Nightcrawler - Jede Nacht hat ihren Preis

Nightcrawler - Jede Nacht hat ihren Preis





Draufhalten, immer draufhalten!

Was ist das für eine Nacht für Louis Bloom (Jake Gyllenhaal)! Auf der Treppe zur Villa ein kurzläufiges Gewehr, auf dem Sofa im Wohnzimmer eine erschossene, in sich zusammengesunkene Frau mit einem riesigen roten Loch in der Höhe ihres Magens, hinter einer Hausbar eine Männerleiche, im ersten Stock ein totes Dienstmädchen - Louis filmt alles. Ruhig, konzentriert, mit fester Hand. Lange, bevor die Polizei eintrifft. Für solche Aufnahmen werden vielleicht 100.000 Dollar bezahlt. Und das Beste kommt noch: Er hat die Killer gesehen. Schonungslos misst der satirische bis zynische Thriller "Nightcrawler - Jede Nacht hat ihren Preis" die mediale Gier nach Schockbildern aus - mit Tendenz, sich darin zu erschöpfen.

"Das Verbrechen in Los Angeles hat die vornehmen Wohngegenden erreicht" - bis Louis bei dem Fernsehsender, für den er hauptsächlich tätig ist, Material für solche Knüller abliefern kann, muss er hart arbeiten, einiges investieren und viel wagen. Durch Zufall ist der arbeitslose Gelegenheitsdieb zugegen, als ein Kamerateam die Rettungsmaßnahmen nach einem schweren Unfall filmt. Louis klaut ein Rennrad und tauscht es gegen einen Camcorder ein.

Zunächst wird er von Polizisten und Feuerwehrleuten abgewimmelt. Doch er ist hartnäckig und rückt blutenden, stöhnenden, sterbenden Opfern so dicht wie möglich auf die Pelle. Nachrichtenchefin Nina (Rene Russo) kauft nicht nur seine Filme von Unfällen und Verbrechen, sie hält ihn auch für echt talentiert. Da manipuliert man schon mal am Wagen des Konkurrenten, um Hecht im Karpfenteich der Video-Sensationsreporter zu bleiben und schließlich selbst seinem Assistenten Rick (Riz Ahmed) befehlen zu können: "Draufhalten, immer draufhalten!"

Hohlwangig, weit aufgerissene Augen, mechanischer, aber ruhiger Gang: So trat Conrad Veidt vor fast hundert Jahren im Gruselklassiker "Das Cabinet des Dr. Caligari" aus seinem aufrecht stehenden Sarg, um nachts Menschen zu töten. Jake Gyllenhaal hat sich davon für seinen Louis Bloom offenkundig viel abgeschaut, hat einige Kilo abgenommen, um so auszusehen, blickt ebenso überwach und bewegt sich wie ein Automat. Auch er ist ein Wesen der Nacht. Nur trägt er statt eines Messers eine Kamera. Und er sprudelt standardisierte Höflichkeiten und die Selbst- und Business-Optimierungssprüche unserer Zeit hervor, begleitet von einem unerschütterlichen Service-Lächeln.

Nur bereiten Gestalten wie Louis Bloom Filmemachern das Problem, dass sie kein Innenleben haben, das bewegt. Dan Gilroy, der bisher nur Drehbücher verfasste ("Das Bourne Vermächtnis") und bei "Nightcrawler - Jede Nacht hat ihren Preis" erstmals auch Regie führte, weiß das und versucht sein Bestes. Doch Louis' einzige Entwicklung bleibt die bösartige Perfektionierung seiner Profession - etwas dürftig. Dass alle anderen Personen um ihn herum weitgehend passiv bleiben einschließlich der Mafia, die er bei einer Bluttat beobachtet, erscheint dabei wenig realistisch.

Die Medien und ihre Zuschauer sind sensationsgierig, und die Rücksichtslosesten bedienen sie am besten. Diese bittere Lehre ist recht klar, allerdings auch schon nach gut anderthalb Stunden. Der Film geht aber weiter. Er bietet einen Mehrwert an Action und steigert den ohnmächtigen Ekel über Louis Bloom noch. Unangenehm ist, dass "Nightcrawler - Jede Nacht hat ihren Preis" dabei jene Überbietung des Grauens zu seinem Prinzip macht, die Louis Bloom antreibt.

Quelle: teleschau - der mediendienst