allem um das Monströse in uns. Viele Charaktere haben mit ihrer Andersartigkeit zu tun. Meine Serientochter Shelly ist physisch deformiert, sie hat riesige Augen und ist unglaublich groß. Das macht sie zu einem Außenseiter der Gesellschaft, ja zu einem Monster in der Tradition Frankensteins. Gleichzeitig ist sie aber auch ein sehr sensibler Mensch. Ein anderer Charakter ist gefangen in seinem Dasein als Werwolf, dabei ist er ein unglaublich netter Kerl. Und dann gibt es noch Figuren, die scheinen äußerlich ganz normal, aber sie tun monströse Dinge. "Hemlock Grove" erzählt von dieser Korrespondenz zwischen Monster und Mensch.

teleschau: In den letzten Jahren sieht man immer mehr Hollywood-Stars wie Sie plötzlich in Serienformaten. Wie kam es dazu?

Janssen: Das Gesicht Hollywoods hat sich ziemlich verändert. Mittlerweile werden dort vorwiegend große Special-Effect-Blockbuster produziert. Abenteuerfilme, die sich an eine klar definierte Zielgruppe wenden: Jugendliche, vorwiegend männlich. Diese Entwicklung ist für alle ambitionierten Filmemacher ziemlich frustrierend. Selbst Steven Spielberg oder Steven Soderbergh machen mittlerweile Fernsehen. Die Cohen-Brüder oder Woody Allen haben Glück, dass sie immer noch ihre Projekte finanziert bekommen. Der Trend läuft ganz klar gegen diese Art von Kino. Für uns Kreative ist das natürlich ein großes Problem. Glücklicherweise hat sich im Fernsehen und mit Netflix eine spannende Alternative aufgetan.

teleschau: Sind Serien nur ein kreativer Notausgang oder wurde damit nicht auch ein neues Kapitel des fiktionalen Erzählens aufgeschlagen?

Janssen: Oh, es ist auf jeden Fall mehr als ein kreativer Notausgang. Wir sind heute in der Lage, Filme von zehn Stunden Länge zu drehen. Der Zuschauer entscheidet, in welcher Dosierung er sich das Ganze anschaut. Man muss nicht mehr mit Cliffhangern, Werbepausen und sonstigem planen. Andererseits sollte eine Serie sowohl als zehnstündiger, aber auch als einstündiger oder dreistündiger Film funktionieren. Die Regeln der Dramaturgie gelten auch für das neue Fernsehen, wie es Netflix und andere in unsere Wohnzimmer bringen.

teleschau: Sie haben in Ihrer Karriere viele Rollen gespielt, die sich mit der Transformation des Körpers beschäftigen: "X-Men", dann einen Transsexuellen in der Serie "Nip/Tuck" und "Hemlock Grove". Fühlen Sie sich von solchen Stoffen angezogen?

Janssen: Nein. Vielleicht hat das mit meiner ersten großen Rolle im James-Bond-Film "Goldeneye" Mitte der 90-er zu tun. Damals spielte ich einen weiblichen Killer, der dazu bizarre Dinge mit seinem Körper anstellte. Vielleicht hat das andere Filmemacher dazu inspiriert, dass sie mich ebenfalls seltsame Dinge mit meinem Körper anstellen ließen (lacht).

teleschau: Hat Sie diese Körperfixiertheit nicht irgendwann genervt?

Janssen: Ja, manchmal schon. Man hat in mir oft das Übernatürliche, Bizarre gesehen. Das perfekte Wesen mit seltsamen Fähigkeiten. Tatsächlich bin ich aber privat ziemlich normal und bodenständig. Ich habe auch versucht, gegen dieses Image zu arbeiten. Machte Art House-Filme mit Woody Allen und Robert Altman - um jetzt wieder zu diesem alten Famke-Janssen-Image zurückzukehren (lacht). Irgendwie möchten die Leute mich gerne als bizarren Charakter sehen.

teleschau: Haben Sie eine Erklärung dafür?

Janssen: Als Holländerin bin ich immer noch eine Fremde in den USA. Es gibt dort diese Tradition, dass europäische Schauspieler die Mörder und seltsamen Vögel spielen. Auch für uns Frauen gilt dieses Klischee. Wir sehen anders aus und reden mit einem seltsamen Akzent. Man hätte mich niemals als typisches amerikanisches Mädchen von nebenan besetzt. Das war mir von Anfang an klar. Die Sache hat jedoch auch Vorteile. Fremde oder Außenseiter zu spielen, ist alles andere als langweilig.

teleschau: Haben Sie denn überhaupt noch einen hörbaren einen Akzent?

