Steven Van Zandt

Steven Van Zandt





Eine Pelzmütze für den Piraten

Natürlich trägt er sein berühmtes buntes Piratenkopftuch auch in Monte Carlo: Steven Van Zandt, Gitarrist von Bruce Springsteen und seit den 80-ern auch als Solokünstler Little Steven bekannt. Im Grimaldi-Forum, einem schmucklos funktionalen Kongresszentrum neben dem Stadtstrand, erhält Van Zandt auf dem "Festival de Télévision" im Juni 2014 zwei "Goldene Nymphen". Es ist einer der renommiertesten TV-Preise Europas für die bereits in 130 Länder exportierte Erfolgsserie "Lilyhammer" und ihren "ungelernten" Schauspielstar. Mit dem Piratentuch zum dunklen Festanzug passt Van Zandt übrigens hierher wie die Faust aufs Auge. Schließlich, so heißt es, ging auch die Fürstenfamilie Grimaldi aus einem Seeräuber-Clan hervor. Um eine solch erstaunliche Rehabilitation geht es auch in "Lilyhammer". Nun ist die Serie endlich auch im deutschen TV zu sehen: ab 30.10., donnerstags, 21 Uhr, bei ARTE.

Der Plot ist denkbar einfach, aber genial: Ein New Yorker Mafioso (Van Zandt) sagt gegen einen Clan-Boss aus und wird per Zeugenschutzprogramm außer Landes gebracht. Weil jener Frank Tagliano die Olympischen Winterspiele in Lillehammer 1994 so schnuckelig fand, vor dem Fernseher versteht sich, bittet er das FBI nun um eine neue Identität in der norwegischen Provinz. Nach gefühlten fünf Minuten von Folge eins sitzt Frank bereits mit Pelzmütze und dickem Mantel im Zug und fährt durch eine tief verschneite Landschaft. Seine irritierten Blicke unter den Kopfhörern mit dem Norwegisch-Sprachkurs erinnern ein bisschen an die von Roman Polanski in "Tanz der Vampire" - einem anderen Film mit sehr viel Schnee.

Statt Blutsauger trifft Frank, der ab sofort Johnny Henriksen heißt, in Lillehammer jedoch auf die Freundlichkeit des norwegischen Sozialstaates. Und auf den zurückhaltenden Gemeinschaftssinn der Menschen hier. Van Zandts Charakter wäre kein echter Mafioso, würde er aus diesem Mentalitätsgefälle keinen Gewinn schlagen. Läuft er zu Anfang noch wie ein gestrandetes Alien durchs Schneetreiben der olympischen Kleinstadt, braucht der Mobster nur kurze Zeit, um sich an die neuen Umstände zu gewöhnen: Bald gehört Johnny die einzige Bar weit und breit, wobei ihn die absurd hohen Preise für Alkohol einfach die Methoden der amerikanischen Prohibitionszeit wiederbeleben lassen: Schmuggel und Schwarzbrennerei.

Seit Januar 2012 läuft die von Van Zandt mitproduzierte und mitgeschriebene Serie im staatlichen norwegischen Fernsehen, wo sie von Beginn an ein Straßenfeger war. Kofinanziert wurde die Culture Clash-Komödie vom amerikanischen Streamingdienst Netflix. Hauptdarsteller Van Zandt, 63, verkörpert die faszinierend ambivalente Hauptfigur mit viel Herzblut. Man leidet und hofft mit seinem lakonischen Bulldoggengesicht, ist jedoch auch immer wieder überrascht, mit welcher Konsequenz und Brutalität Johnny vorgeht. Während die Serienfigur sich an der norwegischen Mentalität abarbeitet und umgekehrt, geht es dem uramerikanischen Rockmusiker und spätberufenen Schauspieler Steven Van Zandt nicht viel anders.

