Charly Hübner

Charly Hübner





Der Maueröffner

Wer den großartigen Schauspieler Charly Hübner aus dem Rostocker "Polizeiruf" kennt oder ihn im so unglaublich wahren Kinofilm "Eltern" gesehen hat, reibt sich verwundert die Augen. Als Grenzkommandant Harald Schäfer gibt der 1972 an der Mecklenburger Seenplatte geborene Schauspieler eine ganz andere Figur ab. Statt modernem Straßen-Cop oder gestresstem Vater spielt Hübner stoisch und mit perfektem sächsisch-brandenburger Mischdialekt jenen DDR-Grenzoffizier, der am 9. November 1989 die Mauer fallen ließ. Die erstaunlich tiefgründige ARD-Komödie "Bornholmer Straße" (Mittwoch, 05.11., 20.15 Uhr) ist der aberwitzig gut besetzte Jubiläumsfilm zum 25. Jahrestag des historischen Ereignisses. Unter den vielen famosen Darstellern sticht Hübner als magenkranker Offizier, der zum Held wider Willen wird, dennoch heraus.

teleschau: Wissen Sie noch, was Sie gerade taten, als am 9. November 1989 die Grenze geöffnet wurde?

Charly Hübner: Ja, das weiß ich noch sehr genau (lacht). Am 11.11. jährte sich die Gründung des Feldberger Karneval Klubs, kurz FKK. Mein Vater war Ehrenpräsident und Gründer. Wir Jungen wollten die Alten zum Jubiläum mit einem Programm überraschen und waren deshalb am 9. November heftig am Proben. Es lief sehr gut, und nach dem Proben kam das Trinken. Wir waren am Ende des Tages sehr betrunken - auf Deutsch: Ich habe nichts mitbekommen.

teleschau: Wie haben Sie dann erfahren, dass die Grenze auf ist?

Hübner: Meine Mutter hat mich um 5.10 Uhr geweckt, schwarzen Kaffee gebracht und nix gesagt. Später habe ich dann den Zug in die Kreisstadt genommen, wo ich Abitur machte. Im Zug haben sich zwei stadtbekannte Trinker darüber unterhalten, dass sie nun mal nach Westberlin fahren wollen. Der eine sagte: "Wenn das nächste Sozialgeld da ist, mach ich rüber." Und ich dachte nur daran, wie früh am morgen es war und wie man da schon so einen sitzen haben konnte. Doch es war ja anders - wie wir wissen. Als ich in der Schule ankam, war die Hälfte der Klasse schon weg. Im Laufe des Vormittags sah ich dann die ersten Fernsehbilder und habe den Mauerfall so mit gut zwölfstündiger Verspätung erlebt.

teleschau: Warum hat Ihre Mutter am Morgen nichts gesagt?

Hübner: Ich nehme an, weil sie unter Schock stand - was ich nachvollziehbar finde. Man kennt das ja, wenn etwas Krasses im Leben passiert. Man klammert sich an Routinen und macht erst mal alles so, wie man es immer gemacht hat, um solche Dinge mit der Zeit begreifen zu können.

teleschau: Wann war Ihnen klar, dass der 9. November ein historisches Datum sein würde?

Hübner: Das war mir sofort klar. Es war im Osten jedem klar. Allein wegen der Reisefreiheit. Jeder kapierte das, es hat jeden elektrisiert. Ich bin dann fünf Tage später auch über die Bornholmer Strasse rüber in den Westen, nach Wedding. Und war enttäuscht, dass es da gar nicht so bunt war wie immer alle gesagt hatten. Eigentlich sah es aus wie Prenzlauer Berg. Erst am Kuhdamm wurde es bunt.

teleschau: Aber haben Sie die Tragweite des Tages damals erkannt?

