Pinar Atalay

Pinar Atalay





"Machen Sie auch Gartenpartys?"

Es trifft sich mit dem Zweck der ARD-Themenwochen, dass das jeweils ausgerufene Motto ein möglichst breites Publikum anspricht. "Toleranz" also - ein Thema das "jeden angeht". So sehen es die obersten Verantwortlichen der Programmanstalt, allen voran der federführende BR-Intendant Ulrich Wilhelm, und so sieht es auch Pinar Atalay. Dem Eindruck, dass vor allem ihr türkischer Migrationshintergrund sie zu einer idealen "Patin" des Projekts macht, tritt sie jedoch entschieden entgegen, noch bevor man Gelegenheit hätte, sie mit in einem solchen Eindruck überhaupt zu konfrontieren. Pinar Atalay, 36 Jahre alt, geboren in Lemgo, möchte als das wahrgenommen werden, was sie von Berufs wegen ist: Vertretungsmoderatorin der "Tagesthemen" und Moderatorin des Wirtschaftsmagazins "Plusminus". Und eben "Patin" der ARD-Themenwoche "Toleranz": Vom 15. bis 21. November stehen die Programmangebote der ARD-Sender in Fernsehen, Hörfunk und Internet unter dem Motto: "Anders als du denkst".

teleschau: Frau Atalay, Sie werben als Patin der aktuellen ARD-Themenwoche für Toleranz. Haben Sie die in Ihrem Leben schon mal bei Ihren Mitmenschen vermisst?

Pinar Atalay: Ich glaube, dass jeder Mensch in seinem Leben vom Thema Intoleranz betroffen ist. Egal wo er herkommt, wie er aussieht, was er macht. Man kann ganz schnell zum Außenseiter werden, in der Schule, in der Familie, im Beruf. Natürlich wurde auch ich in meinem Leben mit Intoleranz konfrontiert, doch das hatte selten mit meinem Migrationshintergrund zu tun.

teleschau: Warum ist es Ihnen so wichtig, das zu betonen?

Atalay: Weil es nicht nur um meinen Migrationshintergrund geht. Ich bin ja eine ganze Person mit vielen Facetten ...

teleschau: Die gleichwohl eine spezielle Geschichte hat.

Atalay: Natürlich. Aber die erlebte ich als sehr normal. Ich wuchs in einem sehr kleinen Ort in Ostwestfalen-Lippe auf, im Extertal in Bösingfeld. Dort gab es nur eine Grundschule, und auf die sind alle Kinder gegangen. Einige stammten aus Italien, andere aus dem damaligen Jugoslawien. Die türkische Herkunft meiner Eltern und mein Aussehen spielten deshalb kaum eine Rolle: Ich war nicht "anders". Im Gymnasium war die Situation ähnlich.

teleschau: Fühlten sich Ihre Eltern auch so gut integriert?

Atalay: Bei ihnen war das sicher anders. Sie kamen Anfang der 70-er ins Land und sprachen zunächst kein Wort Deutsch. Aber sie hatten viele deutsche Nachbarn, die ihnen halfen. Auch ihre Arbeitskollegen haben ihnen geholfen. Dennoch hatten sie mit mehr Ressentiments zu kämpfen als ich.

teleschau: Zum Beispiel?

Atalay: Es war schwierig für sie, eine Wohnung zu finden. Die Vermieter fragten: "Mit wie vielen Leuten ziehen Sie denn ein?" - Darauf antworteten meine Eltern: "Zu viert", es waren ja nur sie und zwei Töchter. Dann wurden sie gefragt: "Wie viele kommen denn noch nach?" und: "Machen Sie auch Gartenpartys?" Meine Eltern waren völlig irritiert. Sie wurden mit einem Klischeebild der türkischen Großfamilie konfrontiert, dem wir überhaupt nicht entsprachen. Trotzdem haben sie sich immer in Deutschland wohlgefühlt. Dafür haben Sie allerdings auch etwas getan.

teleschau: Sie meinen, sie hatten den Willen, sich zu integrieren?

Atalay: Es ist ein beiderseitiges Geben und Nehmen. Meine Eltern waren offen für ihr neues Zuhause. Ich durfte zum Beispiel Weihnachten und Ostern feiern, obwohl es das bei uns eigentlich nicht gab. Aber sie wollten, dass ihr Kind mitbekommt, wie so ein Weihnachtsfest abläuft. Solche Dinge sind wichtig. Dass beide Seiten aufeinander zugehen.

teleschau: Ist die Gesellschaft in Deutschland über die letzten Jahrzehnte gesprächsbereiter und toleranter geworden?

Atalay: Ich glaube schon. Vor 50, 60 Jahren glaubten viele, die sogenannten "Gastarbeiter" gehen irgendwann wieder. Heute haben die meisten akzeptiert, dass sie gekommen sind, um zu bleiben. Insofern hat sich die Gesellschaft durchaus zu mehr Offenheit entwickelt, und Menschen mit ausländischen Wurzeln sind Teil dieser Gesellschaft.

teleschau: Erleben Sie sich bisweilen selbst als intolerant und vorurteilbehaftet?

Atalay: Manchmal passiert es, dass ich eine Person sehe und sie gleich in eine Schublade packe, ohne sie näher zu kennen. Dann kommt man ins Gespräch und stellt verblüfft fest: Der ist ja ganz anders als du denkst! Deshalb plädiere ich dafür: Ohren und Augen öffnen und sich nicht in Vorurteilen verstricken! Aber natürlich ist niemand 100-prozentig tolerant. Das ist vielleicht auch gar nicht wünschenswert.

teleschau: Warum?

Atalay: Weil man dann Dinge auch nicht mehr hinterfragt. Es ist wichtig zu reflektierten. Toleranz soll nicht bedeuten, dass man passiv ist. Für mich ist das ein aktiver Vorgang, sich mit Menschen und Sachverhalten auseinanderzusetzen. Und natürlich gibt es Grenzen der Toleranz.

teleschau: Als "Tagesthemen"-Moderatorin befassen Sie sich täglich und intensiv mit Krisen und Konflikten. Geht es Ihnen auch so, dass Sie die aktuelle Nachrichtenlage als besonders erschütternd wahrnehmen?

Atalay: So extrem wie jetzt habe ich es selbst auch noch nicht erlebt. Es ist Wahnsinn, was die Welt in diesem Jahr erlebt. Der Ukrainekonflikt, Ebola in Afrika, der IS-Terror. Die Schreckensmeldungen hören gefühlt nicht auf.

teleschau: Wie gehen Sie emotional damit um?

Atalay: Das ist mein Job. Ich konzentriere mich aufs Professionelle: alle Gesichtspunkte dieser Konflikte und Krisen für den Zuschauer verständlich aufzubereiten. Ich glaube, es gelingt uns bei den "Tagesthemen" aktuell sehr gut, den Zuschauern ein differenziertes Bild zu vermitteln. Das ist sehr wichtig: Denn Informiertheit beugt irrationaler Angst und Panik vor.

Quelle: teleschau - der mediendienst