Mr. Turner - Meister des Lichts

Mr. Turner - Meister des Lichts





Gut gegrunzt, Turner

Hätte es den britischen Maler William Turner (1775 - 1851) nicht gegeben, man hätte ihn für den Schauspieler Timothy Spall erfinden müssen. Der Mann, dessen Gesicht man aus den vielfältigsten (Neben-)Rollen ("The King's Speech", "Harry Potter") kennt, überzeugt hier in seiner ersten wirklichen Hauptrolle. Für seine Leistung in "Mr. Turner - Meister des Lichts" erhielt er den Darstellerpreis bei den Filmfestspielen in Cannes. Die zwei Jahre Unterricht, um sich Turners Pinselstrich annähern zu können, haben sich für ihn gelohnt.

Die Natur in Öl und Aquarell, die Landschaft als Bühne für Stürme und Gewitter, berückendes Licht und dramatisch leuchtende Farben - Schönheit in Reinform. Wer glaubt, dass der Schöpfer dieser von Licht durchflutenden poetischen Gemälde selbst eine strahlende Persönlichkeit sein müsste, wird nun eines Besseren belehrt. Der Regisseur Mike Leigh beschreibt den Mann hinter den Bildern, und den hätte man den lieber nicht kennen gelernt. Unzugänglich, mürrisch und mit einem fürchterlich großen Repertoire an Grunzlauten wirkt er geradezu abstoßend.

Mike Leigh zeigt, dass im Leben des "Meisters des Lichts" viel Dunkelheit herrschte. Das Abschieben der geistig kranken Mutter in ein Heim, in dem sie kurze Zeit später stirbt, verfolgt ihn. Zum Vater, der seine Begabung erkennt und fördert, pflegt er ein inniges und herzliches Verhältnis. Das ändert jedoch nichts an seinen Depressionen und seiner Unfähigkeit in Sachen Liebe. In seinem Haus in London kümmert sich das verhuschte Hausmädchen Hannah (Dorothy Atkinson) um alle seine Belange - einschließlich der sexuellen Befriedigung wie eine scheußliche Szene zeigt.

Der Film setzt 1826 auf dem Höhepunkt von William Turners Karriere ein. Als Mitglied der Royal Academy genießt er großes Ansehen. Sein neuer Stil jedoch, der die Konturen fast schon ins Unkenntliche verschwimmen lässt, verwirrt die Kollegen und sorgt auch bei anderen Zeitgenossen für Spott. Seine Faszination fürs Technische wie Schiffe und die Eisenbahn wirkt wie ein Kommentar zu den Entwicklungen seiner Zeit, die von den Veränderungen der industriellen Revolution geprägt war. Der Film streift all das und folgt in scheinbar willkürlich ausgewählten Beobachtungen seinem Leben in den letzten 25 Jahren - das Malen an sich kommt dabei nur in wenigen Szenen vor. Leigh lässt vielmehr mit dem Können von Kameramann Dick Pope Turners Welt auf der Leinwand lebendig werden. Dabei werden typische Motive und Lichtmomente wie nebenbei eingeflochten.

Dem britischen Regisseur gelingt ein etwas zu langatmiges Biopic über seinen berühmten Landsmann, von dem sein erster Biograph sagt, der Mensch hinter den Bildern sei zu vernachlässigen. Ganz so schlimm ist es dann nicht, aber eines macht auch das hervorragende Spiel von Timothy Spall klar: Turner wurde von einer Begabung und Suche getrieben, die er selbst nicht ganz verstand. Wenn er auch dem Zuschauer ein Rätsel bleibt, ist das nicht allzu verwunderlich. Einzig die hingebungsvolle Liebe der Witwe Mrs. Booth (Marion Bailey), die er in der Küstenstadt Margate trifft und mit der er ein Doppelleben beginnt, macht stutzig. Sie gehört zu den wenigen Menschen, die an seine schöne Seele glauben. Auch Mike Leigh tut das sicher ein bisschen ...

Quelle: teleschau - der mediendienst