Hübner: Nein, dass die baldige Konsequenz Währungsunion und Wiedervereinigung heißen würde, darüber habe ich nicht nachgedacht. Wie viele andere dachte auch ich, dass die Mauer mal eine Weile offenbleibt. Dass die vielleicht noch das Weihnachtsgeschäft mitnehmen und das Ding dann im Januar wieder zumachen. Doch es folgten Wahlen im darauffolgenden März, das war dann die kurze Zeit unter Modrow. Da spürte ich so rein energetisch, dass das mit der DDR nicht mehr lange gehen würde. Als Jugendlicher denkt man nicht so analytisch über Politik nach. Aber man hat ein feines Gespür, wie die Stimmung ist. Und damals im März war mir klar, das die DDR nicht mehr lange existieren würde.

teleschau: Fanden Sie das gut?

Hübner: Ja, es gab die D-Mark, ich bin in die Türkei gefahren, und als ich wiederkam, wurde schon das Datum für die Wiedervereinigung bekannt gegeben. Plötzlich ist in mir so ein totaler Widerwillen aufgekommen. Nicht weil ich grundsätzlich dagegen war, aber ich hatte so ein Gefühl von: Boah, das ist jetzt aber zu schnell. Ich dachte daran, dass Stefan Heym und Christa Wolf auf der einen Demo neulich doch gesagt hatten, dass wir jetzt noch mal was anderes probieren wollen. Und dann jetzt doch schon Helmut Kohl? Ach so ... krass. So dachte ich (lacht), eben wie ein Teenie. Und dann war's passiert. Wir waren wiedervereint.

teleschau: In den letzten zehn Jahren gab es viele Dramen und Event-Movies zu Mauerfall und Wende. Zum Jubiläum produzierte die ARD nun eine skurrile Komödie. Ist das die bessere Tonalität, um den Mauerfall mit etwas Abstand zu feiern?

Hübner: Das kann ich nicht beurteilen. Ich komme ja von der Spaßpunk-Fraktion, und deshalb entspricht mir dieser Ansatz. Wenn man sich die Ereignisse jener Nacht am Grenzübergang Bornholmer Straße protokollarisch anschaut, ist es aber tatsächlich eine Situation voller Komik. Die Grenzwächter standen da wie kleine Kinder und warteten auf einen Befehl. Sie schauten die Leute an, die immer mehr wurden. Und warteten nervös immer weiter auf einen Befehl - der nicht kam. In dieser Situation liegt schon eine Menge Humor. Teilweise haben mich die überlieferten Dialoge der Grenzer an Loriot erinnert.

teleschau: Was fanden Sie an der filmischen Umsetzung komisch?

Hübner: Genial ist die Idee, dass die wartenden DDR-Bürger am Schlagbaum als normale menschliche Wesen gezeigt werden - die Gesichter weich, die Kamera nah dran - während wir Grenzer uns in Strukturen und Formalitäten bewegen. Wir laufen eckig, reden vorschriftsgemäß und sind wie Aliens. Bis dann am Ende die Grenze aufgeht, eine Frau den Beamten umarmt und sagt: "Ihr seid ja ganz normale Menschen." Der Satz löst die Spannung der Situation auf und bringt auch die ganze Absurdität dieses Gegensatzes auf den Punkt. Ich finde das sehr gelungen.

teleschau: "Bornholmer Straße" transportiert eine im deutschen Film sehr seltene Form der Komik. Sie erinnert fast ein bisschen an alte tschechische Filme und deren verschmitzten Witz, zum Beispiel an Arbeiten von Jiri Menzel ...

Hübner: Ja. Ich liebe diese tschechischen Filme, weil sie fast immer mit so einem Menschenwitz daherkommen. Das ist so ein Humor, der einer entspannten Schlagfertigkeit entstammt. Er ist nicht überzogen, nicht überreizt oder grotesk, sondern er passiert nebenbei, parallel zum Menschsein. Wir zeichnen im Film ganz normale Menschen. Die wie ich in der Rolle auf der Toilette sitzen, Magenprobleme haben und eben so eine fallende Grenze bewachen.

teleschau: "Bornholmer Straße" ist ein menschliches Porträt über Grenzer, die sich das Menschsein nach außen hin von Berufs wegen abgewöhnt hatten?

