Interstellar

Interstellar





Dem Ende so nah

Die Menschheit taumelt am Abgrund entlang, das Ende scheint nah. Mit einer letzten, verzweifelten Anstrengung stemmen sich ein paar mutige Menschen dem Unausweichlichen entgegen - im Weltall könnte die Rettung liegen ... Zugegeben: Das Grundgerüst von "Interstellar" klingt vertraut, zahlreiche Katastrophenfilme erzählen mehr oder minder die gleiche Geschichte. Und doch ist es Regisseur Christopher Nolan ("Inception") gelungen, aus dem Stoff einen ganz eigenen, faszinierenden Film zu machen.

Um das Endzeitdrama zu erzählen, das er gemeinsam mit seinem Bruder Jonathan entwickelte, trommelte er einen ganzen Haufen Hollywoodstars zusammen: von Matthew McConaughey über Anne Hathaway und Jessica Chastain bis hin zu Sir Michael Caine - da bleibt selbst für einen Matt Damon nur noch eine Nebenrolle übrig (wenn auch natürlich keine ganz unwichtige). Das Casting ist im Grunde aber nur ein Randaspekt. Die geballte Starpower verblasst angesichts der majestätischen Bilder, packenden Actionsequenzen und zutiefst menschlichen Konflikte, die Nolan inszeniert.

Es ist ein unwirtliches Amerika, das hier gezeichnet wird: Staubstürme fegen über das Land hinweg, das es den Menschen von Jahr zu Jahr schwerer macht, dem kargen Boden noch eine Ernte abzuringen. Die Bevölkerung dieser nicht allzu fernen Zukunft ist zu einer Generation von Mangelverwaltern geworden. Auch Joe Cooper (McConaughey), einst brillanter Ingenieur und vielversprechender NASA-Pilot, muss mittlerweile als Farmer seine kleine Familie ernähren.

Das karge Leben ändert nichts daran, dass Cooper nach wie vor von Größerem träumt - ebenso wie Tochter Murphy (Mackenzie Foy). Sie ist überzeugt davon, dass ein Geist in ihrem Zimmer ihr Nachrichten hinterlässt. Als sich eine davon tatsächlich als Binärcode mit Koordinaten herausstellt, gehen sie und ihr Vater dem rätselhaften Hinweis nach - und landen in der NASA-Basis. Dort erinnert man sich noch wohlwollend an Cooper und bittet ihn, an einer einzigartigen Mission teilzunehmen: Er soll mit einem Team aus Wissenschaftlern, angeführt von der Biologin Amelia Brand (Anne Hathaway), eine Reihe von Planeten besuchen, die als potenzielle Kolonien ausgewählt wurden.

Der Weg dorthin führt über ein Wurmloch, das praktischerweise einige Jahre zuvor in unserem Sonnensystem platziert wurde. Das Problem: Jenseits des Wurmlochs vergeht die Zeit langsamer als diesseits - alle Anstrengung wäre umsonst, wenn die Mission nicht schnell abgeschlossen werden kann. Und wann Cooper seine Kinder wiedersehen wird, ist offen ...

Mit diesem Setup haben die Gebrüder Nolan schon jede Menge Fragen angelegt - auf ganz verschiedenen Ebenen. Rätselraten um den Plot (Wie gelangten die unheimlichen Nachrichten zu Murphy? Wer hat das Wurmloch in unserem Sonnensystem platziert - und warum?) ist in dem vielschichtigen Film ebenso möglich wie die Auseinandersetzung mit größeren, philosophischen Fragen (Hat das Überleben der Spezies Vorrang vor dem Überleben der bereits bestehenden Bevölkerung? Welche Kräfte halten das Universum zusammen?).

Um das alles zu erzählen, braucht es natürlich seine Zeit: Mit knapp drei Stunden Spieldauer ist "Interstellar" zwar sehr lang, davon aber keine Minute langweilig. Das liegt auch am liebevollen Worldbuilding, dem Erschaffen einer fiktiven Welt, die von den Nolans mit feinen Details ausgekleidet wird - ebenso einfach wie überzeugend etwa die Machart der Roboter, die die menschliche Mannschaft auf ihrer Mission unterstützen.

Auf den Bildschirm gebracht wird das Ganze in fantastischen Bildern, mit denen Nolan und sein Kameramann Hoyte Van Hoytema ("Her") beweisen, dass auch in serienverrückten Zeiten das Kino als Erzählmedium noch lange nicht ausgedient hat. Nicht nur die Weltraumaufnahmen, sondern auch die Landschaftszeichnungen der Kolonialplanaten geraten immer wieder atemberaubend. "Interstellar" kommt dementsprechend auch im IMAX-Format in die Kinos (in Deutschland in Karlsruhe und Berlin zu sehen).

Wer sich also auf den reinen Abenteuerfilm beschränken möchte, wird schon gut bedient. Es lohnt sich aber, die Augen und den Geist für die Metaphysik offen zu halten - auch wenn Nolan hier gegen Ende in Bereiche vorstößt, die für den einen oder anderen geerdeten Charakter arg abgehoben scheinen werden. Bis dahin aber hat er den Zuschauer schon so tief in die Geschichte hineingezogen, dass man selbst Sentimentalitäten gerne verzeiht.

Quelle: teleschau - der mediendienst