Mommy

Mommy





Pulverfass Kind

Xavier Dolan geht keine Kompromisse ein: Ein Film dauert bei ihm so lange, wie der frankokanadische Regisseur es für richtig hält - mal handliche eineinhalb Stunden ("Sag nicht, wer du bist!"), mal sperrige 161 Minuten ("Laurence Anyways"). Die Schauspieler sprechen - oder besser gesagt fluchen - in einer außerhalb von Quebec unverständlichen Sprache, die selbst für Franzosen untertitelt wird. Und die Charaktere sind so oftmals so speziell, dass sie sich am Rande der Karikatur bewegten, würden sie von Dolans Stammschauspielern wie Anne Dorval und Suzanne Clémentnicht so grandios gespielt werden. All das führt dazu, dass Filme des mittlerweile 25-Jährigen immer ein Erlebnis darstellen - mal gehasst, mal geliebt. Seine fünfte Regiearbeit "Mommy", die in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde und Kanada im Oscarrennen vertritt, stellt da keine Ausnahme dar.

Eine der komplexesten menschlichen Beziehungen steht im Mittelpunkt von "Mommy". Mutter (Anne Dorval) und Sohn (Antoine-Olivier Pilon) bilden hier ein explosives Duo, wie man es so noch nicht auf der Leinwand gesehen hat. Er bezeichnet sie als "Schlampe" und "Miststück", sie schnauzt zurück. Gegenseitiges Anbrüllen gehört zum täglichen Umgang miteinander. Das strapaziert die Nerven bis aufs Äußerste und wäre unerträglich ohne die zärtlichen Momente, die von einer tiefen Verbundenheit der beiden erzählen.

Doch diese wird auf die ultimative Probe gestellt. "Stevie" hat nach dem Tod seines Vaters einige Heime für schwer erziehbare Kinder durchlaufen. Nun soll sich wieder seine Mutter Diane wieder um ihn kümmern. Sie ist die Einzige, die ihn bändigen kann. Seine Mommy stellt Steves letzte Chance auf eine glückliche Zukunft dar.

An fehlender Liebe wird diese Beziehung nicht scheitern, das sei schon mal verraten. Für seine Mutter würde der Junge, der sich auch als Mann im Haus sieht, alles tun. Seine Maßlosigkeit in allem - bei den positiven wie auch den negativen Gefühlen - stellen das Problem dar. Extreme Wut und für das Mobiliar und die Gesundheit gefährliche Gewaltausbrüche bringen Diane an den Rand dessen, was sie noch ertragen und sich leisten kann. Die Bekanntschaft mit der ängstlichen und stotternden Nachbarin Kyla (Suzanne Clément) durchbricht die Verhaltensmuster. Sie lebt trotz ihrer Familie ein einsames Leben und kämpft mit einem nicht näher erläuterten Trauma. Das Trio ergänzt sich auf seltsame Weise. Man speist, tanzt und singt zusammen. Das lässt Hoffnung auf ein besseres Leben aufkeimen.

"Mommy" stellt eine Art Wiedergutmachung an "die" Mutter an sich dar. In seinem ersten Film "I Killed My Mother" (2009) mutierte der damals noch keine 20 Jahre alte Regisseur zum cineastischen Mörder. Jetzt legt er seiner Hauptfigur Aussagen wie die von der Unendlichkeit der Mutterliebe zu ihrem Sohn ihn den Mund. Und doch geht es auch um eine Abnabelung, eine besonders brutale. Das eng gewählte Bildformat betont die Begrenztheit, der die Figuren in emotionaler und gesellschaftlicher Sicht ausgesetzt sind. Einmal öffnet es sich in einem Moment, der als frei und unbeschwert gezeigt wird.

Dann lässt Dolan seinen Steve die Leinwand aufschieben und dudelt Songs wie "Wonderwall" von Oasis oder Didos "White Flag". Songs vom Mixtape von Steves verstorbenem Vater, wird dazu erklärt - eine nachvollziehbare Begründung, aber auch ein bisschen billig. So wie die Entscheidung, die Figuren aus dem White Trash-Milieu Montreals kommen zu lassen. Die derbe Sprache, das sexualisierte Auftreten und der aufbrausende Charakter der Mutter sowie der zerstörerische ADHS-Antiheld Steve strengen dermaßen an, dass ein emotionales Anknüpfen schwer fällt. Was hätte zu Herzen gehen können, kommt hier wie eine Freakshow rüber - eine zugegebenermaßen sehr gut inszenierte und gespielte.

Quelle: teleschau - der mediendienst