Hübner: Genau. Und nur so funktioniert der Film, weil er ja in der Gegenwart erzählt. Nehmen Sie einen Film wie "Sonnenallee" - eine tolle Komödie, aber sie wird aus der Erinnerung erzählt. Da kann man herrlich verdichten, überspitzen, inszenieren. Wir hingegen erzählen den Verlauf einer merkwürdigen Nacht. Wir tun dies bei aller Komik, die die Situation hat, ziemlich realistisch, und das funktioniert nur dann, wenn der Zuschauer Empathie für die Protagonisten empfindet. Im Verlauf des Films kommt immer mehr Wärme in die Figuren. Eben durch die Leute auf der Brücke, die in Richtung Grenze drängen. Wir zeigen den Mauerfall als eine Welle der Wärme, die das ganze System zu Fall bringt (lacht).

teleschau: Haben Sie auf der echten Bornholmer Brücke gedreht?

Hübner: Nein, das ging nicht. Allein schon, weil die relativ bald nach der Grenzöffnung eine Straßenbahn über die Brücke gebaut haben, so als verbindendes West-Ost-Element. Ich kann mich noch gut daran erinnern, weil ich ein Weile im Wedding nahe der Brücke gewohnt habe. Nein, gedreht haben wir in Wanzleben bei Magdeburg. Dort gab es einen alten Agrarspeicher ohne Dach, ein riesiges Gelände. Dort wurde das ganze Szenario rund um den Grenzbaum nachgebaut. Dann gibt es eine Brücke am Berliner Gesundbrunnen, die sich eignet, um den Blick nach Westen zu erzählen. Und wir haben in Marienborn gedreht. Da gibt es den alten Grenzübergang nach Helmstedt, der ist noch im alten Stil erhalten. Aus diesen verschiedenen Motiven wurde der Film dann zusammengesetzt.

teleschau: Haben Sie den echten Harald Schäfer, den Kommandanten des Grenzpostens, also das Vorbild für Ihre Rolle, vor dem Dreh kennengelernt?

Hübner: Ja, wir haben uns direkt am Grenzübergang getroffen, und er hat mir alles gezeigt und erklärt, wie es damals war. Wir konnten uns gut austauschen, denn ich hatte ja auch noch eigene Erinnerungen an diesen Ort aus der Zeit kurz danach. Es war gut für meine Arbeit, Harald zu erleben. Er ist aus Bautzen in Sachsen, spricht aber so einem brandenburgisch-sächsischen Mischdialekt, der ihn total prägt. Dazu redet er mit einer ganz tiefen, in sich ruhenden Stimme, die erst mal eher so ein Grummeln ist. Ich fand das für die Rolle sehr inspirierend und musste ihn da einfach kopieren.

teleschau: Manche Schauspieler finden, dass sie die Begegnung mit einem realen Rollenvorbild lähmt...

Hübner: Das empfand ich hier ganz anders. Ich habe da bei ihm eine ganz tiefe Erde gespürt. Harald ist ein sehr bodenständiger Mensch, der sich aber dennoch in diesem System hochgearbeitet hat. Er war ja auch Befehlsgeber. Diese Mischung aus beidem war für mich der Schlüssel zur Rolle. Es gibt ja Figuren, die schweben eher oder sie sind immer in Habachtstellung. Diese Figur war das Gegenteil davon.

teleschau: Würden Sie sagen, dass er ein Held ist?

Hübner: Nein, aber nicht, weil ich ihm das nicht gönne. Er hat spontan und aus seinem Herzen entschieden. Etwas, das bodenständige Menschen ja oft auszeichnet. Vom Grenzturm aus kann man die ganze Bornholmer Strasse hinuntergucken bis zur Schönhauser Allee, weil das Gelände in diese Richtung leicht abschüssig ist. Irgendwann sah Harald, dass da 200.000 Menschen stehen. Und sie waren 22. Alles andere als die Grenze zu öffnen, wäre Wahnsinn gewesen.

Quelle: teleschau - der mediendienst