Bevor der Winter kommt

Bevor der Winter kommt





Wo das Gejammer blüht

"Wissen Sie denn nicht, wo Sie leben?", fragt die Polizei Paul (Daniel Auteuil), einen angesehenen Mediziner. In der Tat haben die Beamten gerade Fakten vorgelegt, die Paul die Sprache verschlagen. Aber nicht dem Zuschauer. Der ist bei dem angeblichen Psychodrama schon vor einiger Zeit weggedämmert, hat den Titel "Bevor der Winter kommt" insgeheim in "Bevor der Schlaf kommt" unbenannt. Nun wird eine Wendung serviert, die ihn richtig umhauen und alles bis dahin Gesehene in einem anderen Licht erscheinen lassen soll. Doch der angesehene Filmemacher Philippe Claudel ("So viele Jahre liebe ich dich") steigert mit dem vermeintlichen Coup bloß die Unglaubwürdigkeit seines Streifens. "Wissen Sie denn nicht, was Sie gedreht haben?", möchte man ihn fragen.

In einem hübschen, aber nicht sehr sonnigen Winkel Frankreichs genießt Paul als Neurochirurg großes Renommée und kann einen exquisiten Lebensstil führen. Sein Freund und Kollege Gérard (Richard Berry), ein Psychiater, beneidet ihn um seine Frau Lucie (Kristin Scott Thomas), die für ihren schönen großen Garten gerühmt wird. Paul und Lucie haben einen erwachsenen Sohn, Victor (Jérôme Varanfrain), der ab und zu mit seiner Frau Caroline (Vicky Krieps) und Töchterchen Emma zu Besuch kommt. So weit, so geruhsam das Leben - und natürlich auch ein bisschen langweilig.

Eines Tages wird Paul in einem Café von der jungen marokkanischen Serviererin Lou (Leïla Bekhti) angesprochen. Er habe sie einmal operiert, als Kind, und ihr dabei so gut die Angst genommen. Paul bricht das Gespräch ab. Zu seiner Praxis, seinem Haus und der Klinik werden anonym rote Rosen gesandt, immer wieder. Paul ist nervös, vermutet eine unbekannte Verehrerin dahinter - und schließlich Lou, die sich als Studentin der Kunstgeschichte ausgibt. Ihr läuft er ständig über den Weg, als Patientin von Gérard, elegant gekleidet in der Oper - und als Prostituierte auf dem Straßenstrich. Je öfter Paul mit Lou redet, umso mehr spürt er die Unausgefülltheit seines Daseins. Mit Lucie bahnt sich eine Krise an.

Filmemacher müssen sich nicht um Realismus scheren, wenn sie nicht wollen. So, wie er Paul und Lucie in der Herbstlandschaft, wie er den ersten Frost auf den Gartenmöbeln, wie er Operationen zeigt, will Claudel aber der Wirklichkeit nahe sein. Umso grotesker fällt das Ergebnis aus. "Schon wieder so eine" wäre die natürliche Reaktion auf den ersten Blumenstrauß anstelle der Unsicherheit, die Paul fortan quälen wird - in 30 Praxisjahren hat eine Medizin-Koryphäe sicherlich nicht nur mit einer einzigen Stalkerin zu tun gehabt. Und wenn Lou gut gelaunt auf den Strich geht, als wär's ein Klacks, mutet das ziemlich befremdlich an, zumal für Frankreich, wo jede Form der Prostitution mit oft recht gewalttätiger Illegalität verbunden ist.

In welcher Welt spielt also "Bevor der Winter kommt" eigentlich? Vor allem im Jammertal der Bourgeoisie. Inszenatorisch höchst plump darf die sich selbst seelisch bedauern. "Ich stecke im falschen Leben", lässt Gérard während einer Kaffeepause fallen. "Ich hätte soviel schönes Anderes machen können als Chirurgie", winselt Paul an anderer Stelle. Nur Lucie ist fast still, lässt ihre Larmoyanz als Blumen blühen, aber so stoisch, dass es lächerlich wirkt. Mit der Schlusspointe wird dann alles noch schlimmer: Auf Kosten der Habenichtse geht man auf Tränenfang für die melancholischen Privilegierten.

Quelle: teleschau - der mediendienst