Farin Urlaub

Farin Urlaub





Von Feinden und Freudentöpfen

Mit dem Alter wird man gelassener? Diese Weisheit scheint nur bedingt für Farin Urlaub zu gelten. Der Ärzte-Sänger und Fotograf (er veröffentlichte bislang zwei Bildbände über seine Reisen) feierte im vergangenen Jahr seinen 50. Geburtstag. Und nach früheren Spaß-Punk-Attacken klingt sein neues Album "Faszination Weltraum" längst nicht mehr. Zudem fasst Urlaub auf seinem vierten Solo-Werk textlich auch heißere Eisen an: ein bisschen Burnout hier, ein wenig Konsum- und Gentrifizierungskritik dort. Beim Interview in der Berliner Columbiahalle gibt sich der große Blonde aber ganz als der Sonnyboy, als den man ihn kennt.

teleschau: In Ihrem neuen Song "Dynamit" liebäugeln Sie damit, einen Teil dieser Welt zerbomben zu wollen ...

Farin Urlaub: Ich bin natürlich zu feige, das zu machen. Aber mich kotzen diese neuen Innenstädte an, also nicht nur Berlin, nicht nur in Deutschland, sondern überall in der Welt. Da setzen sich Stadt- und Verkehrsplaner hin und sagen: "So, wir entwerfen jetzt eine neue Innenstadt." Aber sie denken dabei nicht an den Menschen!

teleschau: Und das ist kein deutsches Problem? Sie sind ja weit gereist ...

Urlaub: Nee. In Deutschland kommt aber noch die Gründlichkeit dazu. Kennen sie eine richtig moderne Innenstadt, in der man sich wohl fühlen kann? In der man nicht nur das Gefühl hat: Okay, ich muss jetzt in ein Café gehen, um mich hinsetzen zu können, und muss dafür Geld bezahlen? Sondern eine Stadt, die einfach zum Verweilen einlädt, und wo man sich willkommen fühlt? Als Kunde bist du gern gesehen, und ansonsten sollst du möglichst schnell in ein Verkehrsmittel steigen, um wieder wegzufahren.

teleschau: Nachdem man seine Rechnung bezahlt hat ...

Urlaub: Genau. Was soll das? Aber das wäre natürlich viel zu komplex für ein Lied gewesen, und deswegen dachte ich, ich brech's mal runter auf die hässlichen und einfallslosen Häuser, die gerade gebaut werden. Und ich erwähne jetzt nicht den Potsdamer Platz. Nein, sag ich nicht. Werden sie von mir nicht hören!

teleschau: "Ohne Ästhetik keine Wertschätzung", singen Sie in dem Lied.

Urlaub: "Und ohne Wertschätzung kein Mitleid, also werden wir brutal." Wenn schon, denn schon! Wenn ich meine Umgebung nicht wertschätze, weil ich sie als hässlich, abstoßend und lebensfeindlich empfinde - was ist dann der logische Schritt? Erstmal die kleine Zerstörung: alles besprayen. Aber wenn's scheiße aussieht, sieht's auch getagt nicht besser aus, aber wenigstens hab ich's irgendwie vollgemalt. Oder ich mache es wie in meiner gewalttätigen Fantasie und sprenge sie in die Luft. Tabula rasa. Weg damit.

teleschau: Aber wie würde denn Ihre Stadt aussehen? Gibt es eine Stadt, die Ihrem Ideal nahe kommt?

Urlaub: Es gibt viele Städte, die das tun. Die sind aber alle natürlich gewachsen und dementsprechend alt. Wenn ich also jetzt zum Millionsten Mal betone, dass Paris eine schöne Stadt ist, sagen alle: "Ach so, du willst in der Vergangenheit leben?" Nee, will ich natürlich nicht! Ich frage mich, ob es möglich ist, eine moderne Stadt nach alten Prinzipien zu entwerfen und muss zu dem traurigen Schluss kommen: Nein, weil sie dann automatisch eine autofreie Innenstadt hätte. Und dann sagen natürlich die ganzen Geschäfte: "Und wie sollen unsere Waren angeliefert werden?" Deswegen bin ich kein Stadtplaner geworden, sondern Rockmusiker.

teleschau: Kennen Sie die Dokumentation, in der gezeigt wird, was passieren würde, wenn man die Welt 100 Jahre lang sich selbst überlässt?

