Christiane Seidel

Christiane Seidel





Die Karriere als Entdeckungsreise

Der Amerikanische Traum. In "Boardwalk Empire" wird er schneller wahr, als man eine Schnapsflasche leeren kann. Die alte Geschichte vom plötzlichen Aufstieg, aber auch die vom ebenso rasanten Absturz macht einen Großteil des Reizes der in 160 Ländern ausgestrahlten Mafia-Saga aus der Prohibitionszeit aus. Auch die in New York lebende deutsche Schauspielerin Christiane Seidel (29) glaubt, dass der American Dream mehr ist als ein Klischee. "Man kann hier wirklich innerhalb kürzester Zeit von null auf hundert kommen - und es wird einem sogar gegönnt", lacht die in der norddeutschen Provinz aufgewachsene Lady mit der roten Mähne, die 2011 das schaffte, wovon viele Talente träumen: Sie ergatterte eine Rolle in einer großen US-Serie. "Es waren verrückte drei Jahre", hebt die "Boardwalk Empire"-Darstellerin nun an, derweil in den Staaten und hierzulande im Original auf Sky Go und Sky Anytime schon die letzten Folgen des Serienhits ausgestrahlt werden ... Ab 11. Dezember zeigt Sky Atlantic HD die finale fünfte Staffel auch in der Synchro-Fassung.

Wenn Christiane Seidel erzählt, klingt es oft so, als sei sie selbst noch nicht aus dem Staunen herausgekommen. Kopfschüttelnd erinnert sie sich an "das längste Wochenende ihres Lebens", als sie in der allerletzten Castingrunde auf das Go von "Boardwalk Empire"-Miterfinder und Produzent Martin Scorsese wartete. Aber der Kultregisseur gab der jungen Deutschen persönlich seinen Segen. Gerade hatte sie am Off-Broadway eine junge Skandinavierin im Amerika um 1910 gespielt - perfekt für den Part, um den es bei "Boardwalk Empire" gehen sollte.

Als norwegisches Kindermädchen Sigrid sorgt die Halbdänin Seidel seit der zweiten Staffel für Furore - nicht nur wegen des eigens antrainierten skandinavischen Akzents. Eine starke, markante Figur, die schon mal mit dem Fleischklopfer zuschlägt, wenn es sein muss.

Das eigentliche Wunder, lächelt die attraktive Darstellerin, sei, dass sie über all die Jahre nicht "rausgeschrieben" wurde. "Du kannst praktisch in jeder Folge den Serientod sterben", weiß Christiane Seidel von den existenziellen Sorgen einer jungen Schauspielerin zu berichten. Aber die Autoren fanden Gefallen an Sigrid, machten sie zur Ehefrau des von Hollywood-Star Michael Shannon verkörperten Schmugglers Nelson Van Alden, auch unter dem Pseudonym George Mueller bekannt, und wiesen der deutschen Darstellerin auch in den acht Folgen der fünften und letzten Staffel einen soliden Part zu. Ob und wie Sigrid das Ende der von zahlreichen Leichen gekennzeichneten Verbrechersaga erlebt, darf sie nicht verraten ... Lieber schwärmt sie vom nochmals erhöhten visuellen Reiz der Story, die in der fünften Staffel von der Prohibitions-Hochzeit in die 30er-Jahre gesprungen ist und nun zum Teil auf Kuba spielt. Jede Episode sei "Eskapismus pur", fasst Christiane Seidel den Reiz der aufwendig ausgestatteten Serie mit Kultstar Steve Buscemi in der Hauptrolle des korrupten Stadtkämmerers von Atlantic City zu Zeiten der Prohibition zusammen.