1975 stieg das "Rock and Roll Hall of Fame"-Mitglied als Gitarrist in Bruce Springsteens E Street Band ein. Seit den gemeinsamen Jugendtagen in New Jersey ist er mit dem "Boss" befreundet. "Mir war das norwegische Wesen anfangs ebenso fremd wie Johnny Henriksen", lacht der notorische Spaßvogel nun im Interview-Hawaihemd statt Gala-Smoking. "Es gibt in Norwegen einen alten, sehr wichtigen Verhaltenskodex namens Janteloven. Der besagt, dass jeder Bürger gleich ist und keiner mehr Rechte besitzt als der andere. Bescheidenheit ist dort eines der höchsten Güter. Das klingt erstmal sympathisch, ziemlich demokratisch. Es führt aber auch dazu, dass die Norweger nicht allzu ambitioniert sind, mehr zu erreichen als ihr Nachbar."

Van Zandt war schon immer ein politisch ambitionierter, "linker" Amerikaner. 1985 führte Little Steven die musikalische Protestbewegung gegen das Apartheits-Regime in Südafrika mit dem Chartshit "Sun City" an. Das norwegische Wesen unauffälliger Bescheidenheit und eiserner Gesetzestreue verwirrt ihn hingegen. "Man sieht in Norwegen keine schicken Autos oder Leute, die aufgebrezelt herumspazieren. Du besuchst das Haus eines reichen Menschen und da hängt absolut nichts an der Wand. Die Norweger sind sehr konservativ. Vielleicht ist dies ein sehr altes Erbe. Das Geld kam ja erst 1972 ins Land, als man Erdöl aus der Nordsee zu fördern begann. Heute sind sie alle stinkreich, aber sie fassen ihr Erdölgeld nicht an."

"Lilyhammer", das so heißt wie es Johnny Henriksen dauerhaft falsch ausspricht, ist eine köstliche Komödie, in der sich Amerika über Europa lustig macht und umgedreht. Daraus bezieht Johnnys "Integrationsgeschichte" einen großen Teil ihrer Komik. Die Weichheit des europäischen Sozialstaats skandinavischer Prägung trifft aufs hemdsärmelige Fressen-und-gefressen-werden der amerikanischen Wettbewerbskultur. Van Zandt, der sich selbst als "Hippie-Rock'n'Roller" bezeichnet, sieht die Serie dennoch vor allem als Kritik an seinem eigenen Land: "Sie zeigt, dass Amerika keine Kultur hat. Man spricht zwar von einem Melting Pot, aber es ist eher ein großer Saustall. Im Gegensatz zu Norwegen sind die Amerikaner sehr materialistisch eingestellt. In Norwegen gibt es Dinge, die man nicht kaufen kann. In Amerika kriegst du alles, wenn du nur den richtigen Preis nennst. Das ist traurig, aber die Wahrheit."

Dass ein ungelernter Schauspieler so authentisch in seiner Rolle wirkt, hat Van Zandt laut eigener Aussage drei Dingen zu verdanken: Einmal dem guten Auge des "Sopranos"-Machers David Chase, der ihn als Musiker von der Bühne kannte und in dem Rock'n'Roller mit dem bunten Kopftuch ein Naturtalent sah. Folgerichtig bot ihm Chase eine Rolle im Ensemble an: Als Tony Sopranos Freund und Consigliere Silvio Dante führte er übrigens auch da einen Strip-Club. Die Erfahrung aus 81 Folgen "Sopranos", in denen Van Zandt mitwirkte, waren ebenso Ausbildung wie das Aufwachsen in einem urbanen italo-amerikanischen Umfeld während der 50er- und 60er-Jahre. "Als ich groß wurde", erinnert er sich, "gab es Mafia-Typen, die in meinem Umfeld rumhingen. Zumindest waren es Kerle, die gern Mafiosi gewesen wären. Aber wer kennt schon den Unterschied?"

Als "Sopranos"-Spin Off ist "Lilyhammer" jedoch keineswegs zu verstehen. "Ich finde", analysiert der TV-Mafioso, "dass meine beiden Gangster sehr unterschiedlich sind. Ich hätte den aus 'Lilyhammer' nicht zuerst spielen können. Für mich als Schauspielnovizen war es gut, dass die eher konservative Version eines Gangsters in den 'Sopranos' zuerst kam. Aber ich habe nicht viel gemeinsam mit meinen Rollen. Manchmal wünschte ich, ich wäre ein bisschen mehr wie meine Gangster. Ich würde geschäftlich sehr viel mehr geregelt bekommen."

Quelle: teleschau - der mediendienst