Urlaub: Wenn's eine Fernsehdokumentation ist, dann wahrscheinlich nicht, sorry. Ich habe keinen Fernseher. Aber das gibt's auch als Buch. Sie fangen an mit New York, wo sofort alles unter Wasser ist, sobald du die Pumpen abschaltest. In London ist es übrigens ähnlich. In Berlin haben wir ja auch das erfreuliche Grundwasserproblem, dass wir zu viel davon haben. Deswegen verbreiten die Wasserwerke die gegenteilige Botschaft als der Rest der Welt: "Verbraucht mehr Wasser, Leute!"

teleschau: Wo Sie Bücher erwähnen: Sind Sie ein Bücherwurm?

Urlaub: Ja. Zurzeit arbeite ich mich gerade durch alles, was der amerikanische Schriftsteller William Faulkner jemals geschrieben hat. Ich bin großer Fan, aber ich habe bisher erst vier Bücher gelesen. Und jetzt habe ich endlich alles zusammengetragen. Denn es gibt keine Gesamtausgabe von ihm. Das heißt, du darfst dann jedes einzelne Werk schön in den Warenkorb legen.

teleschau: Bei Amazon?

Urlaub: Nein, um Himmels willen! Der Feind! Ach, ich muss ja aufpassen, was ich sage, mein Album wird natürlich auch auf Amazon verkauft: Hallo, meine Freunde von Amazon!

teleschau: Wo kaufen Sie Bücher?

Urlaub: In den Buchladen gehe ich auch nicht. Denn Bücher, die auf Englisch erschienen sind, will ich auch im Original lesen. Und es ist ein Albtraum, die hier zu bestellen. "Ja, können wir in vier bis sechs Wochen da haben", heißt es dann. Und dann bestellen sie selber bei Amazon.

teleschau: Was für Sachbücher lesen Sie?

Urlaub: Über afrikanische Politik habe ich sehr viel gelesen. Hirnforschung ist so ein Steckenpferd von mir. Kreativität ist ein schönes Thema. Und das letzte Sachbuch, was jetzt zu einem Viertel gelesen auf meinem Nachttisch liegt, ist "The Singing Neanderthals: The Origins of Music". Darin hat ein Journalist das derzeitige Wissen über Musik zusammengetragen. Und seine These ist quasi: "Musik ist das, was uns zu Menschen macht."

teleschau: Wenn die These stimmt, wären Sie quasi ein Übermensch!

Urlaub: Ha! Ich finde seinen Ansatz aber interessant und die Gedankengänge nachvollziehbar. Ich stelle es an mir selber fest: Wenn ich etwa lange Motorrad fahre und es regnet, oder es passieren irgendwelche doofen Sachen, fange ich an, dagegen anzusingen. Einfach so. Das ist ein natürlicher Reflex.

teleschau: Dann ist Ihr Beruf ja immer noch auch Hobby!

Urlaub: Auf jeden Fall! Wenn ich das Musizieren nur als Beruf empfinden würde, so nach dem Motto "Du musst jetzt!", dann könnte ich das nicht.

teleschau: Sie empfehlen im Song "Mein Lied" auch anderen zu singen ...

Urlaub: Ich hatte mal eine Freundin, bei der ich sehr froh war, wenn sie nicht sang. Ohne jetzt einen Namen zu nennen zu wollen.

teleschau: Aber wenn es doch glücklich macht?

Urlaub: Ja, aber dann besser, wenn ich nicht dabei bin.

teleschau: Was können Sie überhaupt nicht?