Janssen: Ich weiß es ehrlich gesagt selbst nicht. Manche Amerikaner sagen, ich hätte keinen Akzent. Manche behaupten, bei mir eine Sprachfärbung zu hören. Vielleicht aber auch nur deshalb, weil sie wissen, dass mein Name Famke Janssen ist (lacht). Ich weiß, wenn ich wütend oder aufgeregt bin, dann hört man den Akzent deutlicher als sonst.

teleschau: Immerhin sind Sie keiner dieser europäischen Schauspieler, die in Hollywood immer den russischen Killer oder sonstige Ausländer-Klischees bedienen müssen. Sie verkörpern oft Amerikanerinnen.

Janssen: Ja, das stimmt. Da habe ich Glück. Diese Klischees sind ziemlich seltsam. Ich habe seit "Goldeneye" öfter mit Sean Bean gedreht. Ein britischer Schauspieler, der aus irgendeinem Grunde ständig als russischer Killer und Bösewicht besetzt wird und am Ende eines jeden Films erschossen wird (lacht). Nun gut, auch ich wurde oft umgebracht. Aufgrund meiner außergewöhnlichen Fähigkeiten bin ich jedoch auch zahlreiche Male auferstanden (lacht).

teleschau: Kommen Sie noch öfter in die Niederlande und nach Europa?

Janssen: Oh, ja. Meine Familie lebt in Holland, ich besuche sie oft. Jede freiwillige Reise, die ich unternehme, führt nach Europa. Ich liebe Italien und natürlich Holland. Auch Paris und Berlin gehören zu meinen Lieblingsorten auf der Welt. Ich nutze jede Gelegenheit, um hierher zu kommen.

teleschau: Sie arbeiten jedoch nur in den USA, nie in Europa - oder?

Janssen: Ich würde es lieben, in Europa zu arbeiten. Aber es ist nun mal so, dass ich in Amerika angefangen habe und dort vernetzt bin. Würde ich in Europa arbeiten wollen, müsste ich wieder bei Null anfangen. Darauf habe ich keine Lust. Weil ich weiß, wie hart es ist, neu anzufangen.

teleschau: Was macht Famke Janssen in ihrer Freizeit?

Janssen: Ich schreibe vor allem. Drehbücher und andere Sachen. Schreiben ist meine größte Leidenschaft. Zudem verbringe ich gerne viel Zeit mit meinem Hund. Ich laufe gern und liebe das Radfahren. Wenn ich in anderen Städten drehe, leihe oder kaufe ich mir meistens ein altes, billiges Rad, um damit überall herumzufahren. So kann man eine Stadt ganz anders entdecken. Auch als ich mal in Berlin drehte, habe ich mir auch hier ein Rad gekauft. Und ach ja, ich mache gerne Zumba.

teleschau: Diesen Fitness-Tanz?

Janssen: Genau, ich bin abhängig davon. Etwa ebenso abhängig wie von Schokolade. Wenn ich irgendwo arbeite, schaue ich immer, wo es frei zugängliche Zumba-Kurse gibt, und dann radele ich da einfach hin und probiere mein Glück. In Berlin ist mir allerdings mal etwas Skurriles passiert, denn ich landete auf einmal in einem geriatrischen Zumba-Kurs. Außer mir waren nur Bewohner eines Altenheimes in der Stunde. Das Durchschnittsalter lag so um die 85 Jahre. Ich glaube, die Senioren, der Trainer und ich - wir haben alle ziemlich komisch aus der Wäsche geschaut während dieser sehr langsamen Sportstunde (lacht).

teleschau: Machen Sie solche Unternehmungen incognito - mit Mütze und Sonnenbrille?

Janssen: Nein, das ist nicht nötig. Ich lebe ein sehr normales Leben. Ich habe nie als "Celebrity" gelebt. Ich "date" keinen bekannten Schauspieler oder andere Stars. Ich gehe kaum zu Partys. Ich lasse die Finger von sozialen Netzwerken. Wenn man das ganze Drumherum weglässt, kann man auch als bekanntere Schauspielerin ein ruhiges Leben führen. Es gibt in meinem Alltag nichts, was sich zum Ausschlachten in der Klatschpresse eignen würde. Wenn sich Paparazzi vor meine Haustür stellen würden, bekämen sie immer nur das eine Motiv von mir, wie ich mit meinem Hund Gassi gehe. Wie viele Bilder dieser Art kann man als Fotograf verkaufen? Wen soll das interessieren? Nein, ich führe ein für die Öffentlichkeit sehr langweiliges Leben.

teleschau: Und der Jet Set hat Sie nie interessiert, auch nicht zu Beginn ihrer Karriere?

Janssen: Nein, früher machte er mir Angst. Heute stört er mich bei dem, was ich wirklich gerne tue. Zum Beispiel ins Museum gehen oder eben in Ruhe Rad fahren. Einmal, als ich "Goldeneye" drehte, wurde ich von Paparazzi verfolgt. Diese Erfahrung war so lehrreich für mich, dass ich mich von da an von allem fern gehalten habe, was ein solches Interesse an meiner Person auslösen könnte.

Quelle: teleschau - der mediendienst