Marion Cotillard

Marion Cotillard





"Teilen macht das Herz größer"

Wer ein Gespräch mit Marion Cotillard (39) führt, darf sich darauf verlassen, dass sie 100-prozentig bei der Sache ist. Ihre Antworten kommen langsam und überlegt, oft verleiht sie dem, was ihr besonders wichtig ist, noch einmal Nachdruck. Abheben nach dem "Oscar" als beste Darstellerin für "La vie en rose" (2007)? Das sähe der Französin gar nicht ähnlich, die nach reichlich Hollywooderfahrung und Modeglamour als Gesicht für "Dior" nun ihre Bodenständigkeit im Sozialdrama "Zwei Tage, eine Nacht" (Kinostart: 30.10.) unter Beweis stellt. Für eine Frau, die vieles in der Welt in Frage stellt, waren die sozialkritischen belgischen Autorenfilmer Jean-Pierre und Luc Dardenne offensichtlich genau die richtigen künstlerischen Partner.

teleschau: Sie haben mit dem Oscar die höchste Auszeichnung erreicht, die man in Ihrem Beruf bekommen kann. Was bedeutet Ihnen Erfolg?

Marion Cotillard: Es ging mir nie um Erfolg um des Erfolges willen. Dieser ist vergänglich. Ich suche nach außergewöhnlichen Erfahrungen, die mir bleiben. Erfolg ist ein Mittel zum Zweck. Die große Anerkennung, die mir zuteil wurde, ermöglicht es mir, mit den Regisseuren zu arbeiten, die mir wiederum diese ungewöhnlichen Erfahrungen möglich machen. So wie die Dardennes - die standen ganz oben auf meiner Liste.

telechau: Zum System "Erfolg" gehören für eine Schauspielerin auch Auftritte auf dem roten Teppich. Mögen Sie die?

Cotillard: Als ich mit der Schauspielerei anfing, konnte ich damit nicht umgehen. Dann fand ich heraus, wie ich Spaß daran haben kann, und heute klappt das. Mit einem kleinen tollen Team habe ich meine Nische in dieser Glamourwelt gefunden und kann sie jetzt genießen.

teleschau: Es ist ein Leben ganz weit weg von dem einer Frau wie Sandra, die Sie in "Zwei Tage, eine Nacht" verkörpern ...

Cotillard: Ja, aber auch ich lebe in dieser Gesellschaft und bin den Menschen sehr verbunden. Es berührt mich, was um mich herum passiert. Es ist doch sehr widersprüchlich. Wir glauben, dass wir im Mittelpunkt der Welt stehen, und haben doch ein System kreiert, in dem der Mensch, sobald es um die Wirtschaft geht, keinen Platz mehr zu haben scheint. Da stellen sich Fragen wie "Wo ist mein Platz?" und "Kann man mich überhaupt gebrauchen in dieser Welt?". Es gibt durchaus andere Gesellschaften in denen das kein Thema ist. Wir stellen uns diese Fragen jeden Tag, fast alle von uns.

teleschau: Sehen Sie die Solidarität unter den Menschen in Gefahr wie im Film geschildert?

Cotillard: Bei Katastrophen ist die Hilfsbereitschaft sehr groß. Aber im täglichen Leben scheint die Verbindung zu den anderen Menschen oft unterbrochen zu sein. Das eigene Leben zu meistern, nimmt bei vielen so viel Platz ein, man muss die Kinder ernähren, mehrere Jobs machen - da kann man sich nicht noch mit den Sorgen der anderen beschäftigen. Dabei geht viel verloren auch für die Menschen selbst. Mit anderen zu teilen, macht das Herz und die Seele größer.

teleschau: Sandra will ihre Arbeitsstelle behalten. Gibt es etwas, für das Sie schon mal gekämpft haben?

Cotillard: Um einen Job oder eine Rolle noch nicht - da kann ich nichts erzählen. Aber ich kämpfe mit Teilen meiner Persönlichkeit. Da gibt es die mir kleingeistig vorkommende ständige Suche nach Anerkennung und danach, geliebt zu werden. Lange habe ich versucht, diese zu überwinden, bis mir jemand gesagt hat, dass ich dieses Bedürfnis einfach akzeptieren lernen muss. Es zu verneinen bringt einen nicht weiter.

teleschau: Sie scheinen ein sehr reflektierter Mensch zu sein.

Cotillard: Ich stelle mir viele Fragen über unser Leben und unsere Welt. Bei mir ist das aber nicht intellektuell. Die Fragen kommen nicht aus meinem Kopf, sondern aus meinem ganzen Ich.

teleschau: Sie gelten als jemand, der sich intensiv auf eine Rolle vorbereitet. Wie war das im Fall von Sandra?

Cotillard: Ich habe keine spezielle Methode. Ich gehe je nach Charakter, Thema und Geschichte immer anders vor. Mit den Dardenne-Brüdern haben wir einen Monat lang geprobt, das ist sehr speziell, aber passt gut zu mir. Ich liebe es, in die Welt der Regisseure, mit denen ich arbeite, einzutauchen. Allerdings habe ich mir auch ganz allein Gedanken über Sandras Vorgeschichte und den Grund ihrer Depressionen gemacht. Diese Überlegungen habe ich nicht mit den Regisseuren geteilt und wollte auch nicht wissen, welchen Hintergrund sie sich vorstellen.

teleschau: Wie haben Sie sich der Krankheit Sandras, der Depression, genähert?

Cotillard: Es gab eine Zeit in meinem Leben, da habe ich das Thema Depression selbst gestreift. Zum Glück bin ich aber nie tiefer hineingeraten. Aber so konnte ich mir ganz gut das Gefühl erarbeiten, wie es ist, wenn man sich nicht mehr in der Lage sieht, irgendetwas zu tun oder überhaupt nur aufzustehen. Um die Wirkung und Nebenwirkungen von Xanax zu verstehen, habe ich viel darüber gelesen. Ich selbst nehme nie Medikamente.

teleschau: Arbeiten Sie gerade an einem neuen Projekt?

Cotillard: Meinen letzten Film "Macbeth" habe ich beendet. Im Moment bin allein mit mir selbst. Das ist anders, wenn ich für ein neues Projekt zugesagt habe, dann begleitet mich die neue Figur schon lange Zeit im voraus.

teleschau: Wie sieht das Leben von Marion Cotillard außerhalb des Sets aus?

Cotillard: Ich brauche die Natur, ohne sie würde ich sterben. Ich bin auch gerne in der Stadt aber ein Jahr ohne Wälder, ohne draußen in der Natur zu sein, würde mich enorm altern lassen. Zudem achte auf eine biologische und lokale Ernährung. Ich fühle mich sehr privilegiert, dass ich mir das leisten kann. Umweltfragen gehören zu meinen Lebensthemen, wir sollten uns gut überlegen, ob es sinnvoll ist, das zu zerstören, was uns am Leben hält.

Quelle: teleschau - der mediendienst