Julia Koschitz

Julia Koschitz





Bloß nicht festlegen

Ja, es sind genau diese Augen, wie man sie im Film und zuletzt auf dem Kinoplakat zum Sterbe-Roadmovie "Hin und weg" (Start: 23.10.) von Christian Zübert sieht. Riesengroß, mit dunkelbrauner Iris und strahlend wie die Sterne - das Klischee muss erlaubt sein. Auf dem Filmplakat strahlt Julia Koschitz von rechts unten her Florian David Fitz links oben an. Er, so zeigt der Film, will sich das Leben nehmen, denn er ist, wie schon der Vater, unheilbar an der Nervenkrankheit ALS erkrankt. Julia Koschitz spielt die Frau des Lebensmüden, schwankend zwischen Zustimmung und dem Versuch, ihm die letzte Reise auszureden. Die Schauspielerin zeigt also zwei Gesichter - Komödie und Tragödie in einem. Dass sie beides kann, hat sie in vielen Kino- und Fernsehfilmen gezeigt.

August 2014, Weltpremiere beim Filmfestival in Locarno. 38 Grad im Schatten und Androhung von Gewittern. Mehrere Filme auf der Piazza fielen wegen Regens aus, so wurde mancher Filmcrew die Freude genommen. Die Mannschaft von "Hin und weg" lässt sich's nicht verdrießen, sie trotzt dem immer dunkler werdenden Himmel und gibt ein ziemlich eindrucksvolles Bild ab auf dem Podium.

Julia Koschitz schenkt dem Auftritt ihren vollen Charme, obwohl sie nichts sagt. Stattdessen lässt sie lieber Jürgen Vogel reden, der im Film einen Frauenhelden spielt, der dem traurigen Thema eine aufmunternde Würze geben soll. Auch beim Interview am Nachmittag spricht die 39-Jährige mit österreichischem Stammbaum nicht unbedingt schrecklich viel. Während das Gesicht mit den strahlenden Augen ganze Bühnenauftritte vollführen kann, gibt sie sich eher bedeckt.

Es ist beispielsweise nicht eben leicht, etwas über ihre Kindheit in Brüssel zu erfahren. Ihr Vater, jetzt Rentner, habe damals eben in Belgien gearbeitet. Er sei "in der Werbung tätig" gewesen, so sei es gekommen, dass sie in Brüssel geboren wurde und dort die ersten fünf Jahre ihres Lebens verbrachte. Halb französisch, halb deutsch aufgewachsen sei sie so und erinnert sich noch gut an die "steaks frittes", die es immer sonntags gab. Aber auch die belgischen Pralinen (die im Film leicht grobschlächtig vorkommen) habe sie in bester Erinnerung, genau so wie die Gauffres, die belgischen Waffeln.

Später machte sie in Frankfurt das Abitur und bewarb sich danach unter anderem am Max-Reinhardt-Seminar in Wien, was aber nicht klappte. "Den Brandauer konnte ich leider nicht überzeugen", sagt sie kess und lächelt dabei. "Auch wenn ich damals selbst nicht besonders überzeugt von mir war, habe ich den Weg der Schauspielerei dann weiter verfolgt." Was sich leicht sagen lässt, hat man inzwischen so viel Erfolg wie sie gehabt, sei es im leichten oder im "schwierigen" Fach. Ihre Bandbreite reicht von der Polizistin in Franz Xaver Bogners Serie "München 7" und der umwerfenden Speed-Dating-Komödie "Shoppen" bis hin zur an Krebs erkrankten Mutter im preisgekürten Drama "Pass' gut auf ihn auf" oder der psychotischen Lehrerin im TV-Film "Die Toten von Hameln".

Doch wenn man sie irgendwie festlegen will, und sei es auch nur als "extrem wandlungsfähig", also als Frau mit zwei Gesichtern, einem komischen und einem tragischen, bekommt man eher abschlägigen Bescheid. Sie kenne keine Präferenzen, so sagt sie. "Hauptsache, das Buch ist überzeugend, die Besetzung und Regie reizvoll und die Rolle interessant." Sie sei "sehr bedacht" darauf, dass sie möglichst abwechslungsreiche Rollen hat: "Und ich freue mich, dass das nach wie vor funktioniert." Vieles lehnt sie ab, lieber schränke sie sich ein, "als etwas zu spielen, wohinter ich nicht stehe". Nach der Schauspielschule, die sie dann doch noch in Wien, am Franz Schubert Konservatorium absolvierte, ging Koschitz in die bayerische Provinz, nach Coburg und Regensburg. "Es war alles gut so", sagt die Wahl-Münchnerin rückblickend, "es war ein steiniger Weg, aber sinnvoll, weil ich mich freispielen konnte."

Weil es in "Hin und weg" ein seltsames Bierdeckelspiel gibt, bei dem die Freunde ihren Tischnachbarn Aufgaben aufschreiben, die sie noch erledigen sollten, drängt sich die Frage auf, ob sie denn auch so einen selbst auferlegten Wunschtraum habe: Singen? Das Matterhorn besteigen, oder eine große Reise? - Nein, diesen einen Wunschtraum habe sie nicht. "Aber ich freue mich auf viele Dinge, zum Beispiel darauf, dass mein Klavier bald wieder bei mir zu Hause steht. Zum Leidwesen meiner Nachbarn", meint sie, nicht ohne schelmisch hinzuzufügen: "Aber auch das ist beileibe kein Muss."

Quelle: teleschau - der mediendienst