Urlaub: Tanzen! Wenn man sagt, ein Walfisch kann nicht Skateboard fahren, dann trifft das ungefähr meine Tanzqualitäten. Mir glaubt keiner, der mich jemals tanzen gesehen hat, dass ich Musiker bin.

teleschau: Welchen Luxus gönnen Sie sich?

Urlaub: Reisen sind der absolute Luxus! Ja, ich habe ein okayes Auto, aber das ist mir alles nicht wirklich wichtig. Ist immer leicht zu sagen, ich weiß. Natürlich ist es schön, dass ich es habe. Ich lege auch genug Kilometer damit zurück. Aber der Luxus ist die Zeit, die Freizeit, die ich mir damit gönnen kann. Denn wenn ich ein Album gemacht habe, kann ich erst mal ein paar Jahre Gas geben und muss nicht arbeiten.

teleschau: Ihr Ziel ist ja, alle Länder der Welt bereist zu haben. Wie weit sind Sie da vorgedrungen? Und wie viele Länder gibt es überhaupt?

Urlaub: Die UNO sagt, mit dem Süd-Sudan sind es insgesamt 196 Länder, aber so wie ich zähle, sind es ungefähr 250. Und dann gibt es wieder andere, die zählen 850, aber das ist mir ein bisschen zu anstrengend. Das sind dann Felsen im Meer, wo man nur den Fuß drauf setzen kann. Nach meiner Zählweise bin ich jetzt bei über der Hälfte angelangt. Aber ich will sie alle!

teleschau: Was freut Sie mehr: Wenn Sie eine CD verkaufen oder einen Ihrer Fotobände von einer Ihrer Reisen?

Urlaub: Das geht alles in denselben Freudetopf! Und das nicht wegen des Geldes.

teleschau: Was macht Sie sonst noch glücklich?

Urlaub: Wenn ich auf Reisen gehen kann und quasi wieder ganz von vorne anfange. Denn da habe ich keinen Kredit von wegen: "Das ist doch der Soundso." Sondern ich muss mich von Tag zu Tag neu beweisen und überleben. Das tut mir auch gut. Ständig auf Händen getragen zu werden oder zumindest geschätzt zu werden - das ist so gar nicht meins. Ich genieße es für einige Zeit, aber es ist dann auch schön, wenn es wieder vorbei ist.

teleschau: Gibt es eigentlich einen Farin Urlaub, der auf der Couch sitzt, nichts tut und einfach nur faul ist?

Urlaub: Naja, so zehn Minuten vielleicht ...

teleschau: Wirklich? Nie länger?

Urlaub: Nein. Denn für mich ist Reisen Entspannung, für mich ist Lesen Entspannung, für mich ist Gitarrespielen Entspannung. Also: Wie viel soll ich mich denn noch entspannen? Und sich hinzusetzen und fernzusehen ... Nee, so viele Synapsen kann ich gar nicht abschalten.

Farin Urlaub Racing Team auf Deutschland-Tournee:

11.05.2015, Siegen, Siegerlandhalle

14.05.2015, Köln, Palladium

16.05.2015, Würzburg, S.Oliver Arena

22.05.2015, Saarbrücken, E-Werk

23.05.2015, Erfurt, Thüringenhalle

26.05.2015, Bremen, Pier 2

27.05.2015, Hannover, Swiss Life Hall

29.05.2015, Leipzig, Arena

30.05.2015, Hamburg, Sporthalle

02.06.2015, Münster, MCC Halle Münsterland

03.06.2015, Frankfurt, Jahrhunderthalle

08.06.2015, München, Zenith

11.06.2015, Düsseldorf, Mitsubishi Electric Halle

12.06.2015, Stuttgart, Schleyerhalle

19.08.2015, Dresden, Filmnächte am Elbufer

20.08.2015, Berlin, Kindl-Bühne Wuhlheide

Quelle: teleschau - der mediendienst