Natürlich sei die Abschlussparty "eine sehr traurige Veranstaltung" gewesen, erinnert sich Christiane Seidel. "Allen war klar, dass wir in dieser Konstellation nie wieder zusammenkommen." Aber das Ende, betont sie, sei "auch ein Anfang". - Ein Satz, der einiges über die mit einem Amerikaner verheiratete Deutsche verrät. "Ich entdecke gerne neue Welten", sagt sie. "Ich greife zu - auch aus der Angst heraus, ich könnte etwas verpassen, wenn ich zu lange zögere." In Amerika gebe es eine Redensart, die zu dieser Mentalität passt: "Ignorance is bliss". Christiane Seidel, die in Texas als Tochter eines deutschen NATO-Piloten zur Welt kam, übersetzt es für sich so: "Wenn ich nicht genau weiß, was auf mich zukommt, brauche ich keine Angst zu haben." Dass sich bei ihr nach eigener Auskunft zur Abenteuerlust noch je eine gesunde Portion Ehrgeiz und Perfektionismus gesellen, lässt ihren überaus mutig anmutenden Karriereweg fast logisch erscheinen. Bereits mit Anfang 20, nach Abschluss eines Medienmanagement-Studiums, brach sie nach New York auf, um sich an der Lee-Strasberg-Schule ausbilden zu lassen. Sie habe schon als Kind davon geträumt, Schauspielerin zu werden, sagt sie, und sich als Teenager auf dem Times Square, beim allerersten Besuch, in die Ostküstenmetropole verknallt. Also ging sie rüber - "einfach so, ohne Plan, ohne Limit".

Was dann passierte, war in der Tat eine Variante des amerikanischen Traums. Christiane Seidel begann zwar nicht als Tellerwäscherin - ihren Lebensunterhalt verdiente sie sich unter anderem als Guide einer deutschsprachigen "Sex and the City"-Tour -, aber heute ist sie auf du und du mit einem Martin Scorsese. Sie hat ihn inzwischen einige Male getroffen - "ein unheimlich umgänglicher Typ". Auch das sei eben irgendwie typisch amerikanisch: dass man sich auch im maximalen Erfolgsfalle aufführt, wie ein normaler Mensch.

In der U-Bahn, erzählt Christiane Seidel, sei sie im Sommer von einem Mann auf eigentümliche Art angesprochen worden: "Hassbent!" hat er ihr hinterhergezischt und sie angegrinst, als sie sich umdrehte. Sigrids skandinavischer Akzent hat eben längst seine Fans. Aber als Star sieht sie sich trotz der roten Teppiche und Charity-Einladungen mitnichten. Da kenne sie ganz andere. Etwa ihren Kumpel Matt McGorry ... Als der vor drei Jahren im Freundeskreis erzählte, er drehe nun für Netflix, hätten alle mit den Schultern gezuckt. Als dann im inzwischen bekannten Netflix-Stil alle Folgen der ersten Staffel der Knastserie "Orange is the new Black" auf einmal unters Volk gebracht wurden, avancierte McGorry über Nacht zum Star.

Die neue Serienkultur sei eben eine "richtige Revolution", sie habe "die Gesetze der Branche umgedreht", findet Seidel: "Plötzlich tauchen überall Superstars in den Hauptrollen auf." Aber unterm Strich gewännen trotzdem alle, "denn es sind so viele Rollen zu besetzen wie nie zuvor". Ob es also auf der Karriereleiter weiter steil nach oben geht? In Amerika könne das nie jemand sagen, antwortet Christiane Seidel. "Der Weg ist voller Unwägbarkeiten, das hilft, auf dem Boden zu bleiben", erklärt sie und verweist auf einige Bekannte, "die mit dem extrem kompetitiven Klima hier" nicht zurechtkamen und die Schauspielerei wieder aufgaben. Aber schon dreht sie die Medaille wieder auf die andere Seite: Das Gute sei: "Hier darf man herausstechen. Man wird nicht automatisch kritisch beäugt, wenn man erfolgreich ist, sondern die Leute freuen sich mit."

Seidel stand zuletzt in Deutschland vor der Kamera. In dem Film "Schmidts Katze", eine Produktion der ARD-"Debüt im Dritten"-Reihe, spielt sie die Hauptrolle. Mit dabei unter anderem: Michael Lott, Michael Kessler, Franziska Taub und Tom Gerhardt ... Und die Frau, die die letzten Jahre mit einigen Hollywood-Größen drehte, schwärmt in den höchsten Tönen von den deutschen Kollegen. Ohnehin: Als "leidenschaftliche Vielfliegerin" habe sie Lust, mehr in der Heimat zu arbeiten. Aber vielleicht geht es ja sogar mit Scorsese und "Boardwalk Empire"-Drehbuch-Boss Terence Winter weiter. Die beiden haben im Sommer einen neuen Serienpiloten abgedreht. Die noch unbetitelte Story handelt vom Rock'n'Roll der 70er-Jahre, wird von Mick Jagger koproduziert, und als Hauptdarsteller ist mit Joe Caniano bereits ein anderer "Boardwalk Empire"-Star mit von der Partie ...

Quelle: teleschau - der mediendienst